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Stadtpolitik Jugendhilfe in Dresden soll neue Wege gehen – Streitpotenzial schon absehbar
Dresden Stadtpolitik Jugendhilfe in Dresden soll neue Wege gehen – Streitpotenzial schon absehbar
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11:41 16.11.2017
Forscher legen Plan vor: Die Dresdner Jugendhilfe soll neue Wege gehen.
Forscher legen Plan vor: Die Dresdner Jugendhilfe soll neue Wege gehen.  Quelle: dpa-Zentralbild
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Dresden

Die Dresdner Jugendhilfe soll neue Wege gehen. Fachleute vom Zentrum für Forschung, Weiterbildung und Beratung an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit (EHS) haben dazu am Mittwoch ein Konzept präsentiert. „Damit wird jetzt die Fachdiskussion eröffnet“, erklärte Jugendamtsleiter Claus Lippmann bei einer Veranstaltung im Festsaal des Stadtmuseums.

Die Untersuchung war im Auftrag des Stadtrats entstanden, der 2015 damit unter anderem die Suche nach präventiven Ansätzen in der Jugendhilfe anstoßen wollte. Dahinter steht der Gedanke, mit vorbeugenden Ansätzen, Problemfälle schon frühzeitig erkennen und damit spätere kostenintensive Hilfsangebote vermeiden zu können. In den vergangenen Jahren sind die Ausgaben für Hilfen zur Erziehung (HzE) alljährlich gestiegen und bewegen sich mittlerweile bei mehr als 60 Millionen Euro im Jahr.

Lippmann machte bereits bei seiner Einleitung klar, dass im EHS-Papier auch Defizite benannt würden. Dies sei jedoch nichts Ungewöhnliches. Ansätze für Verbesserungen gebe es bei allen Prozessen. Die Fachexpertise hat es in sich. So kommen die Wissenschaftler nach ihrer viermonatigen Untersuchung der Dresdner Jugendhilfe-Landschaft in ihrem mehr als 100-seitigen Bericht zu dem Schluss, dass in Dresden „ein Mangel an gemeinsamen Sichtweisen, Modellen und Konzepten für eine planmäßige, systematische sozialräumliche Praxis, die ihren Bezugspunkt in aufeinander abgestimmten Strategien und Arbeitsprinzipien hat, besteht“. Vielmehr scheine ein Primat der Strukturorientierung und Selbstreferenz von Einrichtungen und Segmenten der Kinder- und Jugendhilfe sowie der sozialen Hilfelandschaft insgesamt zu existieren“, die von den Befragten vor allem durch „Versäulung“ oder „Konkurrenz“ gekennzeichnet worden sei. Dies gelte sowohl für die Akteure in der praktischen Jugendhilfe als auch die Verwaltung.

Die Forscher haben zudem eine „explosionsartige Entwicklung von HzE-Anbietern“, „starre Finanzierung“ und „zunehmende Privatisierung“ ausgemacht. Nach der Aufstellung der Experten existieren in Dresden derzeit 40 Einrichtungen der offenen Jugendarbeit, sieben Abenteuerspielplätze, 12 Projekte mobiler Jugendarbeit, zwei Projekte mobiler Arbeit mit Kindern und Familien, 28 Schulen mit Schulsozialarbeit sowie 13 Angebote der Familienbildung. Dresden verfüge über eine „solide ausgestattete Hilfelandschaft“.

Das Problem fängt wohl bei den Begrifflichkeiten an. Da mag sich „Versäulung“ als Mangel an Kooperation zwischen verschiedenen Akteuren noch allgemein erschließen, bei der „Sozialraumorientierung“ dürfte das aber schon schwieriger werden. So konstatieren die Wissenschaftler, dass die Diskussion über diesen Begriff mittlerweile „sehr unübersichtlich“ geworden sei und sich jeder etwas anderes vorstelle. Dabei soll gerade darin die Neuausrichtung liegen. Es gehe nicht um die Frage, ob „Fall“ oder „Feld“, sondern um den „Fall im Feld“, heißt es im Fachjargon. Ganz grob übersetzt: Es soll also nicht mehr darüber diskutiert werden, ob der Einzelfall oder sein soziales Umfeld bearbeitet wird, vielmehr soll der förderbedürftige junge Mensch so unterstützt werden, wie es unter anderem sein Lebensumfeld erfordert.

Außerdem wird der Neuausrichtung das Motto „Hilfe aus einer Hand“ auf die Fahnen geschrieben. Die Wissenschaftler schlagen neben noch weitergehenderen vor, Pieschen, Leuben und Plauen/Lockwitz als Modellregionen zu behandeln. Hier sollen Sozialraumkoordinatoren sowie Kinder- und Familienzentren (KiFaZ) die Vision auf niedrigschwelligem Niveau umsetzen. Die Modellgebiete sollen auch mit Aktionsbudgets ausgestattet werden. Bewährt sich dieser Versuch, könnte er auf das gesamte Stadtgebiet ausgedehnt werden. Als Ersatz für den Rechtsanspruch auf Hilfsangebote sei dies alles nicht gedacht, es stehe kein Sparkonzept dahinter. Die „KiFaZ“ sollen auch nicht die bestehenden Jugendhäuser ersetzen.

Dennoch bestehen solche Sorgen und auch Finanzfragen standen sofort im Raum. Anja Stephan, die für die Linke im Jugendhilfeausschuss sitzt, fragte, wie sich diese Überlegungen in die beginnende Haushaltsdiskussion eingebetten ließen. Auch Jugendamtsleiter Lippmann warf die Frage auf, wie Vorschlägen im EHS-Konzept zum weiteren Ausbau der Ganztagsangebote an Schulen passen. Carsten Schöne vom Paritätischen Wohlfahrtsverband bewertete es zunächst als positiv, „einmal von außen die Jugendhilfe zu betrachten“. Das sollte nicht gleich zerredet werden. Für Lippmann ist mit dem „weitsichtigen Beschluss des Stadtrats“ eine Diskussion und Entwicklung angestoßen, deren Früchte in vier oder fünf Jahren geerntet werden könnten.

Von Ingolf Pleil