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Lokales Wasserparade und Prunkzimmer: Dresden feiert ein Barockspektakel
Dresden Lokales Wasserparade und Prunkzimmer: Dresden feiert ein Barockspektakel
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12:01 20.08.2019
Stefanie Penthin, Restauratorin in der Rüstkammer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), arbeitet an der Perücke auf der Krönungsfigur von August dem Starken im Krönungsornat von 1697. Quelle: dpa
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Dresden

„Noch einen halben Zentimeter nach links und aus der Stirn!“ Stephanie Penthin schiebt, auf einer Leiter stehend, die Krone auf der blonden Lockenperücke zurecht. August der Starke wackelt, aber mit unverändert majestätischem Gesichtsausdruck. Die Figurine des Sachsen-Herrschers ist dem verschollenen Original aus dem 18. Jahrhundert nachgefertigt und steht hinter den Kulissen im wiederaufgebauten Dresdner Residenzschloss. Dort werden am 28. September die mit Millionenaufwand originalgetreu rekonstruierten barocken Paraderäume eröffnet.

Seidenstrümpfe und –hose, Schurz aus Seidensamt in Ponceaurot mit Goldfransen, glänzender Harnisch und Glacéleder-Stiefel mit Seiden-Silber-Gewebe und Goldspitze – das römische Gewand ist angelegt. Nur der Hermelin fehlt noch. Das Ornat wurde dem Original nachgefertigt, das der Kurfürst 1697 bei der Krönung zum König von Polen in Krakau getragen hat. „Er ließ danach eine Figur bauen, um auch in seiner kurfürstlichen Residenz als König präsent zu sein“, sagt Kunsthistorikerin Christine Nagel vor der Rüstkammer.

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Dort laufen die Vorbereitungen zur musealen Einrichtung der Paraderäume auf Hochtouren. Friedrich August I. von Sachsen (1670-1733) hatte sie anlässlich der Hochzeit seines Sohnes Friedrich August mit Kaisertochter Erzherzogin Maria Josepha von Österreich 1719 bauen lassen. Zum 300. Jubiläum werden die fünf Gemächer samt Nebenräumen wiedereröffnet. „Es war die Hochzeit des Jahrhunderts und eine der großen Inszenierungen“, sagt Schlossdirektor Dirk Syndram. Einen ganzen Monat lang war damals in und um Dresden gefeiert worden. Planetenfeste, Bankette, Turniere, Jagden und Opernaufführungen bildeten die Kulisse für den Empfang der Kaisertochter.

Kupferstiche und Archivalien bezeugen Spektakel

Vier dicke, im Sächsischen Staatsararchiv bewahrte Aktenbände des Oberhofmarschallamts umfasst Spektakel, das August der Starke im September 1719 inszenierte. „Alle Veranstaltungen sind beschrieben, mit Personalbedarf, farbigen Kostüm- und Kulissenentwürfen, Tischordnungen und Besetzungen“, sagt Abteilungsleiter Peter Wiegand. Von jeder Opernaufführung ist ein eigenes, kostbar eingebundenes Büchlein erhalten. Es gibt Ergebnislisten der Rennen im Zwinger, die Choreographie der Planetenfeste und farbige Entwürfe für Gewänder von „Jupiter“ bis „Merkur“ oder der Elemente.

Eine weitere penible und von August selbst abgezeichnete Auflistung zeugt davon, dass 1721 noch 47 121 Taler (über zwei Millionen Euro) der Kosten abzuzahlen waren – für Wein von der Mosel, aus Italien und Frankreich, silbernes Geschirr oder den Hof-Metzger. Insgesamt umfasst die Dokumentation über 3000 Blätter, darunter Pläne für die Bankett- und Ballarchitektur.

Hofküche auf europäischem Spitzenniveau

Die genaue Speisefolge ist nicht bekannt, die Hofküche aber meisterte die logistische Herausforderung kurfürstlicher Tafeln mit etwa 1200 Gästen. Historiker Josef Matzerath von der Technischen Universität Dresden attestiert den Köchen europäisches Spitzenniveau. Zutaten wie Rinder, Hirsche oder Rebhühner mussten damals „just in time“ angeliefert werden, denn Kühlmöglichkeiten gab es kaum.

Matzerath geht davon aus, dass abwechslungsreiche Nahrung auf den Teller kam: „Alles andere wäre unter dem Niveau des Hofes gewesen.“ Nicht überall auf den Kupferstichen sind Messer und Gabeln zu sehen, Weingläser fehlen ganz. Auch Frankreichs König Ludwig der XIV., dem August der Starke nacheiferte, aß noch mit den Fingern. „Das Glas wurde zum Trinken gereicht und direkt danach wieder zurückgegeben“, erzählt Matzerath. Und es gab unumstößliche Tischsitten: Niemand durfte vor August zugreifen und wenn er den Löffel ablegte, war das Mahl für alle zu Ende.

