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Stadtpolitik Grüne Harmonie, geklaute Farben: Eine Analyse der Wahlplakate in Dresden
Dresden Stadtpolitik Grüne Harmonie, geklaute Farben: Eine Analyse der Wahlplakate in Dresden
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15:57 15.05.2019
Jedes Wahlplakat hat eine Rückseite. Und die ist manchmal nicht so attraktiv wie die Front. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Egal was gewählt wird: Wahlkampf bringt auch immer Unmengen an Wahlplakaten mit sich. Heerscharen von Marketingexperten, Kommunikationswissenschaftlern und Werbestrategen zerbrechen sich die Köpfe über möglichst ansprechende Gestaltung.

Das gelingt nun nicht immer. Die Plakate zur Dresdner Kommunalwahl analysiert Thomas Baumann-Hartwig.

Die Kontrahenten: CDU

Ja was ist das denn? In der Altstadt zeigt nicht nur der CDU-Spitzenkandidat Hans-Joachim Brauns Flagge, sondern auch Listenbewerber Nummer zwei. Patrick Schreiber wirbt ganz in Grün. Das hat aber nichts mit Politik zu tun, sondern mit Mandat. Schreiber sitzt im Landesparlament, die Sachsenfarben sind weiß-grün und eigentlich hat das Plakat rein gar nichts mit Kommunalwahl zu tun. Rein gar nichts! Schreiber will nur auf seine Aktivitäten als Landtagsabgeordneter hinweisen. Na wenn das so ist...

Wahlplakate der CDU: Hans-Joachim Brauns und Patrick Schreiber. Quelle: Anja Schneider

Brauns hat beim CDU-Kreisparteitag im Handstreich die Pole-Position erobert und darf jetzt, dank Bildbearbeitung um einige Falten ärmer, als Spitzenkandidat von den Plakaten lächeln. Die CDU verzichtet auf Botschaften und vermarktet ihre Bewerber wie ein Produkt: Brauns!, hallt es in dicken Lettern von den Plakaten. „Gut. Besser. Lebenswert.“, steht darunter. So geht Werbung: „Quadratisch. Praktisch. Gut!“ Drei Wörter müssen es sein, kurz, prägnant, eingängig.

Die Harmonischen: Bündnis 90/Die Grünen

Die Grünen verstehen es, sich zu vermarkten. Sie setzen nicht auf Namen, sie setzen auf Gefühle: Frau und Mann nebeneinander auf dem Plakat, was für eine Harmonie und Eintracht. Ich gebe es gerne zu, ich halte die Wahlkampfplakate der Grünen für sehr gelungen.

Wahlplakat der Grünen: Thomas Löser posiert neben Nicole Oberüber. Quelle: Anja Schneider
Vote 4 Platz 5: Wahlplakat von Johannes Lichdi. Quelle: Anja Schneider

Erst streiten sie sich lange und heftig und meucheln lustvoll ihren Stadtvorsitzenden Klemens Schneider von der Kandidatenliste, dann posieren sie gemeinsam für die Plakate. Dieses Lächeln, diese Blicke! Einfach herrlich. Und Schneider verzieht sich nicht in den Schmollwinkel, sondern bleibt Stadtvorsitzender. Sie sind erwachsen geworden, die Grünen.
Allerdings: Einer tanzt aus der Reihe. Johannes Lichdi macht in der Neustadt seinen eigenen Wahlkampf. „Diesmal auf Platz 5“, textet Lichdi, wohl auch ein Opfer neuer Grüner Befindlichkeiten.

Die Gutaussehenden: SPD

Das Auge wählt mit, wissen die Sozialdemokraten und legen deshalb Wert auf außerordentlich gutes Aussehen. Stadtvorsitzender Richard Kaniewski hat zum Messer gegriffen und sich den Rauschebart abrasiert. Jetzt gibt es keine Assoziation mehr zu anderen Trägern von Rauschebärten, jetzt sieht er wieder aus wie der Schwarm aller Schwiegermütter! Und die vielen jungen Frauen erst! Sehr schön anzusehen. Das ist echter Wahlkampf fürs Auge.

Kein Bart, viel Lächeln: Richard Kaniewski. Quelle: Anja Schneider

„Oh Gott!“, dachte ich allerdings beim Wahlplakat von Martin Dulig. „Ist der jetzt auch noch zu den Freien Wählern übergelaufen?“ Nein, ist der Landesvorsitzende der Sozialdemokraten natürlich nicht. Er macht nur ein bisschen Werbung für die Europawahl und will mal was anderes ausprobieren. Soso...

