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Lokales Wie ein Dresdner Theologe eine Geiselnahme und Todesnähe erlebte
Dresden Lokales Wie ein Dresdner Theologe eine Geiselnahme und Todesnähe erlebte
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11:38 16.08.2019
Josef Tammer Quelle: T. Gärtner
Dresden

Auf Grenzen unterwegs zu sein, vielleicht sei dies das Grundthema seines Lebens, sagt Josef Tammer. In enger kirchlicher Umgebung habe er sich wahrscheinlich nur in Kindheit und Jugend bewegt, geboren und aufgewachsen in Schirgiswalde, „in einem geschlossenen katholischen Milieu“. Doch bereits nach dem Theologiestudium in Erfurt ging es nach draußen. Priester wollte er nicht werden. „Ich war wenig im kirchlichen Inneren tätig. Immer mit Menschen, die der Kirche eher fern stehen.“

Zuletzt, seit 2016, war er als katholischer Krankenhausseelsorger im Dresdner Uniklinikum und im städtischen Krankenhaus Friedrichstadt unterwegs. Aus diesem Dienst ist er nun mit 62 Jahren verabschiedet worden. Sein Gesundheitszustand ließ diese Arbeit nicht mehr zu.

Künstliche Grenzen

Prälat Dieter Grande (1930-2016) hatte den Gemeindereferenten 1988 ins Büro der Ökumenischen Versammlung der Kirchen in der DDR geholt, später in die Ökumenische Arbeitsstelle des Bistums Dresden-Meißen. „Die Grenzen zwischen den Konfessionen, Religionen und zur Gesellschaft hatten sich als künstliche gezeigt“, erinnert er sich. „In Wirklichkeit durchdringen sich diese Sphären, alles ist aufeinander verwiesen.“

Vertreter verschiedener Konfessionen formulierten bis 1989 in Dresden, welche aktuellen Aufgaben sich den Kirchen in Sachen Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung stellen.

Wichtige demokratische Forderungen von damals seien heute Realität.

Dafür sieht Josef Tammer neue globale Probleme – Stichwort „Klimawandel“. „Die Welt kann ich nicht retten, aber selbst konkret etwas tun. Für die Entscheidungen in meinem Leben bin ich verantwortlich.“

Welch dramatische Formen die Arbeit in einem Grenzbereich annehmen kann, erfuhr Josef Tammer nach fast acht Jahren als Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Dresden. Im Januar 2005 nahm ihn dort ein Gefangener als Geisel. Fast fünf Stunden hielt er ihn in seiner Zelle fest, ehe er aufgab.

Geiselnehmer suchte den Tod

„Von außen sah es so aus, als sei ich das Opfer und in Gefahr. Aber ich hatte keine Angst. Es ging nicht um mein Leben, sondern um das dieses Menschen, der sich in auswegloser Lage sah. Er hat erwartet, dass ihn das Sondereinsatzkommando bei der Geiselbefreiung erschießt.“

Vor einem Jahr sei der Mann entlassen worden. „Ich bin sicher, er hat sich verändert, ist gereift und kann sein Leben in die eigene Hand nehmen.“

Schlimmeres stößt Josef Tammer während eines Bergurlaubs in Kärnten 2008 zu. Er ist allein auf einem Gipfel, ohne Mobiltelefon, als ihn ein furchtbarer Schmerz in die Knie zwingt. Später stellt sich heraus: Die Hauptschlagader ist im Bauchraum gerissen. Er nimmt seine Kräfte zusammen und schafft den Abstieg in zwei Stunden. „Mediziner sagen, das sei eigentlich unmöglich. Etwas muss mich getragen haben.“

Er wird mehrfach operiert, alle nur denkbaren Komplikationen bis hin zum Organversagen treten ein. Die Ärzte machen seiner Frau wenig Hoffnung.

„Mit war klar, ich sterbe“

In einem halbwachen Moment verabschiedet er sich von ihr. „Mir war klar, ich sterbe.“ Nach Wochen jedoch tritt ein Wunder ein. Sein Zustand bessert sich. Ärzte sprechen von „Spontanheilung“. Frau und Kinder atmen auf.

Josef Tammer indes erlebt die Nähe zum Tod völlig anders. Er sucht nach Worten, um dieses Unbeschreibbare verständlich zu machen. „Fiele alles Gute, was ich je erlebte, in einem Moment zusammen, wäre das nichts neben diesem Erlebnis unendlichen Wohlseins, grenzenlosen Friedens. Alles schien heil. Doch dann musste ich wieder zurück ins Leben. Das war nicht schön. Das hat mich ungeheuer traurig gemacht.“

Diese Erfahrung betrachtet er als großes Geschenk. „Das hat einen Veränderungsprozess in meinem Denken in Gang gebracht, der nicht zu Ende ist.“ Biblische Bilder und Geschichten, das Vaterunser hätten neue Bedeutung für ihn bekommen – als sprachlicher Ausdruck einer anderen Dimension, welche die sichtbare Wirklichkeit umschließe.

2016 wurde Josef Tammer Krankenhausseelsorger. „Vorher hätte ich mir das methodische Handwerkszeug dafür theoretisch aneignen müssen. Mit meiner Erfahrung aber habe ich nun intuitiv das Richtige getan.“ Denn bei den Gesprächen mit Patienten auf den Stationen komme es nicht darauf an, einen bedauernswerten Menschen durch die rechten Worte oder gar durch Ratschläge zu trösten.

Mit Gelassenheit Ängsten begegnen

„Sondern darauf, wie ich für den oder die Andere ganz da bin. Wie ich sie in ihrer unverlierbaren Würde wahrnehme. Ihrer Angst vor Krankheit, Leiden und Tod konnte ich nun etwas entgegensetzen, weil ich mich in meiner Angst nicht verloren, sondern in etwas Größerem aufgehoben weiß. Ich konnte mit Gelassenheit darauf vertrauen, dass sich alles richtig fügt, denn das Eigentliche mache nicht ich. Das geschieht im Nichtsagbaren.“

Im Leben komme es nicht darauf an, was einer alles gemacht hat, lautet eine Erkenntnis aus seinen Erfahrungen. „Die entscheidende Frage ist: Wer bin ich? Jedenfalls bin ich nicht das, was ich geleistet habe.“

Josef Tammers Leben

1957:geboren in Schirgiswalde, seit dem 17. Jahrhundert Exklave im Lausitzer Bergland mit überwiegend katholischer Bevölkerung; Schule, Berufsausbildung als Elektroinstallateur, Armee, Studium der katholischen Theologie in Erfurt

1989:Gemeindereferent

1988: Sekretär der Ökumenischen Versammlung in der DDR

1989: Ökumenische Arbeitsstelle

1993:bis 2006 Leiter der Ökumenischen Arbeitsstelle und Mitarbeiter im Ökumenereferat des Bischöflichen Ordinariats, ab 1997 zugleich Gefängnisseelsorger, ab 2007 in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Dresden

2016: katholischer Krankenhausseelsorger im Uniklinikum, im städtischen Krankenhaus Friedrichstadt und im Herzzentrum Dresden

Von Tomas Gärtner

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