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Lokales Wie Dresden Schulen und Kitas in schwierigen Stadtteilen besser machen will
Dresden Lokales Wie Dresden Schulen und Kitas in schwierigen Stadtteilen besser machen will
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09:58 31.07.2019
Erzieher Thomas Weise und Sozialpädagogin Denise Wahl spielen mit den Kindern der Kita „Grüne Insel“ an der Vetschauer Straße. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Josi hat an diesem Morgen die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Die Fünfjährige sieht überhaupt nichts. „Aber ich habe schöne Haare“, sagt sie ihrer Erzieherin. Die filigran geflochtenen Zöpfe darf die Mütze natürlich nicht verdecken. Neben dem kleinen Mädchen in der rosa Jacken haben sich auch Jeremy, Lilly, Lara und Nurhan in Schale geworfen für den Fotografen, der angekündigt ist.

Als die Kinder dann in der Mittagspause auf den Spielplatz gestürmt kommen, klettern sie auf den nächstgelegenen Baum. Die schicke Anzugsordnung ist ver­gessen, aber sie fühlen sich wohl in ihrer „Grünen Insel“, wie die Kita an der Vetschauer Straße in Prohlis heißt.

Mehr Personal

In der nächsten Zeit könnte das noch besser werden. Kindergarten und Kinderkrippe mit derzeit rund 120 Jungen und Mädchen sind in die Bildungsstrategie der Stadt aufgenommen worden. Unter anderem kommt damit in insgesamt 13 Einrichtungen in einer Kernzeit von etwa 8.30 Uhr bis 15 Uhr doppelt so viel Personal zum Einsatz wie sonst üblich in Sachsen.

Allerdings: Damit erreichen die Kitas in der Bildungsstrategie gerade erst die Empfehlungen der Bertelsmann-Stiftung. Mit 11,5 Kindern pro Erzieherin im Kindergarten oder 4,8 Kindern in der Kinderkrippe ist der Freistaat von den Empfehlungen noch ziemlich weit entfernt und rangiert auch bundesweit mit diesen Zahlen eher am Ende der Rangliste bei der Personalausstattung.

Die stellvertretende Kita-Leiterin Kathrin Liebich ist froh, dass die bessere Ausstattung mit Personal zu einer individuelleren Betreuung der Kinder führen kann. Quelle: Dietrich Flechtner

Mit der Bildungsstrategie will die Stadt einen fatalen Kreislauf durchbrechen. Im stadtweiten Schnitt sind seit mehr als zehn Jahren Arbeitslosigkeit und der Bezug staatlicher Hilfen deutlich zurück gegangen. Gorbitz, Prohlis, teilweise Reick, Leuben oder Johannstadt liegen jedoch hartnäckig deutlich über dem Schnitt.

Die verbleibenden sozialen Probleme haben sich weitgehend auf einige wenige Stadtteile konzentriert, dort aber verfestigt. Der Risikokreislauf aus Arbeitslosigkeit, stärker gefährdeten Familienstrukturen, sich daraus ergebenden geringeren Bildungschancen und damit einhergehenden Arbeitsmarktrisiken droht dort immer stärker auf die Nachfolgegeneration übertragen zu werden.

Schrittweise Neueinstellungen

Die „Grüne Insel“ kann mit den Ressourcen aus der Bildungsstrategie insgesamt zehn zusätzliche Vollzeitkräfte einstellen. 50 Prozent davon sind bereits im Einsatz.

Bislang kann die Stadt noch nicht sagen, ob es gelingt, die für die 13 Strategie-Kitas nötigen 120 neuen Mitarbeiter rechtzeitig einzustellen. Die angespannte Lage auf dem Fachkräftemarkt hinterlässt auch hier ihre Spuren.

An der Vetschauer Straße wird die ganze Mannschaft wohl erst bis zum Jahresende angeheuert sein. Kathrin Liebich, die stellvertretende Kita-Leiterin ist darüber jedoch nicht böse. Die neuen Mitarbeiter müssen sich einarbeiten, die alteingesessenen sich ebenfalls umstellen. Da kommt der schrittweise Aufbau ganz gelegen.

Rückstände beim Sprachvermögen

Unter den 84 Kindern im Kindergarten werden elf verschiedene Sprachen gesprochen, der Migrationsanteil liegt bei 37 Prozent, genauso wie bei den 36 Krippenkindern, die acht verschiedene Sprachen sprechen. Unter all den Knirpsen sind auch Integrationskinder mit besonderem Förderbedarf. 60 Prozent der Vierjährigen haben Rückstände bei der Sprachkompetenz. Da geht es gar nicht darum, in welcher Sprache gesprochen wird, sondern was die Kinder überhaupt herausbringen, wie sie selbst artikulieren und wie sie das gesprochene Wort anderer Menschen verarbeiten können.