Die Zerfaserten: FDP

Landesvorsitzender Holger Zastrow dürfte die Dresdner FDP bei der Gestaltung der Wahlplakate nicht beraten haben. Zastrow kann Werbung, deshalb hat er auch eigene Wahlplakate für sich gestalten lassen. Mit Fernsehturm und der Botschaft: „Wir kümmern uns!“ Sehr eingängig und um Klassen besser als die offiziellen FDP-Plakate.

Aus der Entfernung schwer zu entziffern: FDP-Wahlplakate enthalten dieses Jahr viel Schrift. Quelle: Anja Schneider

Ganz viel Schrift auf dem halbkörpergroßen Kandidatenfoto, wer hat sich diesen Weggucker einfallen lassen? Welcher Fußgänger kann den Namen des Kandidaten aus handelsüblicher Entfernung entziffern? Bei allem Respekt: Die FDP hat für meinen Geschmack das schlechteste Plakat an die Laternenpfähle der Stadt gebracht.

Die Gesichtslosen 1: Die Linken

Die Dresdner Linken verzichten konsequent auf Gesichter. Kann man machen, die Partei hat ihre Kandidatenriege verjüngt und bringt auch Personal an den Start, das wenig bekannt ist.

Die Linke wirbt ganz ohne Porträtfotos. Quelle: Anja Schneider

Stattdessen setzen sie auf kurze knackige Sprüche. Beispiel gefällig? „Dresden verbessern. Nicht verkaufen“. Ja, das klingt nach klarer Kante. Dresden soll nicht verkauft werden. Irgendeine finstere Macht plant aber den Verkauf von Dresden. Die Lösung: Linke wählen! Nur so kann die Stadt verbessert werden. Die Realität ist geringfügig anders: Gerade läuft eine Welle von Rekommunalisierungen. Erst Stadtreinigung, dann Drewag, rückkaufen statt verkaufen. Textet sich aber schlecht, zugegeben.

Die Gesichtslosen 2: AfD

Auch die AfD tritt mit einer Mannschaft zur Kommunalwahl an, die kommunalpolitisch bisher wenig in Erscheinung getreten ist. Sie verzichtet ebenfalls auf Köpfe und setzt auf Sprüche. Die genauso kurz und knackig wie die der Linken sind, aber denen fast völlig der Dresden-Bezug fehlt. Brauchen wir nicht, werden sich die AfDler denken, unsere Wähler wählen eh’ Protest. „Für unsere Heimat“ oder „Wählen, nicht meckern“ heißen die Drei-Wort-Botschaften. So weit, so gut. Aber „Vernunft Stadt Ideologie“? Häh? Ist das jetzt Legasthenie oder Ironie? Keine Ahnung.

Ebenfalls kopflos: Die AfD-Wahlplakate. Quelle: Anja Schneider

Die AfD kann jedenfalls nach der Kommunalwahl ihre Plakate abnehmen und zum Landtagswahlkampf im August gleich wieder aufhängen. Die Gefahr: Der Sättigungseffekt. Das Plakat mit den drei sorbischen Frauen in voller Tracht – „Multikulti haben wir schon“ – war bereits zum Bundestagswahlkampf 2017 zu sehen. Es ist nicht origineller geworden.

Die Appellativen: Freie Wähler

Die Freien Wähler werben traditionell mit Köpfen, aber auch einem hübschen anderen Konzept: Leeren Plakaten, die mit Sprüchen beschriftet werden. „Hier könnte ein Baum stehen“ oder „Hier könnte eine Bank stehen“ haben einen appellativen Charakter, regelrecht köstlich ist aber: „Hier fehlt eine Stromtankstelle“ vor dem Sächsischen Wirtschaftsministerium. Ganz in türkis wie der Wirtschaftsminister Dulig auf seinem eigenen Plakat zur Europawahl.

Quelle: tbh

Der Sieger: Eine Idee aus Freital

Sorry, liebe Dresdner Parteien, aber es kann nur einen Sieger geben: „Mehr Tourismus waden! Radwege ausbauen.“ Ist in Freital zu sehen, stammt von den Linken und bietet genialen Sprachwitz: Tourismus waden... Weil Radfahren in die Waden geht. Glückwunsch an die Freitaler Wadlbeißer!

Quelle: tbh

Von tbh

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