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Lokales Wochenkinder in der DDR: Eine Betroffene aus Dresden erzählt
Dresden Lokales Wochenkinder in der DDR: Eine Betroffene aus Dresden erzählt
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14:10 05.11.2019
Drei Jahre lang war Sabine F. in der Wochenkrippe. Erinnerungen an die Zeit hat sie keine. Dennoch spürt sie ihre Vergangenheit als Wochenkind in ihrem heutigen Leben. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

Es ist Winter 1968. Sabine F. ist erst wenige Wochen alt. Liebevoll wäscht ihre Mutter sie in der Badewanne. Daneben sitzt ihr Bruder, der seine kleine Schwester mit großen Augen anschaut. „Da war die Welt noch in Ordnung“, sagt Sabine F. heute, 51 Jahre später, und legt das Foto zur Seite. „Das zu sehen, tut richtig weh. Weil es nur so kurz war.“ Auf einem anderen Foto sitzt Sabine auf dem Töpfchen. „Mutti ist in der Nähe. Es geht mir gut“ steht unter dem Bild in schwarzer Tinte. Eine Wochenendszene – denn von Montag bis Freitag muss Sabine F. in die Wochenkrippe, Tag und Nacht.

Mutter hat keine Zweifel, dass es ihr dort gut geht

Dort bleibt sie drei Jahre lang. Sogenannte Wochenkinder wie Sabine F. gab es in Ostdeutschland 100. 000, wahrscheinlich sogar 600. 000, sagt Heike Liebsch, die das Thema wissenschaftlich untersuchte. Allein in Dresden seien es zwischen 10 .000 und 30 .000 gewesen. Zweck der Einrichtungen war es vor allem, den Müttern das Arbeiten und Studieren zu ermöglichen.

Sabine F. kommt in eine Wochenkrippe in der Südvorstadt. Eine Villa, nicht allzu groß, mit Platz für 20 bis 30 Kinder. Deren Betreuung übernehmen ausgebildete Erzieherinnen. Ihre Mutter hätte damals keinen Zweifel daran gehabt, dass es den Kindern in den Wochenkrippen gut gehe, sagt Sabine F.

Tagesablauf fest strukturiert

Doch für individuelle Bedürfnisse der Kinder war die Zeit knapp, resümiert Heike Liebsch nach vielen Gesprächen mit ehemaligen Erzieherinnen. Der Tag sei fest strukturiert gewesen – wie lange Kinder schlafen mussten, wie lange sie spielen durften, wann sie aufs Töpfchen sollten – alles festgelegt.

Wie es ihr in der Wochenkrippe ergangen ist, daran hat Sabine F. keine Erinnerung. Sie weiß zwar, dass sie ein Wochenkind war. Das Thema spielte jedoch keine große Rolle in ihrem Leben. Bis sie anfing, als Kinderkrankenschwester zu arbeiten. „Da fiel mir auf, dass ich mich kaum vom Leid der Kinder abgrenzen konnte. Mich hat alles unglaublich mitgenommen“, sagt sie. Erklären kann sie sich das zu diesem Zeitpunkt nicht. Aus heutiger Sicht ist sich Sabine F. sicher, dass ihre Erfahrungen in der Wochenkrippe damals schon in ihr „arbeiteten“.

Heike Liebsch hat sich mit dem Thema „Wochenkinder“ wissenschaftlich befasst. Quelle: Dietrich Flechtner

Forschungsarbeit von Heike Liebsch

Wenn es um die Kinderbetreuung in der DDR geht, steht schnell der Verdacht im Raum, das untergegangene Land zu verunglimpfen. Heike Liebsch, die studierte Philosophin mit einem Master in Sozialer Arbeit, bekommt das zu spüren, seit sie das System der DDR-Wochenkrippen und Wochenheime mitsamt den biografischen Folgen für die Insassen erforscht.

