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Lokales Wieder Lotterie um Schulplätze in Dresden
Dresden Lokales Wieder Lotterie um Schulplätze in Dresden
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06:19 20.03.2019
Der Schulplatz ist für viele Dresdner Kinder wieder ein Glücksspiel.
Der Schulplatz ist für viele Dresdner Kinder wieder ein Glücksspiel. Quelle: Montage A. Eylert
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Dresden

Der künftige Schulweg wird für viele Dresdner Schüler wieder zur Lotterie. Das geht aus den Anmeldezahlen für Oberschulen und Gymnasien hervor, die jetzt vorliegen. „Das Zahlenmaterial gibt noch keine Auskunft zu Entscheidungen bezüglich der Klassenbildung und Schulaufnahme“, erklärte zwar die Sprecherin des Landesamtes für Schule und Bildung (Lasub), Petra Nikolov. Die konkreten Abstimmungen dazu würden ab kommender Woche geführt. Doch schon jetzt ist klar, es droht eine Klagewelle.

Für die 5. Klassen am Ehrenfried-Walther-von-Tschirnhaus-Gymnasium Dresden (Bernhardstraße 18) liegen die meisten Anmeldungen vor. 211 Kinder sind dort von ihren Eltern angemeldet worden. Wie in den letzten Jahren auch gibt es wieder sehr viele Anmeldungen am Gymnasium Bürgerwiese (Parkstraße 4). 185 Kinder möchten hier den Weg zum Abitur gehen. 176 Jungen und Mädchen sind am Marie-Curie-Gymnasium (Zirkusstraße 7) angemeldet worden und 157 sind es am Bertolt-Brecht-Gymnasium.

Kapazitäten werden gesprengt

Selbst bei einer sechszügigen Schule werden bei Schülerzahlen jenseits von 168 die Kapazitäten gesprengt. Entscheiden sich Eltern nicht noch selbst für eine andere städtische Schule oder die eines freien Trägers, für die es keine Anmeldezahlen gibt, dann muss wie in den letzten Jahren das Los über die Aufnahme an einer Schule entscheiden. Die Schulen können lediglich jene Interessenten vorrangig behandeln, die sonst außergewöhnlich lange Schulwege hätten oder von denen Geschwisterkinder bereits an der gleichen Schule unterrichtet werden. Doch selbst da wird es schon kompliziert, weil nicht eindeutig ist, wer noch als Geschwisterkind gelten kann.

Das ganze Prozedere ist in diesem Jahr besonders misslich, da ein Rechtsstreit über die konkrete Ausgestaltung der Verfahren noch beim Verwaltungsgericht Dresden anhängig ist.

Das Gleiche gilt im Prinzip auch für Oberschulen, wo einige ebenfalls deutlich mehr Anmeldungen haben als verfügbare Plätze.

Gericht belohnte Kläger

Das Verzwickte: Die Auswahlverfahren am Gymnasium Bürgerwiese sowie am Bertolt-Brecht-Gymnasium waren in Eilverfahren vor dem Oberverwaltungsgericht in Bautzen gelandet. In beiden Fällen bestätigten die Richter zwar das Vorgehen der Schulleiter – Jens Reichelt (Bürgerwiese) hatte den Zufallsgenerator eines weitverbreiteten Computerprogramms benutzt und Marcello Meschke wollte auch Stiefgeschwister zum Zug kommen lassen sowie Plätze für mögliche Wiederholer offenhalten – doch die Juristen belohnten die Kläger.

Deren Kindern wurden die Plätze zugesprochen, die im Laufe des Verfahrens an den Schulen aus anderen Gründen wieder frei geworden waren. Die klagenden Kinder wurden damit gegenüber den Kindern auf der Nachrückerliste bevorzugt, die nicht geklagt hatten. Am „BeBe“ hatte ein Kind von der Warteliste schon eine Zusage erhalten. Damit sitzen seither in einer Klasse 29 Kinder, eins mehr als der Gesetzgeber als Obergrenze vorgesehen hat.

