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Lokales „Zwischen Entschluss und Suizid liegen häufig nur sechs Stunden“
Dresden Lokales „Zwischen Entschluss und Suizid liegen häufig nur sechs Stunden“
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19:50 10.09.2019
Als Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Städtischen Klinikums am Weißen Hirsch ist Prof. Jabs Experte beim Thema Suizid. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Viele Selbsttötungen könnten verhindert werden, sagt der Dresdner Psychiater Burkhard Jabs im Gespräch mit den DNN anlässlich des Welttags der Suizidprävention. Allerdings, mahnt der Experte, sei dazu mehr Bewusstsein für Betroffene nötig.

Frage: Der 10. September ist der Welttag der Suizidprävention. Reicht ein Tag im Jahr aus, um auf das Thema Suizid aufmerksam zu machen?

Burkhard Jabs: Natürlich nicht. Aber wir sind froh, dass es ihn gibt. Die Ursachen für Suizid sind sehr vielfältig und deswegen gibt es nicht die eine Maßnahme zur Suizidprävention. Das Thema allerdings immer wieder ins Bewusstsein zu bringen, ist sehr wertvoll. Da können vor allem die Medien ihren Teil beitragen.

Zur Person

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Städtischen Klinikums, Standort Weißer Hirsch

Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS)

Mitglied im Beirat des Dresdner Bündnisses gegen Depression

In den Medien passieren grobe Fehler

Da sie die Medien ansprechen: Seit Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ ist bekannt, dass detaillierte Berichte über Selbsttötung Nachahmungstaten verursachen können, wie es zum Beispiel nach dem Suizid des Fußballtorwarts Robert Enke der Fall war. Wie hat sich Berichterstattung zum Thema Suizid in den letzten Jahren verändert?

Ich finde schon, dass es heute eine größere Sensibilität für das Thema bei den Medien gibt. Dass mittlerweile Telefonnummern von Hilfsangeboten unter Beiträge gestellt werden, ist sehr gut. Dennoch passieren immer wieder grobe Fehler in der Berichterstattung, beispielsweise wenn Fotos vom Suizidort veröffentlicht werden. Da nehmen wir dann auch den Hörer in die Hand und teilen das dem jeweiligen Medium mit.

Wie sollte denn eine ideale Berichterstattung Ihrer Meinung nach aussehen?

Es hängt alles vom Stil ab. Dramatisierung und die Darstellung des Suizids als zwangsläufige Entwicklung sind nicht der richtige Weg. Auch die Suizidmethode sollte man niemals beschreiben. Wenn Journalisten stattdessen Suizid als Folge einer Depression beschreiben, wäre das eine große Hilfe. Zudem sollten sie auf konkrete Hilfsangebote hinweisen. So könnten Medien Suizide sogar verhindern.

Journalisten sollten auch Menschen zu Wort kommen lassen, die eine suizidale Krise überwunden haben. Da haben Redakteure allerdings oft das Pech, dass wenige Menschen ihre Geschichte erzählen möchten – was ich auch nachvollziehen kann.

Auch im Kleinen ist Aufklärung nötig

Nicht nur in den Medien, auch in der Gesellschaft sollte über das Thema Suizid offener geredet werden. Allerdings sind psychische Krankheiten wie zum Beispiel Depressionen häufig noch unbequeme Themen, das Reden darüber ist häufig mit Scham besetzt. Wie kommen wir zu einem offeneren Dialog über psychische Krankheit und Suizidalität?

Indem Journalisten, wie ich es gerade beschrieben habe, darauf aufmerksam machen. Aktionen wie der Dresdner Lauf gegen Depressionen am 21. September können auch etwas beitragen. Aber auch im Kleinen ist Aufklärung nötig. Ich bin zwar kein Kinder- und Jugendpsychiater, habe aber auch schon Vorträge an Schulen gehalten, um Lehrer für das Thema zu sensibilisieren.

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Wie erkenne ich denn, dass jemand suizidgefährdet ist? Und was sollte ich tun, wenn ich Warnsignale bei mir oder einem Bekannten beobachte?

Wenn eine Person sich stark verändert, Termine absagt und sich von Freunden und Familie abwendet, sind das alarmierende Anzeichen. Äußerungen über Appetitlosigkeit, Schlafstörungen und starke Minderwertigkeitsgefühle ebenso. Auch Gedanken der Hoffnungslosigkeit wie „Was bringt das noch?“ sind ein Grund zum Nachfragen.

Wenn sich dann jemand zum Suizid entschließt, ist es meist schon zu spät um einzugreifen. Oder nicht?

