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Lokales Wie Claus Lippmann seine Jahre als Dresdens Jugendamtsleiter bilanziert
Dresden Lokales Wie Claus Lippmann seine Jahre als Dresdens Jugendamtsleiter bilanziert
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13:06 03.07.2019
Claus Lippmann, scheidender Leiter des Jugendamtes in Dresden, in seinem Büro im Rathaus vor einem Bild mit dem Mönchsberg bei Salzburg. Es ist eine Leihgabe seines Sohnes, die mit ausziehen wird.
Claus Lippmann, scheidender Leiter des Jugendamtes in Dresden, in seinem Büro im Rathaus vor einem Bild mit dem Mönchsberg bei Salzburg. Es ist eine Leihgabe seines Sohnes, die mit ausziehen wird. Quelle: Foto: IPicture
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Dresden

In dieser Woche hat Jugendamtsleiter Claus Lippmann seine letzten Arbeitstage. Seit 29 Jahren ist er in der Stadtverwaltung, seit 24 als Leiter des Jugendamtes. Damit ist er dienstältester Amtsleiter im Rathaus. Die DNN befragten ihn zu seiner Bilanz.

Herr Lippmann, bislang haben wir Sie immer nach Dingen befragt, zu denen Sie uns etwas sagen sollen. Heute frage ich Sie mal, was Sie uns sagen wollen?

(lacht) ...dass ich am Freitag in ein verlängertes Wochenende gehe...(lacht wieder)

Fühlt es sich so an?

Ja, das beschreibt es ganz gut...

Aus einem verlängerten Wochenende kommt man irgendwann wieder, Sie haben sich noch nicht richtig gelöst?

Ich bin auf dem Weg, mich zu lösen. Mit 65,7 Jahren ist es dann einfach irgendwann soweit. Ich habe noch ein paar Aktivitäten in überregionalen Gremien der Jugendhilfe, deren Amtszeit noch bis ins nächste Jahr hinein läuft. Außerdem feiern wir 2020 das Jubiläum 100 Jahre Jugendamt in Dresden. Wenn da meine Mitwirkung gebraucht werden sollte, stehe ich auch zur Verfügung.

Sie sind erleichtert?

Erleichterung wäre wirklich falsch, ich habe es gern gemacht. Es ist nicht so, dass ich den Tag herbeisehne, aber er steht fest. Die kommissarische Nachfolge ist mit Sylvia Lemm benannt, insofern ist alles geebnet.

Wie sehr beeinflussen die Ereignisse von Ende 2018 Ihre Gemütslage rund um den Abschied, als Sie im Amtsgericht von einem Angeklagten angegriffen worden sind?

Juristisch ist die Angelegenheit noch nicht abgeschlossen. Ich bin körperlich wiederhergestellt. Die letzten Monate habe ich auch darauf verwendet, das Sicherheitskonzept für die Mitarbeiter des Jugendamtes voranzubringen. Wir haben bei allen Verfahren, bei Hausbesuchen, beim Allgemeinen Sozialen Dienst, unsere Sicherheitsvorschriften. Aber innerhalb der Verwaltung muss noch mehr getan werden, insbesondere mit Blick auf den Umzug ins Seidnitzcenter auf die Enderstraße. Da braucht es ein umfassendes Sicherheitskonzept, damit solche Sachen nicht möglich sind. Die Aggressivität in der Gesellschaft ist insgesamt gestiegen, ähnliches kann Ihnen auch auf der Straße passieren. Das ist nicht gut. Dagegen anzugehen, ist immer richtig.

Auf welche Dinge in Ihrer Amtszeit schauen Sie besonders gern zurück?

Dass es uns gelungen ist, gemeinsam mit den freien Trägern, eine stabile Jugendhilfelandschaft aufzubauen. Das haben wir dadurch erreicht, dass immer eine motivierte Jugendamtsverwaltung da war und die Bereitschaft bei den Trägern, die Leistungen zu übernehmen – auch in der Größenordnung, in der wir sie in Dresden jetzt anbieten. Dazu gehört auch, dass wir eine sehr beteiligungsorientierte Jugendhilfeplanung aufgebaut haben und sich alle Träger mitgenommen fühlen und Teil der Planung der Angebote sind.

Warum macht die Stadt das so?

Es ist der klassische Auftrag des Sozialgesetzbuches, dass wir aus den Bedürfnissen im Verschnitt mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Stadt Bedarfe definieren, für die es dann Jugendhilfeangebote gibt. Zudem sind wir gut vernetzt mit dem medizinischen Bereich wie dem Uniklinikum oder dem Städtischen Klinikum, beispielsweise im kinderpsychiatrischen Bereich oder bei Bindungsproblemen der Eltern, die heute als einer der Hauptgründe für die spätere Notwendigkeit für Hilfen zur Erziehung der Kinder gelten. Ähnlich positiv sind die Kontakte zum Familiengericht, zu Polizei oder Staatsanwaltschaft sowie zu den Hochschulen. Das Jugendamt ist also gut eingebunden – so sollte es auch sein.

