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Lokales Wie sich die Stadtteilbibliothek Dresden-Strehlen im Otto-Dix-Center behauptet
Dresden Lokales Wie sich die Stadtteilbibliothek Dresden-Strehlen im Otto-Dix-Center behauptet
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17:13 26.03.2019
Ute-Kerstin Just, die Bibliothekschefin in Strehlen. Quelle: Fotos (2): Anja Schneider
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Dresden

„Das Leben ist bunt, bewegend und zauberhaft!“ Mit diesem Slogan begrüßt das Otto-Dix-Einkaufscenter (O.D.C.) seine Besucher. Es ist jedoch alles andere als bunt – das riesige Gebäude an der Reicker Straße im Stadtteil Strehlen wirkt trostlos und verlassen, die Passage ist fast menschenleer. Und mittendrin zwischen leeren Schaufenstern und grotesk klingender Popmusik aus Lautsprechern befindet sich die Bibliothek Dresden-Strehlen. Betritt man sie, taucht man in eine völlig andere Welt ein – warme Farben, bodentiefe Fenster und eine Vielzahl an Büchern aller Art sorgen für eine gemütliche und einladende Atmosphäre. Bibliotheksleiterin Ute-Kerstin Just erzählt in einem persönlichen Gespräch über ihre Arbeit und die Probleme am Standort.

Book-Slams und Castings mit Schülern

Der erste Blick auf die Zahlen sieht ernüchternd aus – die Ausleihen im vergangenen Jahr lagen nur bei etwa 39 000. Im Vergleich zur nahegelegenen Bibliothek Leubnitz-Neuostra ist das nur etwa ein Drittel, erklärt Just. Doch der Fokus der Stadtteilbibliothek ist ohnehin ein anderer: „Mit den Ausleihen können wir nicht punkten – unsere Stärke sind die Veranstaltungen.“

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Von diesen hat die Bibliothek Strehlen eine Menge zu bieten – rund 200 eigene Veranstaltungen führt die Bibliothek jährlich durch: „Die Veranstaltungen vor allem mit den Kindereinrichtungen sind definitiv unser Hauptstandbein“, verrät Just. „Unser Anliegen ist es, dass wir einen sehr guten Kontakt zu unseren Einrichtungen haben.“ Zu diesen gehören unter anderem sechs Kindergärten, eine Grundschule sowie eine Oberschule im Einzugsgebiet.

Die Inhalte werden dabei ganz individuell auf die Gruppe und Wünsche abgestimmt, so zum Beispiel die Book-Slams und Castings. „Beides sind Buchvorstellungen auf eine neue, spielerische Art“, erklärt Just. Beim Book-Slam werden Szenen aus Büchern spielerisch in kleinen Sketchen dargeboten. Die Schüler werden dabei immer mit einbezogen, betont die Bibliotheksleiterin. So auch beim Book-Casting: Hier werden zehn ausgewählte Bücher nach verschiedenen Kriterien von den Schülern bewertet, bis am Ende ein Gewinner-Buch feststeht.

Neben zahlreichen Kinder- und Jugendveranstaltungen kommen auch Erwachsene auf ihre Kosten, zum Beispiel bei regelmäßig stattfindenden Reise-Vorträgen oder monatlichen Abendveranstaltungen wie Lesungen. Der Andrang ist dabei sehr unterschiedlich, nachgefragt sind vor allem die Reisevorträge mit rund 30 bis 35 Besuchern. Höhere Besucherzahlen bei den Angeboten stellen für die Bibliothek kein Problem dar – sind die beweglichen Bücherregale beiseite gerollt, verfügt der Standort über Sitzplätze für bis zu 50 Personen.

„Das O.D.C. ist ja nicht gerade auf dem aufsteigenden Ast“

Ein weiteres Standbein bildet die starke Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement in Strehlen und den Einrichtungen der Caritas, der Kontaktstelle „Koitschgraben“ und der Volkssolidarität, erzählt Just und beschreibt die Zusammenarbeit als ein „Geben und Nehmen“: Die Bibliothek stellt ihre Räumlichkeiten zur Verfügung und führt eigene Veranstaltungen vor Ort durch. So nutzte zum Beispiel die Theatergruppe der Kontaktstelle „Koitschgraben“ bereits die Räumlichkeiten der Bibliothek für ihre Aufführungen.