Viele Depressive haben immer wieder Suizidgedanken. Doch zwischen dem endgültigen Entschluss und der Tat liegen im Mittel nur sechs Stunden, sagen uns Studien. Das ist eine kurze Zeit, aber keine verlorene. Findet der Betroffene in diesen Momenten jemanden zum Reden, dann kann das schon einen Suizid verhindern. Wer keinen Psychologen hat, sollte in jedem Fall zu seinem Hausarzt gehen und über seine psychischen Leiden reden. Dieser kann dann helfen, einen Behandlungsplatz zu finden.

Mehr Patienten in Gruppentherapie

Dabei kann ein Hausarzt bei seelischen Belastungen nur bedingt weiterhelfen. Wer einen Psychologen sucht, muss häufig mehrere Monate auf einen Therapieplatz warten. Denken sie, eine bessere psychotherapeutische Versorgung könnte zur Suizidprävention beitragen?

Psychotherapie ist eine wirksame, mächtige Waffe, die wir haben. Dass die Suizidzahlen durch mehr Psychotherapeuten sinken würden, bezweifele ich allerdings. Statt mehr Therapeuten für Einzeltherapie bräuchten wir mehr Patienten in Gruppentherapien. Das Sprechen in der Gruppe kann große Kräfte mobilisieren und so könnte man auch mehr Menschen helfen. Ein weiteres Problem ist, dass häufig nur die leichter Erkrankten sich intensiv um einen Therapieplatz bemühen können. Schwer Erkrankte haben selten die Kraft, sich bei vielen Psychologen durchzutelefonieren. Allen, die einen Therapieplatz suchen, kann ich psychologische Ausbildungsinstitute nahelegen. Die Therapeuten dort sind zwar noch in ihrer Ausbildung, aber werden intensiv begleitet und sind vor allem höchst motiviert. Bei akuter Suizidalität stehen aber alle psychiatrischen Kliniken in Dresden den Hilfesuchenden offen – bei Tag und Nacht.

Sie sprachen gerade Dresden an. Seit dem vergangenen Jahr gibt es das Dresdner Werner-Felber-Institut für Suizidprävention, in dem auch Sie im Vorstand tätig sind. Wie tragen sie dort zur Suizidprävention bei und was ist seit der Gründung vor einem Jahr geschehen?

Wir unterstützen Forschungsvorhaben im Bereich Suizid. Daher ist unser Beitrag eher langfristig zu sehen. Allerdings haben wir schon einige Präventionsprogramme gestartet, deren Wirksamkeit wir dann wissenschaftlich untersuchen. Beispielsweise bestellen wir einige unserer Klinik-Patienten nach ihrer Entlassung in regelmäßigen Abständen wieder zu uns, wenn sie dies wünschen. So wollen wir herausfinden, ob dies den Patienten hilft, die hoch sensible Phase nach der Klinikzeit besser zu meistern.

Befinden Sie sich in einer Krise? Hier finden Sie Hilfe:

Telefonseelsorge, durchgehend erreichbar, Tel. 0800 11 101 11

Dresdner Telefon des Vertrauens, täglich von 17 bis 23 Uhr, Tel. 804 16 16

Psychosozialer Krisendienst Dresden: vertrauliche, kurzfristige und kostenfreie Beratung Erwachsener, ohne Überweisungsschein und ohne Chipkarte, telefonische Anmeldung: Montag bis Freitag 9 bis 11 Uhr, Tel. 488 53 41, Ostra-Allee 9

Notrufe und Info-Telefone für Menschen in unterschiedlichen Krisensituationen: www.dresden.de/krisenwegweiser

Kliniken zur Akutaufnahme bei psychiatrischen Notfällen und Suizidalität für Erwachsene: https://www.dresden.de/media/pdf/gesundheit/Psych_Kris_Zustaendigkeit_Akutpsychiatrie_Erwachsene.pdf

Kliniken zur Akutaufnahme bei psychiatrischen Notfällen und Suizidalität für Kinder und Jugendliche: https://www.dresden.de/media/pdf/gesundheit/psych_Kris_Zustaendigkeit_Akutpsychiatrie_Kinder_Jugendliche.pdf

Seit 1980 hat sich die Suizidzahl in Deutschland fast halbiert. Wenn sie in die Zukunft blicken, denken sie, dass wir Suizide irgendwann gänzlich verhindern können?

Auf eine Null werden wir wohl nicht kommen. Aber ich bin Optimist und sicher, dass wir die Zahl noch deutlich reduzieren können, vor allem durch mehr Bewusst­-sein für das Thema. Bei allem Optimismus weiß ich jedoch, dass es einen Teil von Menschen gibt, die wir auch auf diese Weise nicht erreichen können. Menschen, die gar nicht im Gesundheitssystem erfasst sind oder jene, die von einer Krise einfach überrollt werden und dann impulsiv handeln. Dennoch hoffe ich, dass irgendwann einmal jedes Kind die Anzeichen für eine Depression aufsagen kann, so wie heute jeder weiß, was Herzinfarkt-Anzeichen sind.

Von Laura Catoni

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