Rechtsfrieden in Gefahr

Es kann nicht im Interesse der Verwaltungsgerichte liegen, einen Wettlauf zwischen dem Schulleiter auf unverzügliche Besetzung des freien Schulplatzes mit dem Bestplatzierten auf der Nachrückerliste und den nachrangig platzierten Eltern auf gerichtliche Zuweisung des Platzes zu initiieren, erklärte Lasub-Sprecherin Nikolov. Dies hätte dann zur Folge, dass sich klagende Eltern einen Vorteil gegenüber den Eltern verschaffen würden, die auf den ordnungsgemäßen Ablauf der Auswahlentscheidung vertrauen. „Damit wäre der Rechtsfrieden nicht mehr gewährleistet.“

Drittes Kind auf der Schulbank

Wie Schulleiter Meschke jetzt gegenüber DNN erklärte, sitzt dieses Kind nun bisweilen als drittes an einem Zweier-Tisch oder es muss hoffen, dass ein anderer Schüler krank ist. „Das ist eigentlich nicht hinnehmbar, das kann nicht die Zukunft sein.“

Der BeBe-Chef will in diesem Jahr wieder so vorgehen wie im vergangenen. Bei derzeit 157 Anmeldungen und vielleicht noch fünf bis zehn Kindern, die bei der Aufnahmeprüfung am Martin-Andersen-Nexö-Gymnasium nicht durchgekommen sind, zeichnen sich wieder eine große Zahl an Kindern ab, die im Losverfahren den Kürzeren ziehen. Vier Klassen will Meschke höchstens bilden. „Wir können nicht noch einmal fünf Klassen aufnehmen“, erklärt er. 112 Kinder kommen dann maximal zum Zug. „Dann ist mit einer großen Klagewelle zu rechnen“, befürchtet der Schulleiter. Schließlich haben die Eltern ja gesehen, dass sie nur so ihre Chancen wahren können.

Gymnasium ändert Verfahren

Am Marie-Curie-Gymnasium gibt es 176 Anmeldungen, vier Klassen sollen gebildet werden. „Im Auswahlverfahren wird es eine ,Nachrücker-Liste’ geben, kein 2. Auswahlverfahren wie in den letzten Jahren. Dies ist die Festlegung des Lasub in Reaktion auf Gerichtsentscheidungen“, erklärte Schulleiterin Annette Hähner gegenüber DNN. Auf dieses zweite Auswahlverfahren hatte das BeBe sowieso verzichtet, vor dem Klage-Dilemma hat das nicht geschützt.

Auch am Ehrenfried-Walther-von-Tschirnhaus-Gymnasium wird das Los viele Kinder treffen. 211 Anmeldungen liegen vor, sechs neue Klassen sollen gebildet werden – 168 Plätze stehen damit zur Verfügung. „Persönlich bedauere ich, dass Auswahlkriterien nur in einem engen Rahmen zulässig sind“, sagte Schulleiterin Sandra Gockel.

Auswahlkriterien als Chance

„Wenn wir differenzierte und schülergerechte Angebote schaffen wollen, müssen Schulen ein Profil über die bloßen Fächerkombinationen hinaus entwickeln.“ Das sollte sich auch in geeigneten, transparenten Auswahlkriterien und Auswahlverfahren niederschlagen. Gockel: „Diese Kriterien kann die Verwaltung – also auch wir Schulen – nicht ohne weiteres selbst aufstellen, sondern hier gibt es einen Vorbehalt zugunsten des Gesetzgebers, da hier das Grundrecht auf Gleichbehandlung berührt ist.“

Auswahlkriterien seien auch eine große Chance. „Wenn wir uns mit Fragen der Integration, Inklusion und der Förderung von Schülern mit Teilleistungsschwächen widmen wollen und diese Schüler in ihren Stärken ansprechen, dann führt ein Zufallsverfahren in die Sackgasse.“

Von Ingolf Pleil