Heike Liebsch aus Dresden, Jahrgang 1963, war selbst vier Jahre lang in einer Wochenkrippe. „Es geht nicht um undifferenzierte Fundamentalkritik an der DDR“, sagte sie den DNN zum Ziel ihrer Untersuchungen. Doch zweifellos hatte die zuweilen mangelhafte emotionale Versorgung in Wochenkrippen Folgen für die psychische Entwicklung der Kinder. Heike Liebsch, die in der Lebensmitte in eine persönliche Krise rutschte, suchte nach Ursachen. Seitdem erforschte sie dieses ganz spezielle und bislang unbeackerte Feld in einer Arbeit für die Hochschule Fulda wissenschaftlich. Sie führte Gespräche mit ehemaligen Wochenkindern, Eltern, Zeitzeugen und Erziehern.

Seelische Baustellen

Nicht nur im Krankenhaus, auch im Privatleben merkt Sabine F. mehr und mehr, dass sie seelische Baustellen hat. Beziehungen sind für sie schwierig zu händeln. Schnell fühlt sie sich von der Nähe zum Partner überfordert. Häufig reagiert sie mit Distanz, schottet sich ab. „Meistens habe ich dann die Beziehung aus einem banalen Grund beendet, weil ich zu große Angst hatte, der andere kommt mir zuvor und verlässt mich.“

Forschungsergebnisse zu Bindungsstörungen als Folge einer elternfernen Unterbringung, wie sie in der Wochenkrippe stattfand, sind laut Heike Liebsch durchaus auch in der DDR bekannt gewesen. Doch Forschungen dazu wurden unterbunden. Heike Liebsch spricht von einer „ideologischen Entscheidung“.

„Das war damals eben so“

Sabine F. begibt sich auf die Suche nach der Wurzel ihrer seelischen Probleme. Und zunehmend fällt ihr Fokus auf das Thema Wochenkrippe. Dass sie ein Wochenkind war, war in ihrer Familie kein Geheimnis – darüber gesprochen wurde jedoch nie. Also sucht Sabine F. das Gespräch mit ihren Eltern, will erfahren, warum sie ihr Baby im Alter von acht Wochen in die Wochenkrippe gegeben haben. Doch sie bekommt eine Abfuhr. „Das war damals eben so“, habe ihre Mutter geantwortet.

Nachdem die erhofften Antworten ausblieben, legt Sabine F. das Thema zunächst wieder ad acta. Das Verhältnis zu ihrer Mutter ist bis dahin eng. „Ich konnte ihr von meinen Problemen erzählen und sie hatte auch immer ein offenes Ohr für mich.“

Entwicklung der Krippenkapazität in Dresden 1945 bis 1989 im Verhältnis zur Anzahl der Kinder im Alter bis 3 Jahre. Quelle: Heike Liebsch, Forschungsarbeit zum „System der Wochenunterbringung von 0-6 jährigen Kindern in der DDR“, Fulda 2019.

Wochenkrippen in Dresden

Eine Forschungsarbeit der Dresdner Wissenschaftlerin Heike Liebsch von 2019 zum „System der Wochenunterbringung von 0-6-jährigen Kindern in der DDR“ hat folgende Zahlen zutage befördert:

In Dresden gab es nach dem Bombenangriff vom Februar 1945 nur noch drei funktionierende Kinderkrippen mit insgesamt 138 Plätzen sowie ein Kinderheim für Säuglinge mit 80 Plätzen.

1950 hatte sich die Zahl der Krippenplätze lediglich um 218 erhöht, das Dauerheim konnte 50 Kleinstkinder zusätzlich aufnehmen.

Nach 1950 baute auch Dresden die Krippenplätze massiv aus – bis zur Wende 1989 lag der Versorgungsgrad bei über 80 Prozent. In den 1960er Jahren waren rund 50 Prozent aller Betreuungsplätze solche in Wochenkrippen.

Schon ab Mitte der 1970er Jahre wurde die Zahl der Wochenkrippen planmäßig verknappt. Grund war zum einen das 1976 eingeführte Babyjahr, das es Müttern erlaubte, ein Jahr lang bezahlt mit dem 2. Kind zu Hause zu bleiben. Ab 1986 galt das schon fürs erste Kind. Zum anderen trat die Pille ihren Siegeszug an. Auf die Babyboomer folgte der Pillenknick.

