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Lokales Wie in Dresden die Stasi gestürmt wurde und welche Rolle Putin spielte
Dresden Lokales Wie in Dresden die Stasi gestürmt wurde und welche Rolle Putin spielte
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13:15 06.12.2019
Der frühere Zellentrakt der 1953 errichteten Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Dresden an der Bautzner Straße in der ehemaligen Dresdner Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Quelle: Archiv
Dresden

Die Emotionen waren wohl sehr gemischt. Johanna Kalex empfand die Erstürmung der Dresdner Stasi-Zentrale auf der Bautzner Straße als „Glückstaumel“. Dort, wo sie ziemlich oft verhört worden war, konnte sie plötzlich „einfach rein“. Kalex, 1965 geboren, war Krankenschwester und damals in der Gruppe „Wolfspelz“ aktiv.

Viel Angst dabei

Am Nachmittag des 5. Dezember schloss sie sich dem Demonstrationszug Richtung Bautzner Straße 116 an, wo die Bezirksverwaltung des DDR-Geheimdienstes seinen Sitz hatte. Viele Mitglieder von Bürgerbewegungen landeten damals in den Zellen der Untersuchungshaft auf dem Gelände, häufig ging es für sie dann weiter in die Haftanstalten für politische Gefangene in Bautzen oder in Hoheneck.

Vor 30 Jahren beendeten Demonstranten die Herrschaft der Stasi.

Angelika Liebrecht, 1952 geboren und bei Erfurt aufgewachsen, hatte im Radio den Aufruf zur Demo vor dem Stasi-Gelände gehört. Herbert Wagner habe damals dazu aufgerufen. Liebrecht und Kalex sprechen in Videos auf dem Zeitzeugenportal der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland über die Ereignisse in der Nacht vom 5. zum 6. Dezember 1989. Vor 30 Jahren war das für Angelika Liebrecht mit sehr viel Furcht besetzt. „Wir hatten alle sehr viel Angst“, beschreibt sie die Gefühlslage von damals. Es sei ungewiss gewesen, ob möglicherweise geschossen werde. „Damit musste man jedenfalls rechnen.“

Aufruf im Radio

Am 5. Dezember 1989 hatten die Gruppe der 20 und das Neue Forum über den Sender Dresden zu einer Demonstration vor dem Stasi-Gebäude aufgerufen. „Was heute so einfach klingt, war damals ein Wagnis“, erinnerte sich zehn Jahre später Oberbürgermeister Herbert Wagner, von 1989 bis 1990 Sprecher der Gruppe der 20. „Gegen 17 Uhr geschah ein Wunder: Nach Lautsprecherankündigung öffneten sich die Tore der Stasi. Vorsichtig gingen wir in den Innenhof. Waren die Maschinengewehre bereits auf uns gerichtet? Wir konnten es kaum fassen, wir waren in die Höhle des Löwen eingedrungen, noch lebte er.“

Unter den zahlreichen Demonstranten machte sich Gerüchte breit. Mit dem Auftauchen von Wladimir Putin wurde gerechnet, erinnert sich Angelika Liebrecht. Er war damals Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes KGB in Dresden, der seine Residenz an der nahegelegenen Angelikastraße hatte. Um Putins Einsatz in Dresden ranken sich viele Legenden. Selbst der US-amerikanische Außenminister wies dieser Tage bei seinem Deutschlandbesuch darauf hin.

In Dresden hält sich hartnäckig die Geschichte, Putin selbst habe mit der Waffe in der Hand den Demonstranten am 5. Dezember den Zutritt in das KGB-Haus verwehrt. Andere Darstellungen sprechen davon, dass der heutige russische Präsident damals auf die bewaffneten Wachen verwiesen und die Demonstranten so am Eindringen in das Haus gehindert hätte.

Stasi-Chef angespuckt

Dresdens Stasi-Chef Horst Böhm kam nicht so gut davon. „Im Namen des Volkes“ sei er festgenommen worden, teilweise hätten ihn Demonstranten bespuckt, erinnern sich die Zeitzeugen. Böhm konnte seine ehemalige Machtzentrale allerdings weitgehend unversehrt verlassen, im Jahr darauf beging er Selbstmord.

Die Dresdner Bürger beendeten mit ihrer Aktion die damals 35-jährige Geschichte politischer Haft im Komplex auf der Bautzner Straße. Seit 1998 dient die bis dahin leerstehende Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) als Museum, Gedenk- und Erinnerungsort. Die unmittelbar an der Bautzner Straße liegenden anderen Gebäude beheimateten jahrelang mit dem Beruflichen Schulzentrum für Gesundheit und Sozialwesen eines der größten Schulzentren in Dresden. Inzwischen sind daraus vor allem Wohnungen entstanden.

Gigantischer Spitzelapparat

Und natürlich wurden mit der Erstürmung die letzten Wochen des früheren Repressionsapparats eingeleitet. Das von Erich Mielke geführte Ministerium für Staatssicherheit galt als „Schild und Schwert“ der Staatspartei SED. Der Geheimdienst verfolgte mit teilweise rücksichtsloser Brutalität Kritiker des DDR-Systems, tausende Menschen, die für mehr Freiheit eintraten, landeten in Gefängnissen. Mit DDR-weit mehr als 90 000 hauptamtlichen Mitarbeitern und zuletzt etwa 175 000 inoffiziellen Mitarbeitern wurden beispielsweise Bürgerbewegungen,die den Wahlfälschungen auf der Spur waren, oder Friedens- und Kirchenbewegungen bespitzelt, um staatsfeindliche Bestrebungen aufzudecken. Die Stasi-Aktivitäten reichten bis tief ins Privatleben der DDR-Bürger hinein.

Aktenvernichtung gestoppt

Im Dezember 1989 gab es immer mehr Hinweise darauf, dass die Stasi, nach dem Fall der Mauer noch schnell in Amt für Nationale Sicherheit (Volksmund: NaSi) umbenannt, ihre Akten vernichtet. Das löste die Erstürmung zunächst der Bezirkszentralen aus, Mitte Januar traf es auch die Berliner Zentrale. Was bis dahin an Unterlagen noch von Stasi-Mitarbeitern beseitigt werden konnte, ist unbekannt. Etwa 111 Aktenkilometer konnten durch die Bürgerbewegungen gesichert werden, in tausenden Säcken wurden geschredderte Akten entdeckt.

Von einem weltweit einmaligen Vorgang beim Zusammenbruch eines Staatssystems spricht heute Roland Jahn, derzeit Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, von dessen Behörde die Akten noch verwaltet werden. Sie sollen demnächst dem Bundesarchiv zugeordnet werden. Der Zugang für die Öffentlichkeit, der ebenfalls weltweit seinesgleichen suchen dürfte, soll nicht eingeschränkt werden.

Noch immer werden alljährlich zehntausende Anträge auf Akteneinsicht gestellt, in Dresden ist das Interesse besonders groß. Wo die Dresdner Akten, die gegenwärtig noch in der BStU-Außenstelle auf der Riesaer Straße lagern, künftig archiviert werden sollen, ist noch Gegenstand der politischen Diskussion auf Landes- und Bundesebene.

Von Ingolf Pleil

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