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Lokales Welt-Down-Syndrom-Tag: Luise aus Dresden tanzt durchs Leben
Dresden Lokales Welt-Down-Syndrom-Tag: Luise aus Dresden tanzt durchs Leben
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07:32 21.03.2019
Luise und Tänzerin Bella verbindet mehr als nur der Salsa – gemeinsam sind sie schon nach Kuba gereist. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Luise öffnet freudestrahlend die Tür und bittet uns herein. „Wie alt bist du?“, fragt sie mich, ohne zu zögern. Auf meine Antwort entgegnet die 16-Jährige: „Cool!“. Danach zeigt sie uns ihr Zimmer, erzählt uns, was sie gerne in ihrer Freizeit macht. Lesen, Tanzen, manchmal Gitarre spielen. Dinge, die ein normaler Teenager eben so tut – und das trotz Down-Syndrom.

Bei Menschen mit Down-Syndrom ist das 21 Chromosom dreifach vorhanden. Wachstums- und Funktionsveränderungen sowie körperliche Besonderheiten sind die Folge. Zudem verursacht das zusätzliche Chromosom eine verlangsamte, zum Teil anders verlaufende mentale Entwicklung. Weltweit leben rund 5 Millionen Betroffene, davon zwischen 30 000 und 50 000 in Deutschland.

Tanzen für Inklusion

Luise ist eine begeisterte Tänzerin seit sie sechs Jahre alt ist. „Ich kann das richtig gut“, sagt sie und führt uns ein paar Schritte vor. Ihre Tanzlehrerin Bella Salsa nickt bejahend: „Luise hat den Rhythmus im Blut – und sie hat Disziplin. Sie weiß immer alle Schritte.“ Zwei Mal pro Woche tanzt die 16-Jährige mit der Kubanerin, vor allem Salsa hat es ihr angetan. „Am meisten am Tanzen mag ich die Musik“, sagt Luise. Je schneller die Lieder, desto besser.

Zum diesjährigen Welttag des Down-Syndroms hat sie bei einem Musikvideo mitgewirkt, bei dem über 130 Kinder mit und ohne Trisomie 21 zusammen tanzen. Damit wollen sie eine Botschaft in die Welt senden: „Du bist so und ich bin anders -  und wir sind schön und richtig, wie wir sind“.

Intoleranz in der Gesellschaft

Dem Mädchen und ihren Eltern begegnen bis heute noch Vorurteile. „Vor allem die Frage, ob wir nicht vorher von der Genommutation gewusst hätten, hören wir oft. Und da sind wir kein Einzelfall“, erzählt Jeannette Scholz. Gewisse Blicke bleiben im Alltag nicht aus, auch die Aussage „Sowas muss doch heute nicht mehr sein“ ist keine Seltenheit.

„Wir wollten es damals nicht wissen, denn für uns ergab sich daraus keine Konsequenz“, erzählt Luises Vater Dirk Schumann. „Wir haben es damals zwei Wochen nach Luises Geburt erfahren. Die Nachricht war natürlich ein kurzer Dämpfer – und auch wir haben uns gefragt, was wir jetzt machen“, erinnert sich der 45-Jährige. „Aber man weiß eben nie, was als nächstes kommt. Wir haben uns damit arrangiert und einfach von Anfang an normal weiter gelebt.“

Seitdem gab es durchaus einige Herausforderungen. „Die hören auch nicht auf. Je nach Alter sehen sie völlig verschieden aus. Momentan schmieden wir beispielsweise Zukunftspläne und reden mit Luise, wie sie sich ihr Leben vorstellt. Praktikumsplätze zu bekommen, ist in diesem Fall auch nicht so einfach“, erklärt Jeannette Scholz. „Unsere Tochter ist mehr als Andere fremdbestimmt. Gerade deswegen müssen wir schauen, was sie selbst möchte“, fügt Dirk Schumann an. Luise weiß es schon – ihr Traum ist es, Tanzlehrerin zu werden.

 Ein offenes Herz

„Sie kommt so leicht mit Leuten ins Gespräch, ist offen und hat keine Berührungsängste. Wir haben deswegen immer neue Kontakte beim Reisen“, erzählt ihre Mutter. „In einem Urlaub haben wir eine depressive Frau kennengelernt. Zum Abschied hat sie Luise weinend einen Engel geschenkt und gesagt, dass sie schon lange nicht mehr so glücklich war“, erinnert sich die 44-Jährige. „Luise hat einfach einen Herz-Öffner.“

Der diesjährige Welt-Down-Syndrom-Tag steht auch im Zeichen der Debatte um einen vorgeburtlichen Bluttests auf Down-Syndrom. Es wird diskutiert, ob der Test in einer Schwangerschaft zur Regeluntersuchung und damit zur gesetzlichen Kassenleistung werden soll. Luises Eltern sehen diese Entwicklungen kritisch. „Muss man sich als Mensch mit Down-Syndrom für sein Leben rechtfertigen? Der Test verstärkt die Angst bei Betroffenen, nicht gewollt zu sein. Mir macht es Sorgen, wohin das noch geht“, sagt Jeannette Scholz. „Dabei darf diese positive Aura nicht verloren gehen. Gerade in der heutigen Welt ist es so nötig, dass es Menschen gibt, die das Offensichtliche sehen und leben“, findet die Mutter.

Das Ehepaar will anderen betroffenen Eltern Mut machen und Angst nehmen. „Familien in dieser Lage haben oft Angst, dass sie das nicht schaffen. Aber man lernt mit der Zeit, was man doch alles schaffen kann“, sagt Luises Vater. Er rät, einfach zu machen und auszuprobieren, was möglich ist. „Das kann scheitern, aber es wird auch oft funktionieren“, weiß der Vater mittlerweile. Die Eltern sind sich sicher – der Welt können ein paar mehr Glückschromosomen nicht schaden. Zum Abschied drückt mich Luise fest. Nein, schaden können sie sicher nicht.

Musikvideo auf trisomie21.net

Von Annafried Schmidt

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