Wie sieht die Lebenslage der Kinder und Jugendlichen in Dresden aus, ist sie in Ihrer Amtszeit besser geworden?

Das lässt sich so pauschal schwer beantworten. Es wäre auch völlig vermessen, da den Aktivitäten des Jugendamts alleinigen Einfluss zuzuschreiben für die Entwicklung der Lebenslagen. Wir leisten unseren Beitrag dazu, dass Defizite abgebaut werden. Aber welche Möglichkeiten haben Kinder und Jugendliche heute, bei Konsum, Reisen und vielen anderen Dingen? Die letzte Lebenslagenstudie von Professor Karl Lenz an der TU Dresden hat ein relativ positives Bild gezeichnet, diese Studien gibt es seit fast 20 Jahren. Sie bieten damit einen ziemlich einmaligen Längsschnitt. Ich habe gerade noch die nächste Kinder- und Jugendstudie auf den Weg gebracht, indem ich den Vertrag unterschrieben habe. Ich bin froh, dass dies fortgesetzt wird, auch wenn Professor Lenz und ich mal im Ruhestand sind.

Mancher neigt in Haushaltsverhandlungen dazu, Dresden ein Luxusproblem zu attestieren, weil die Stadt sehr üppig mit Jugendhilfeangeboten ausgestattet sei. Ist das berechtigt?

Es kommt auf den sinnvollen Einsatz des Geldes an. Wir haben nicht alle Bedürfnisse in Bedarfe umgesetzt. Die Anträge liegen deutlich über dem, was bewilligt wird. Wenn wir als wirtschaftlich relativ gut dastehende Kommune mehr in präventive Arbeit investieren, hat das positive Auswirkungen auf spätere Folgekosten. Der Vergleich mit anderen deutschen Großstädten im Iko-Netz gibt uns da Recht. Wir liegen unter den beteiligten 14 Städten bei den Pro-Kopf-Kosten auf den hinteren Plätzen. Unsere Aufwendungen für erzieherische Hilfen pro Einwohner zwischen 0 und 21 Jahren lagen 2018 bei 683,51 Euro. Nur Nürnberg und Berlin Steglitz-Zehlendorf stehen noch besser da. Die Spitzenreiter bringen es mit 1024 und 1548 Euro auf deutlich mehr.

An welche Kuriositäten erinnern Sie sich?

Neben den typischen Jugendhilfe-Einrichtungen hatten wir 1995 neben vier Jugendherbergen auch noch zwei Schlösser – Albrechtsberg und Lingnerschloss gehörten zum Jugendamt – und zwei Schiffe, die teilweise für erlebnispädagogische Projekte genutzt wurden. Schließlich wurden diese Überbleibsel der DDR-Zeit auf andere Träger übergeben oder abgestoßen. Jahre später bin ich dann noch angefragt worden, ob wir die Seefunklizenz verlängern wollen...

Was haben Sie nicht realisieren können?

In bestimmten Bereichen im Jugendamt ist die Personalausstattung nicht optimal. Da muss sich die Stadt als Arbeitgeber etwas einfallen lassen. Das bleibt ein Thema für die Zukunft.

Welche Bereiche sind das?

Das betrifft etwa den Kinder- und Jugendnotdienst, in dem Personal fehlt. Das ist auch einer der am schwierigsten zu besetzenden Bereiche. Das gilt ebenso für die Beratungsstellen und einige Verwaltungsbereiche.

Beim Notdienst mangelt es nicht an Stellen, sondern an Bewerbern, weil die Arbeit sehr stressig ist?

Die Stellen sind da. Sie sind in der Betriebserlaubnis vom Land vorgeschrieben, aber einfach nicht besetzt. Die Arbeit ist anspruchsvoll. Die Fluktuation ist relativ hoch und die Belastung aufgrund der unbesetzten Stellen auch.

Gibt es Ziele, die Sie vererben möchten?

Es wäre meiner Ansicht nach sinnvoll, wenn die Stadt in einigen Bereichen wieder selbst Leistungserbringer werden würde. Wir haben alle Angebote, die wir früher einmal hatten, an freie Träger transformiert. Ich denke aber, bei Wohngruppen oder bei der sozialpädagogischen Familienhilfe sollten wir uns wieder selbst in die Landschaft begeben, damit wir selbst Erfahrungen im Betrieb solcher Angebot haben. Damit wir wissen, wie ein Heim in Gänze tickt. Alle Angebote an Träger zu geben, hat sich da nicht als positiv erwiesen. Da geht es darum, dass wir selbst Feuerwehr spielen können und Kapazitäten haben, um zu sagen, der und der Jugendliche wird jetzt von uns selbst betreut.

Wenn das verlängerte Wochenende nicht aufhört, was machen Sie dann?

Da stehen natürlich im Urlaub die Berge auf dem Plan. Ich habe vier Enkel und die haben mich als Bergführer ausgewählt. Darüber hinaus werde ich nicht unengagiert sein. Ich bleibe an der Stadtentwicklung interessiert und der Stadtgesellschaft erhalten. Ganz sicher werde ich „Pappa ante portas“ von Loriot nicht kopieren.

Von Ingolf Pleil

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