Hier setzt die Tätigkeit von Axel Kunz an, der sich als Sprachfachkraft 20 Stunden pro Woche speziell diesem Thema zuwenden kann, weil die Kita auch in einem speziellen Förderprogramm des Bundes steckt. Es gebe viele Gründe für Rückstände der Kinder im sprachlichen Bereich, meint der Logopäde. Da geht es um die Vorbildwirkung zu Hause, auch um körperliche Entwicklungsstufen. Vielfach sei es aber schon „sozialraumbedingt“.

Kathrin Liebich und ihre Mitstreiter sind froh, dass mit der Bildungsstrategie ein deutlicher quantitativer Schritt beim Personal gemacht worden ist, der auch eine deutliche qualitative Veränderung nach sich ziehen wird.

Lange war im politischen Raum darüber diskutiert worden, ob die Strategie nicht doch auf mehr Kitas ausgedehnt wird, bei gleichem Geldeinsatz wäre überall weniger angekommen. Die Stadt sprach vom Gießkannenprinzip und lehnte es ab. Schließlich konzentrierte auch der Stadtrat die Mittel auf die 13 Ki­tas in den Stadtgebieten mit den größten sozialen Problemen.

Keine Stigmatisierung

Zwei Mitarbeiterinnen in der „Grünen Insel“ sprechen Russisch und eine Kulturdolmetscherin kommt aus Syrien. Mit den Muttersprachlern würden „viele gute Brücken gebaut“, hat Sozialpädagogin Denise Wahl beobachtet. Das zusätzliche Personal ermögliche eine viel individuellere Betreuung der Jungen und Mädchen. Will ein Kind in der Ruhezeit nicht schlafen, kann es mit einem Erzieher zum Vorlesen gehen, braucht ein Kind draußen noch mehr Zeit, wird es dort betreut und die anderen können sich mit einer weiteren Erzieherin schon anderen Dingen zuwenden.

Die Abläufe in der Kita könnten insgesamt flexibler gestaltet werden. Das komme auch bei den Eltern gut an. Projekte wie Theater, Yoga und Tanzen sollen ausgebaut werden, genauso wie die Kooperationen mit Vereinen und Institutionen im Stadtteil. „Die Kollegen in anderen Kitas gönnen uns die bessere Ausstattung“, mein Kita-Leiterin Liebich. Von Neid keine Spur. Und auch von Stigmatisierung als „Problem-Kita“ sei nichts zu spüren.

Eigenen Ansprüchen gerecht werden

Schließlich profitiert auch das Team im Kinderhaus. „In der Vergangenheit waren unsere Mitarbeiter frustriert, weil sie ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden konnten“, erzählt Liebich. Das ändere sich jetzt. Die Realität im Kita-Alltag könne jetzt immer besser mit dem Bildungsauftrag der Einrichtungen in Einklang gebracht werden.

Wie die Bildungsstrategie anschlägt, wird in einiger Zeit die wissenschaftliche Begleitung durch die Evangelische Hochschule Dresden das pädagogische Institut päd QUIS zeigen. „Mit der Bildungsstrategie können wir allen Kindern mehr Zeit schenken“, sagt die Sozialpädagogin und alle sind froh, dass Dresden damit eine Vorbildrolle einnimmt, die vielleicht eine Sogwirkung auch beim Freistaat auslöst, für eine landesweite Entwicklung.

Bildungsstrategie

Zusätzlich zum gesetzlich festgelegten Betreuungsschlüssel soll in 13 besonders herausgeforderten Kindertagesstätten der Betreuungsschlüssel während der Betreuungskernzeiten ab dem Schuljahr 2019/2020 verdoppelt werden.

Bereits mit Beginn des Jahres 2019 wird diesen 13 Kindertageseinrichtungen ein um 150 Euro pro Kind und Jahr erhöhtes Sachkostenbudget zur Verfügung gestellt. Damit können die Kitas zusätzliche Kräfte für die kulturelle, sprachliche und sportliche Bildung eigenständig einbinden.

Zusammen mit dem Freistaat Sachsen wird den Schulgemeinschaften an acht besonders herausgeforderten Grundschulstandorten das an der 139. Grundschule erfolgreich erprobte Modell des „Familienklassenzimmers“ angeboten. Ziel ist es, dass Schülerinnen und Schüler, deren schulischer Erfolg dadurch gefährdet ist, dass sie Regeln nicht ausreichend erfüllen können und zum Teil trotz guter Begabungen den Anforderungen nicht entsprechen können, mit aktiver Unterstützung ihrer Eltern und begleitet durch Lehrer und Familientherapeuten diese Kompetenzen erwerben.

Stärkere Förderung soll es auch für bestimmte Horte geben.

Das finanzielle Gesamtvolumen des Vier-Punkte-Paketes umfasst jährlich 7,5 Millionen Euro und ist im Haushaltsplanentwurf für 2019/2020 enthalten.

Von Ingolf Pleil

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