Musik Teil des Gesamtkunstwerks

Schon Jahre vor der Hochzeit begannen auch die musikalischen Vorbereitungen. 1716 wurde Johann David Heinichen aus Italien als Kapellmeister nach Dresden berufen, wo die Musik am Hof zuvor eher französisch geprägt war. Ein Jahr später folgte Antonio Lotti mit seinen Opernstars. „Das Hochzeitsfest sollte der ganzen Welt zeigen, wie kulturell potent der Hof in Dresden ist“, sagt die Musikwissenschaftlerin Katrin Bicher. Die Oper spielte eine wichtige Rolle. Lotti schrieb gleich drei Werke.

Und auch ein Opernhaus wurde eigens gebaut. Es erklang Tafelmusik, dazu kamen sogenannte Rossballette, nach dem Vorbild der Wiener Hofreitschule choreographierte Reitershows. Bei so einem „Reiterballett der Vier Elemente“ können Besucher bald in einer Kuppel im Zwinger dabei sein - dank audiovisueller 270 Grad-Projektion.

Constellatio Felix - Augusts Spiel mit den Göttern

Dramaturgischer Höhepunkt aber waren sogenannte Planetenfeste: Feuerwerk des Apoll, Ross- und Fußturnier des Mars, Karussell der Vier Elemente von Jupiter, Wasserjagd der Diana, Damenfest der Venus, Merkurs „Nationenwirtschaft“ und das Bergwerksfest des Saturn mit Bergmanns-Aufzug. Alles unter dem Motto „Constellatio Felix“, glückliche Sternenkonstellation.

„Es war eine der bedeutendsten Festlichkeiten des Barock in Deutschland und Mitteleuropa“, sagt Syndram. „Eine Sternstunde höfischer Festivitäten, festlicher Selbstinszenierung und adliger Lebenskunst.“ Am Hof werden nicht zuletzt die Stars in Lottis Opernensemble gefeiert, wie der berühmte Kastrat Senesino, Lottis Frau Stella und die Sopranistin Margherita Durastanti. Komponist Georg Friedrich Händel will die Sänger sofort abwerben - und holt sie tatsächlich nach London.

Spektakel erregt überregional Aufmerksamkeit

„Das Fest machte schon Eindruck und ging durch die europäische Presse, in Frankreich, Spanien und Portugal“, sagt Bicher. Von den Arien der Opern wurden Klavierauszüge angefertigt und vieles in Kupferstichen verewigt, um den Glanz zu bewahren. Diese sind auch Vorbild einer Wasserparade am 25. August, die an die historische Ankunft des frischvermählten Paares am 2. September 1719 erinnert. Dabei schippern vier Nachbauten historischer Gondeln von Pirna aus elbabwärts, unter anderem mit der „Pfauengondel“ auch eine Kopie von Augusts Lieblingsboot. „Wir haben nicht das Geld von damals, aber auf jeden Fall die Begeisterung dafür“, sagt Karla Kallauch von der Dresden Marketing GmbH.

Einzug der Kaisertochter viel opulenter

1719 geleitete ein Spalier die Schwiegertochter vom Anleger ins Schloss. Dort in den Paradegemächern werden derzeit noch die letzten Wände mit kostbaren Textilien bespannt. Während ihre Einweihung vor 300 Jahren die Hochzeitsfestlichkeiten einläutete, ist ihre Wiedereröffnung Schluss- und Höhepunkt der Festveranstaltungen.

Überraschungen im Westflügel

Dann wird auch August der Starke wieder zurück sein in der Residenz. „Die Krönungsfigurine wird im allerletzten Raum stehen, wenn man am Audienzstuhl vorbeigeht, begegnet man ihm“, sagt Syndram. Sieben originale Gewänder des Regenten zeigen, dass dieser weniger dick war als bisher verbreitet: die Konfektionsgröße der kostbarsten Staatskleider, für die Figurinen gebaut wurden, liegt zwischen Größe 46 und 52.

Und auch die berühmteste Lebenspartnerin des Barockfürsten bekommt den ihr gebührenden Platz: Gräfin Cosel. Ein 2006 erworbenes Gemälde zeigt sie in einem aus dunkelblauem Samt mit Hermelinbesatz bestehenden mantelartigen Oberkleid. 1706 hatte August der Starke sie zur „Gemahlin zur Linken“ erklärt, ihr Liebe und Treue geschworen, verweist Syndram auf ein Dokument im Staatsarchiv. „Das berechtigte sie, sich mit königlichem Mantel darstellen zu lassen.“

dpa