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Lokales Wie Jörg Stübner bei Dynamo Dresden ins Visier der Stasi geriet
Dresden Lokales Wie Jörg Stübner bei Dynamo Dresden ins Visier der Stasi geriet
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11:58 27.01.2020
Jörg Stübner 1985. Quelle: Aus: „Popstar – wider Willen“
Dresden

In den letzten zehn Jahren der DDR hatte die Staatssicherheit von den Spielern der SG Dynamo Dresden jeden vierten als Spitzel im Einsatz. Dafür nahm der Geheimdienst des SED-Staats auch Jörg Stübner ins Visier. Der begnadete Mittelfeldakteur schaffte einen bemerkenswerten Umgang damit.

Der 1965 in Freiberg geborene Junge hatte in Halle mit dem Fußballspielen begonnen und kam 1979 nach Dresden. Dynamo war da gerade dabei, den Anschluss an die eigenen goldenen Zeiten des Dresdner Kreisels zu verlieren, die Meisterschaft ging an den Erzrivalen in Berlin. Der BFC avancierte zum Serienmeister.

Das wurde nicht besser, als 1981 die Stasi die drei Spieler Gerd Weber, Peter Kotte und Matthias Müller aus dem Verkehr zog. Sie hatten angeblich Fluchtpläne, in den Augen von SED und Stasi war das Hochverrat. Dynamo verlor seine legendäre Achse. Ab 1983 sollte auch Jörg Stübner diese Lücke füllen. Seit Jahren war er in Nachwuchsmannschaften bereits international aktiv und damit ins Visier des Ministeriums für Staatssicherheit geraten. Zunächst nur zur Beobachtung, als er 18 war, wollte der Apparat mehr.

Jörg Stübner avancierte zum Popstar bei Dynamo Dresden. Der DDR-Geheimdienst hatte in fest im Blick.

Stübner soll als Inoffizieller Mitarbeiter geworben werden. Auf dem Spielfeld ein Wühler, immer kurz über der Grasnarbe aktiv, hat er mit der Wühltätigkeit der Stasi gar nichts am Hut. Beim zweiten Treffen mit einem Stasi-Offizier macht er klar: Er sei zu jung und möchte nur ungestört Fußball spielen, bei der Geheimdienstarbeit erwischt zu werden, würde ihn in der Mannschaft unmöglich machen.

Der MfS-Mann versucht es mit einer Drohung: Stübner würde mit seinem Standpunkt „Nur Fußballer“ nicht weit kommen und müsste sich umstellen, wenn er „politisch nicht Schiffbruch erleiden will“. Stübner bleibt bei seiner Entscheidung. Dieser Schritt muss als mutig bewertet werden, niemand konnte damals die Reaktion der Staatsmacht voraussehen. Auch sportliche Höchstleistung schützte da nicht vor dem erzwungenen Karriereende, wie Stübner wenige Jahre zuvor nicht entgangen sein dürfte.

Der Mensch Jörg Stübner steht im Mittelpunkt

Die Stasi-Verwicklungen von Dynamo Dresden sind schon tiefschürfend erforscht, auch der Autor dieses Textes hat dazu einen gewissen Beitrag geleistet („Mielke, Macht und Meisterschaft“, Ch. Links-Verlag). Doch Uwe Karte hat auch kein Buch über die Stasi geschrieben. Wenn er am Donnerstag, 30. Januar, darüber in der Dresdner Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) sprechen wird, dann kann er vor allem den Menschen Jörg Stübner in den Mittelpunkt stellen.

Uwe Karte bei der Präsentation seines Buches "Stübner – Popstar wider Willen" im VIP-Raum des Harbig-Stadions. Quelle: Dresdner Neueste Nachrichten

Karte hat ihn nicht nur aus seiner journalistischen Arbeit gekannt, sondern auch über vier Jahre hinweg mit ihm an der Biographie gearbeitet. Im Sommer vergangenen Jahres ist Stübner mit nur 53 Jahren gestorben, ein halbes Jahr vor der Veröffentlichung des Buches „Jörg Stübner – Popstar wider Willen“. Bei einem Verein, der zu DDR-Zeiten kein Verein war, sondern eine Dienststelle der Volkspolizei, deren Sportbetrieb von Staatssicherheit und Zoll mitfinanziert wurde, lässt sich das Thema kaum umschiffen.

Karte kann nachempfinden, wie sich Stübner im Gespräch mit dem Stasi-Offizier gefühlt haben mag, als er die Spitzeldienste ablehnte. „Da saß ihm ein ehemaliger Diskuswerfer gegenüber, der auch so aussah.“ Stübner war 1,73 Meter groß. „Aber er hatte eine Haltung zu bestimmten Dingen und hatte für sich festgestellt, dass sich soetwas nicht gehört“, ist sich Karte sicher. Andere Dynamo-Akteure hätten sich damals in der gleichen Situation nicht so viele Gedanken gemacht. Stübner wurde seinerzeit ziemlich schnell wieder in Ruhe gelassen, der Aktenlage nach galt er dann aber in den Augen der Stasi-Leute als latenter Flucht-Kandidat. „Bei Reisen ins westliche Ausland wurden regelmäßig drei, vier IM auf ihn angesetzt“, berichtet Karte.

Michael Dämgen (Uerdingen, Mitte) gegen Matthias Sammer (li.) und Jörg Stübner (beide Dynamo Dresden) 1986. Quelle: imago sportfotodienst

So sei es auch 1986 vor dem Spiel gegen Uerdingen gewesen. Kurz vor dem Abflug knackte die Stasi noch Stübners Spind bei Dynamo. Hinweise auf Fluchtpläne fand sie jedoch nicht. Letztlich nutzte Frank Lippmann die Gunst der Stunde und verschwand in Krefeld durch die Tiefgarage in den Westen. Für die Stasi war die „Republikflucht“ eine bittere Schlappe, für Dynamo dagegen das 3:7, das in der Fußballgeschichte inzwischen zum „irrsten Spiel aller Zeiten“ avancierte.

Nach der Wende habe sich Stübner nicht groß um die Stasi-Thematik gekümmert, erst Anfang 2019 beantragt er Akteneinsicht. Den Autor seiner Biographie bittet er, schon mal zu schauen, ob in den Akten etwas drinstehen könnte, das er gar nicht lesen will. Karte empfiehlt vor allem allen jüngeren Dynamo-Fans, sich gründlich mit diesem Teil der Vereinsgeschichtezu befassen, um zu wissen, was wirklich alles zur Tradition der SGD gehört.

„Er wurde bei Dynamo nicht auf das Leben abseits des Rasens vorbereitet“

Stübner hatte andere Sorgen. Ihm fehlt nach dem Ausscheiden bei Dynamo der private Halt, er fasste nie wieder richtig Tritt. „Er wurde bei Dynamo nicht auf das Leben abseits des Rasens vorbereitet, war aber zum Popstar geworden“, fasst Karte die Tragik zusammen. Das könne heute in „jeder Nachwuchs-Leistungsburg wieder passieren, wo Profi-Karrieren entwickelt werden“.

Uwe Karte wird seine Recherchen in einem Vortrag vorstellen und anschließend mit Ex-Nationalspieler Heiko Scholz, einem ehemaligen Weggefährten Stübners, ins Gespräch kommen. Termin: Donnerstag, 30. Januar 2020, 16.30 Uhr Archivführung, 18 Uhr Vortrag und Diskussion, Ort: Stasi-Unterlagen-Archiv Dresden, Riesaer Straße 7 (Eingang D), 01129 Dresden. Der Eintritt ist frei.

Von Ingolf Pleil

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