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Lokales Zehn Jahre Stolpersteine in Dresden: „So etwas Grausames darf nie wieder passieren“
Dresden Lokales Zehn Jahre Stolpersteine in Dresden: „So etwas Grausames darf nie wieder passieren“
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15:49 26.11.2019
Die Stolpersteine von Julius Ferdinand Wollf und seiner Frau. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Uniformierte Männer stürmen eine Villa in der Dresdner Altstadt, schlagen und beschimpfen die Bewohner – und das regelmäßig. Auch nachts. Wochenlang. Sie reißen wertvolles Porzellan aus den Schränken und schleudern es auf den Eigentümer des Anwesens. Die Teile der Sammlung zerklirren auf dem Boden. Zum Abschied rufen sie: „Wir kommen morgen wieder und wenn ihr Schweine dann noch lebt, bringen wir euch um.“ Auf der Montur der Eindringlinge: das Emblem der SS.

1942 überfallen Mitglieder der Schutzstaffel die Eheleute Johanna Sophie und Julius Ferdinand Wollf. Um ihrer Deportation nach Theresienstadt zu entgehen, entscheiden beide, sich mit Gift das Leben zu nehmen.

Verleger, Chefredakteur und Schauspielkritiker Julius Ferdinand Wollf. Quelle: Archiv

Julius Ferdinand Wollf stirbt noch am gleichen Tag, seine Frau Johanna überlebt das in den Tee hineingerührte Gift zunächst. Erst am Tag darauf endet ihr Leben in der „Sieche“, wie die Dresdner damals das Krankenhaus in Löbtau nennen.

Stolpersteine – erdacht von einem Künstler aus Köln

Das Schicksal des Ehepaares Wollf ist nur eines unter Millionen nicht erzählter oder verdrängter Biografien. Rund zehn mal zehn Zentimeter große Messingtafeln in Gehwegen wollen dem Vergessen etwas entgegensetzen: die Stolpersteine, erdacht vom Kölner Künstler Gunter Demnig im Jahr 1992.

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„Die Intention der Stolpersteine ist das würdige Gedenken an Menschen, die zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten benachteiligt, deportiert, vertrieben, ermordet oder anderweitig verfolgt wurden“, sagt Ronny Geißler, Vorstandsmitglied im Verein Stolpersteine für Dresden. Gedacht wird nicht nur jüdischen Menschen wie Julius Ferdinand Wollf. Auch Roma und Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und Menschen mit Behinderungen stehen im Fokus des Projektes. Und politisch Verfolgte wie die kommunistische Widerstandskämpferin Rosa Menzer.

Rosa Menzer – politisch verfolgt

Am 4. Januar 1886 kommt Rosa Menzer unter dem Namen Hiende Reise Litwin in Plunge – einer Stadt in Litauen – auf die Welt und wächst jüdisch-orthodox auf. Mit 20 reist sie nach Berlin und schließt sich dort jungen Sozialisten an. Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich zu der Zeit als Hausschneiderin und lebt in ständiger Angst vor einer drohenden Abschiebung. Deshalb flüchtet sie einige Jahre später nach Dresden.

Die kommunistische Widerstandskämpferin Rosa Menzer. Quelle: Repro

Dort angekommen, heiratet sie den um 20 Jahre älteren Schriftsteller und Bildhauer Max Menzer. 1918 tritt sie kurz nach deren Gründung in die „Kommunistische Partei Deutschlands“ (KPD) ein. Ihre Wohnung an der heutigen Rosa-Menzer-Straße 19 wird rasch zum Treffpunkt und Zufluchtsort für politisch Verfolgte.

Fast 230 Stolpersteine bislang in Dresden

Nicht nur an Rosa Menzer und Julius Ferdinand Wollf erinnern die Stolpersteine: Im Stadtgebiet Dresden liegen 225 weitere an über 100 Stellen. „Die ersten Fünf wurden im Herbst 2009 verlegt“, sagt Ronny Geißler. Anfang Dezember sollen an 13 neuen Stellen weitere hinzukommen. Dabei ist Dresden nur eine der Städte, in denen die Messingtafeln an die Schicksale der NS-Diktatur erinnern: „In 26 europäischen Ländern liegen insgesamt über 70.000 Stolpersteine“, sagt der Kölner Künstler Gunter Demnig. Damit gilt das Projekt inzwischen als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Stolpersteine liegen unter anderem in Belgien, Finnland, Frankreich, Norwegen, Russland und der Schweiz.