Die Sichtung von Einzelquellen erlaubt die Aussage, dass es in Dresden mindestens 25 kommunale und 20 betriebliche Wochenkrippen, acht Dauerheime für Säuglinge sowie mindestens 13 kommunale und sieben betriebliche Wochenheime gab.

Wegen des heftigen Fachkräftemangels schon in den 1950er-Jahren hob Dresden den Betreuungsschlüssel vom DDR-üblichen Standard 1:4 bei Wochenkrippen und 1:5 bei Tageskrippen an auf 1:5 bzw. 1:6 – und ließ sich für die DDR-weit mögliche Einsparung von nominell 4000 Arbeitskräften feiern.

Statistisch hochrechnen lässt sich (ausgehend von der vollen Belegungszeit über drei Jahre), dass von 1952 bis 1989 mindestens 10 .000 Kinder in Dresden in einer Wochenkrippe aufgewachsen sind. Kürzere Unterbringungszeiten von Kindern unterstellt, dürften die Schätzungen deutlich nach oben gehen.

Bis Mutter und Tochter eines Tages im Jahr 2016 spazieren gehen. An einem alten Haus in Plauen bleiben sie stehen – Sabine F. hat ein Déjà-vu. „Das Haus kam mir bekannt vor.“ Also fragt sie ihre Mutter, ob diese mehr weiß. „Da hab ich dich damals wegen Windpocken in der Isolationszelle geparkt“, soll die Antwort gelautet haben. Waren Wochenkinder erkrankt, mussten sie zu Hause bleiben. Wenn dies jedoch nicht möglich war, musste eine andere Lösung gefunden werden.

Mutter-Tochter-Beziehung kippt

Der Satz ihrer Mutter und ihre kühle Ausdrucksweise gehen Sabine F. durch Mark und Bein. Sie erleidet eine schwere seelische Krise, als ihr mehr und mehr bewusst wird, wie es ihr als Wochenkind ergangen sein muss. Das bis zu diesem Zeitpunkt enge Mutter-Tochter-Verhältnis ist zerbrochen. Sabine F. ist traurig und wütend. „Bei meinem Bruder, der auch in die Wochenkrippe kam, war sie noch alleinerziehend. Da blieb ihr nichts anderes übrig. Aber bei meiner Geburt hatte sie einen Partner. Da wäre zumindest eine Tageskrippe möglich gewesen“, sagt Sabine F.

Aus Fairness gegenüber dem Bruder sollte sie dennoch in die Wochenkrippe – eine Erklärung, mit der Sabine F. wenig anfangen kann. „Warum ich dann auch dorthin musste, obwohl es anders gegangen wäre, begreife ich nicht. Und wenn ich an meine eigenen Kinder denke, kann ich es noch weniger verstehen.“ Die Beziehung zu ihrer Mutter finde seitdem auf einer unterkühlten Ebene statt, sagt Sabine F. „Ich fühle da einfach keine richtige Verbindung.“

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Was wäre gewesen, wenn...

Nachdem ihr klar wurde, dass sie das Erlebte in der Wochenkrippen-Zeit nicht alleine aufarbeiten kann, entscheidet sich Sabine F. für eine Psychotherapie. Dort versucht sie mittlerweile seit drei Jahren, eine Verbindung zu ihrem inneren Kind, der Sabine von damals, aufzubauen.

Seitdem stellt sie sich häufig die Frage „Was wäre gewesen, wenn...?“ Wäre sie nicht in der Wochenkrippe gewesen, ginge es ihr heute besser, da ist sich Sabine F. sicher. Verurteilen möchte sie dennoch niemanden, weder das Erziehungssystem der DDR noch ihre Eltern. Trotz Trauer und Wut sehe sie ihre Geschichte auch im damaligen historisch-politischen Kontext. „Daher kann ich aus rationaler Sicht akzeptieren, was passiert ist. Dennoch gibt es da diese emotionale Wunde. Und ob diese je heilen wird, weiß ich nicht.“

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