Eine großes Problem für die Strehlener Bibliothek ist jedoch ihr Standort selbst – „Das O.D.C. ist ja nicht gerade auf dem aufsteigenden Ast“, gibt Just zu bedenken und erzählt: „Es gab hier mal eine Bowlingbahn, ein Fitnesscenter, zwei Schuh- und Friseurgeschäfte, eine Post, mehrere Textilgeschäfte, ein Reisebüro, einen Drogerie- sowie Technikmarkt und einen Babyausstatter.“ Nun sind nur noch sehr wenig Geschäfte ansässig, viele Flächen und sogar ganze Etagen stehen leer. „Wir hatten das O.D.C. als Chance gesehen. Als es vor fast 20 Jahren aufgemacht hat, sind wir nicht reingekommen, da die Mietflächen zu teuer waren und es nichts Passendes für unsere Größe gab. Vor sieben Jahren zogen wir schließlich ein, aber parallel fing das Sterben an“, erklärt Just weiter und kritisiert, dass es keine offene Kommunikation zum geplanten Umbau des Centers gibt, der bereits im Frühjahr 2018 stattfinden sollte.

Laut Website des Investors „ICG Projektgesellschaft mbH“ ist die geplante Fertigstellung mit einem Projektvolumen von circa 67 Millionen Euro für das zweite Quartal 2020 angesetzt. Konkrete Aussagen zur Nutzungsänderung konnten auf Anfrage jedoch noch nicht getroffen werden.

Auch das Umfeld der Bibliothek könnte einladender sein. Quelle: Dietrich Flechtner

Ein weiterer Nachteil und der Grund für die niedrigen Besucher- und Ausleihzahlen ist die räumliche Lage der Filiale. Sie befindet sich genau zwischen den beiden Bibliotheksstandorten Leubnitz-Neuostra und Prohlis: „Wir sind sozusagen ein Sandwich, also mittendrin“, stellt Just fest. Die beiden Standorte sind kaum acht Minuten mit dem Auto von der Bibliothek Strehlen entfernt. Hinzu kommt laut Just der starke Wohnungsrückbau in den vergangenen zehn Jahren, mit dem ein deutlicher Besucherrückgang einherging.

Keine konkreten Umzugspläne

„Wir sind“, so Just, „bezogen auf die Zahlen eine der kleinsten Bibliotheken der Stadt.“ Roman Rabe, Abteilungsleiter des bibliothekarischen Fachbereichs der Landeshauptstadt Dresden, konstatiert, dass die Situation am Standort für die Bibliothek alles andere als zufriedenstellend, die Lage im Allgemeinen aber dennoch günstig sei, zum Beispiel durch die gute Verkehrsanbindung. Einen konkreten Plan für einen Umzug gebe es daher im Moment nicht, so Rabe.

Trotz der Ungewissheit, wie es am Standort im O.D.C. weitergeht, blickt die Bibliothek Strehlen optimistisch auf das Kommende und hat bereits neue Projekte geplant, die das Haus weiter stärken sollen. So zum Beispiel die monatliche Veranstaltungsreihe „Fliegender Teppich“, die bereits im Herbst des vergangenen Jahres gestartet ist und bei der Schauspieler vom Societaetstheater Märchen für Jung und Alt erzählen. Ausprobieren möchte die Bibliothek außerdem einen Spielenachmittag sowie eine Frühlings- und Winter-Bastelstunde.

Die Mitarbeiter der Bibliothek beweisen großes Engagement und üben ihren Beruf mit Hingabe aus. Ob ihr Konzept auch in Zukunft erfolgversprechend ist und die geplante Wiederbelebung des O.D.C. tatsächlich stattfinden wird, bleibt dennoch offen.

Bibliothek Dresden Strehlen, Otto-Dix-Ring 61, geöffnet immer montags (10 bis 18 Uhr), mittwochs (12 bis 18 Uhr) und freitags (10 bis 18 Uhr)

Von Juliane Wagner