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Stadtpolitik "Ich dachte, ich muss sterben" - Rechte überfallen Wohnprojekt in Dresden-Löbtau
Dresden Stadtpolitik "Ich dachte, ich muss sterben" - Rechte überfallen Wohnprojekt in Dresden-Löbtau
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22:42 09.09.2015
Nach dem Überfall von rechtsextremen Gewalttätern auf das linksalternative Wohnprojekt "Praxis" in Löbtau ermittelt die Polizei nun wegen Landfriedensbruch.
Nach dem Überfall von rechtsextremen Gewalttätern auf das linksalternative Wohnprojekt "Praxis" in Löbtau ermittelt die Polizei nun wegen Landfriedensbruch. Quelle: Privat
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"Wir kriegen euch alle!", skandiert der braune Mob. Nur wenige Meter entfernt stehen einige wenige Streifenpolizisten - sie gehen nicht gegen die Angreifer vor.

Den brutalen Überfall am Rande der geplanten Naziaufmärsche am Sonnabend hat ein Amateurfilmer festgehalten, das zweiminütige Video kursierte bereits kurze Zeit später im Internet. Insgesamt zehn Minuten dauert der Spuk laut Augenzeugenberichten. Den zum Teil mit Schaufeln und Eisenstangen bewaffneten Rechtsextremen gelingt es glücklicherweise nicht, in das Wohnhaus einzudringen. Die Bewohner hatten aus früheren Attacken gelernt und die Fenster im Erdgeschoss mit Draht gesichert. So blieb es am Ende bei Sachschäden.

Spuren hat der Angriff bei den in dem Haus eingeschlossenen Menschen trotzdem hinterlassen: "Ich dachte, ich muss sterben, als ich die Massen anrücken sah. Als die ersten Steine flogen, dachte ich, wir kommen hier nie wieder lebend raus", sagte eines der Opfer, der sich aus Angst vor Racheakten der Nazis gegenüber unserer Zeitung als Stefan Kunze ausgibt. Zum Zeitpunkt des Überfalls befanden sich seinen Angaben nach bis zu 40 Leute im Haus.

Laut Kunze waren die Rechtsextremen zuvor von der Kesselsdorfer Straße über die Wernerstraße zu dem Wohnprojekt gezogen. Die Polizei spricht von etwa 200 Angreifern, die Linken von 250. Schon auf der Wernerstraße hätten die Nazis Pflastersteine aus dem Boden gerissen und die Scheiben der Erdgeschosswohnungen in den Hausnummern 9 und 11 - in denen ebenso Alternative wohnen - attackiert. "Ein Stein landete sogar in einem Kinderbett. Glücklicherweise war das Kind in weiser Voraussicht zuvor zu den Großeltern geschafft worden", schildert Kunze.

An der Straßenecke zur Columbusstraße rissen seinen Worten nach die Rechtsextremen schließlich auch Gullydeckel aus ihren Verankerungen, stürmten Hauseingänge, um sich mit dort abgestellten Gegenständen zu bewaffnen und sprühten zudem Reizgas durch die zertrümmerten Fenster der "Praxis". Neben den Scheiben gingen in den Räumen auch Tische und Stühle zu Bruch.

Woher die Angreifer stammen, lässt sich nur mutmaßen. "Einige von uns sagten, es waren Nazis aus Köln, Cottbus und Königswusterhausen dabei", erklärt Kunze. Der gezielte Angriff auf die "Praxis" lässt aber zumindest eine gewisse Ortskenntnis zu vermuten.

Dass die Polizei - wie im Video deutlich erkennbar - nur wenige Meter daneben steht und nicht dazwischen geht, ist für Kunze unbegreiflich. Man überlege, nun Anzeige zu erstatten.

Die Dresdner Polizei weist den Vorwurf entschieden zurück. "Im Umfeld befanden sich einzelne Kräfte der Verkehrsregelung. Sie ergriffen umgehende Maßnahmen, um Unbeteiligte vom Ort der Auseinandersetzung fernzuhalten. Zeitgleich wurden entsprechend ausgerüstete Einsatzkräfte zum Ort entsandt", heißt es von der Polizei - ohne jedoch diese Maßnahmen näher zu erläutern. Als die Beamten eintrafen, seien die Angreifer allerdings schon wieder weg gewesen. Polizeisprecherin Jana Ulbricht bestätigte am Montag, dass die Nazi-Gruppe "im Nachgang von einer anderen Polizeigruppe" aufgegriffen wurde, konnte allerdings noch nicht sagen, ob dabei Personalien aufgenommen wurden. Die Polizei ermittelt nun wegen Landesfriedensbruch.

Sebastian Kositz