Um einen Stolperstein in der Landeshauptstadt verlegen zu lassen, muss eine Patenschaft abgeschlossen werden. Dafür kommen Privatpersonen in Frage, aber auch Vereine, Stiftungen, Bildungsträger oder Unternehmen. Kostenpunkt: 120 Euro. Das Frauenstadtarchiv Dresden übernahm die Patenschaft für den Stolperstein von Rosa Menzer, die Erbengemeinschaft der Familie Wollf diejenige von Julius Ferdinand Wollf.

Julius Ferdinand Wollf – einst DNN-Chefredakteur

Als Julius Ferdinand Wollf im Sommer 1903 von München nach Dresden zieht, übernimmt er erst die Ge­schäftsleitung und wenige Monate später auch den Posten des Chefredakteurs der Dresdner Neuesten Nachrichten (DNN). Zu der Zeit ist er noch völlig unbekannt in der Stadt – doch das ändert sich rasch. Der 1871 in Koblenz geborene Sohn eines jüdischen Kaufmanns integriert sich schnell – zu seinem Freundeskreis zählen alsbald bekannte Größen des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts. Rund 30 Jahre lang leitet er die Geschicke der DNN.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 ändert sich das schlagartig: Am 31. März 1933 verdrängen ihn die neuen Machthaber von seinem Posten als Chefredakteur, einige Jahre später funktionieren sie seine Stadtvilla zu einem „Judenhaus“ um. Am 27. Februar 1942 sieht er schließlich keinen Ausweg mehr – und flüchtet zusammen mit seiner Frau in den Tod. Julius Ferdinand Wollf stirbt mit 70 Jahren.

Ziel: Nazi-Opfern ihre Namen zurückgeben

Gunter Demnigs Intention des Stolperstein-Projektes: den Opfern der NS-Zeit ihre Namen zurückgeben. Grund:„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Deshalb solle der Name dort auftauchen, wo der Mensch zu Hause war. Verlegt werden die Steine daher am letzten bekannten Wohnort. Die Gravur auf der Oberfläche ist fast immer gleich. Eingeleitet wird sie mit „Hier wohnte“, ab und an findet sich auch „Hier lebte“ oder „Hier lehrte“. Es folgen der Name und das Geburtsdatum. Darunter knapp das erlittene Schicksal.

Um die Gravur auf den Stolpersteinen lesen zu können, müssen Passanten innehalten und sich bücken – eine Art Verbeugung vor dem Schicksal der NS-Opfer. „Die Stolpersteine regen im früheren Wohnumfeld niederschwellig und behutsam zur individuellen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit an“, sagt Julia Spohr, stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung Sächsische Gedenkstätten. „Einzelschicksale verdeutlichen die alltägliche Praxis politischer Verfolgung bis hin zur Ermordung und zeigen auf, welche Personen in einer Nachbarschaft davon berührt waren.“ So wie das Schicksal von Julius Ferdinand Wollf – oder das von Rosa Menzer.

Mord in der „Tötungsanstalt Bernburg

Wegen ihrer politischen Aktivitäten, besonders ihrer Mitgliedschaft in der KPD, verurteilt ein Gericht Rosa Menzer im Jahr 1934 zu 18 Monaten Gefängnis. Sie kommt ins Zuchthaus Waldheim und steht nach ihrer Entlassung unter polizeilicher Kontrolle. Fünf Jahre später wird sie zur Geheimen Staatspolizei (Gestapo) bestellt. Die unterstellt ihr, verbotenerweise Radio Moskau und Radio London gehört zu haben – obwohl sie nachweislich kein Radiogerät besitzt.

Kurze Zeit später deportieren die Nationalsozialisten Rosa Menzer ins Konzentrationslager Ravensbrück. Zwei Jahre bleibt sie dort – dann wird sie in die Tötungsanstalt Bernburg gebracht. Am 28. Mai 1942 – rund drei Monate nach dem Tod von Julius Ferdinand Wollf – ermordet das NS-Regime sie dort vermutlich in der Gaskammer. Rosa Menzer stirbt mit 56 Jahren.

Dresdner Ehrenamtler kümmern sich um die Recherche

Gunter Demnig verlegt die Stolpersteine zum größten Teil selbst. Er möchte vor Ort sein, die Stelle sehen und Kontakt mit Anwesenden und Angehörigen haben. Er will mit dem Projekt der nationalsozialistischen Massenvernichtung etwas entgegensetzten: „Daher sollen die Steine einzeln und nicht in Massen eingesetzt werden, um der Person dahinter gerecht zu werden.“

Für die Vorbereitungen sind im Dresdner Verein fünf Menschen zuständig – ehrenamtlich. „Drei kümmern sich um die Inschriften sowie die Aufarbeitung der Biografien, die später auch auf unserer Website veröffentlicht werden“, sagt Ronny Geißler. Dazu gehöre die Befragung der Angehörigen sowie die Recherche in diversen Archiven wie Pirna-Sonnenstein, dem Stadtarchiv Dresden und in Gedenkbüchern. „Die Inschriften werden vom Büro von Gunter Demnig immer noch einmal abgeglichen und natürlich mit den Angehörigen und Paten besprochen.“

Hilfe von der Stadt

Ronny Geißler kümmert sich dann um die Recherche zu den Verlegeorten. „Quellen sind hier die historischen Adressbücher der Stadt Dresden und alte Stadtpläne.“ Sollte der Ort nicht mehr erreichbar sein, etwa wegen Überbauung, suche er nach einer geeigneten, gut sichtbaren Stelle in der Nähe. „Im Anschluss fasse ich alles in einem Bauantrag zusammen, der dem Amt für Kultur- und Denkmalschutz zukommt.“ Das Amt übernimmt die Kommunikation mit dem Straßen- und Tiefbauamt, das „uns auch technische Hilfe für die Verlegung zur Verfügung stellt.“

Der Dresdner Verein achtet darauf, „keine Stolpersteine ohne die Zustimmung der Angehörigen verlegen zu lassen.“ Neben ihrer Gedenkfunktion im öffentlichen Raum erfüllen die Stolpersteine nämlich auch für die Angehörigen der Geehrten wichtige Funktionen. „Zum einen erfahren diese häufig erstmals eine Anerkennung des erlittenen Leids: Das Trauma, das die NS-Zeit hinterlassen hat, ist zwar in den Familienbiografien präsent, jedoch nicht in der Mehrheitsgesellschaft.“ Zum anderen würden die Stolpersteine häufig die Funktion eines Grabsteines übernehmen. Denn wer in Vernichtungslagern oder in Euthanasie-Einrichtungen ermordet wurde, für den gab es damals keine Grabsteine.

Elfriede Lohse Wächter – die Malerin stirbt in Pirna-Sonnenstein

Auch nicht für die 1940 ermordete Künstlerin Elfriede Lohse-Wächtler. Die Malerin kam am 4. Dezember 1899 als Anna Frieda Wächtler in Dresden auf die Welt. Während des ersten Weltkrieges beginnt sie ein Studium an der Kunstgewerbeschule Dresden, wechselt jedoch bald darauf an die Kunstakademie. Dort studiert sie Angewandte Grafik.

Im Jahr 1925 zieht sie zusammen mit ihrem Mann Kurt Lohse nach Hamburg. Die finanzielle Not als Freischaffende und die missglückte Ehe führen rund vier Jahre später zu einem Nervenzusammenbruch – und schließlich zur Einweisung in die Psychiatrische Klinik Hamburg-Friedrichsberg. Zu dieser Zeit fertigt sie ihre Serie der „Friedrichsberger Köpfe“ an, die ihr in Hamburg künstlerische Anerkennung einbringt.

Elfriede Lohse-Wächtler um 1928 Quelle: Nachlass Elfriede Lohse-Wächtler, Privatbesitz Hamburg

Nach dem Klinikaufenthalt in Hamburg veranlasst Elfriedes Vater ihre Einweisung in die nächste psychiatrische Anstalt: 1932 kommt sie nach Arnsdorf – die damals größte psychiatrische Einrichtung Sachsens. Auch dort fertigt sie Porträts an, besonders von Krankenschwestern, Ärzten und Mitpatientinnen. Drei Jahre später lässt sich ihr Ehemann scheiden: Die Nationalsozialisten entmündigen und sterilisieren die Malerin daraufhin. Am 31. Juli 1940 verlegt das NS-Regime sie kriegsbedingt – und ermordet sie noch am gleichen Tag in der Gaskammer der Landesanstalt Pirna-Sonnenstein. Elfriede Lohse-Wächtler stirbt mit 40 Jahren.

Künstler Demnig: Wichtig ist das Interesse junger Leute

Heike Richter vom Verein „Denk Mal Fort – die Erinnerungswerkstatt Dresden“ erlebt, dass die Stolpersteine Menschen ins Handeln bringen. Schicksale werden erforscht, Patenschaften übernommen. Ronny Geißler meint, die Inschriften verraten „in Schlagworten meist noch etwas zum zeitgeschichtlichen Rahmen“ und wirkten deshalb auf offene, „an der damaligen Zeit interessierte Menschen.“

Für Gunter Demnig ist vor allem das Interesse junger Leute entscheidend. „Über das Projekt finden sie einen ganz anderen Einstieg zum Thema der NS-Diktatur. Am Ende bleibt dann in den Köpfen hängen: So etwas Grausames darf nie wieder passieren.“

www.stolpersteine-dresden.de

Von Felix Franke

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