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Lokales Was Fernsehkrimis mit der Jugendhilfe in Dresden zu tun haben
Dresden Lokales Was Fernsehkrimis mit der Jugendhilfe in Dresden zu tun haben
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09:04 11.04.2019
Polizeiruf „Kindswohl" mit Charly Hübner und Christina Große sowie Junis Marlon Noreick (re.) und Jack Owen Berglund (2.v.l.). Quelle: NDR
Dresden

Hauptkommissar Alexander Bukow (Charly Hübner) jagt im ARD-Polizeiruf einem Jugendlichen bis nach Polen hinterher, wohin die Betreuung verhaltensauffälliger Jugendlicher offenbar ausgelagert worden ist. Der früher einschlägig aufgefallene Ex-Hooligan Jan „Monchi“ Gorkow (Feine Sahne Fischfilet) hat einen Gastauftritt als Schlichter.

Im ZDF sitzt Kommissarin Lukas (Ulrike Kriener) mit Polly auf der heimischen Couch. Deren getötete Freundin war zuvor in einem ausländischen Heim von Mitbewohnern brutal gequält worden, Erzieher sehen völlig überfordert aus. Ein deutscher Heimbetreiber will sich mit der billigen Betreuung in Tschechien eine goldene Nase verdienen.

Zwischen Fernseh-Wirklichkeit und Realität

Die Probleme der Jugendhilfe haben es geschafft, sie flimmern zur besten Sendezeit in die Wohnzimmer. Doch was hat das mit der Realität zu tun? In Dresden zumindest nicht viel. Verhaltensauffällige Jugendliche gibt es natürlich auch hier. Auch hier ist es mitunter schwer, an sie heranzukommen. Dann hören die Parallelen zur Fernseh-Wirklichkeit nach den Angaben von Jugendamtsleiter Claus Lippmann aber weitgehen auf.

„Das Dresdner Jugendamt hat derzeit keine Jugendlichen in Pflegefamilien oder anderen Einrichtungen im Ausland untergebracht“, erläutert Lippmann. Bundesweit sind es laut Bundesfamilienministerium derzeit rund 850 Personen. „Ich habe im Februar 2009 eine bis heute gültige Arbeitsanweisung unterschrieben, die besagt, dass Hilfen zur Erziehung in der Regel im Inland zu erbringen sind.“ Nur für kurzfristige Aufenthalte, wie Ferien-, Klassenfahrten, Auslandsjugendaustausch oder ähnliches, könne von dieser Regel abgewichen werden, stellt Lippmann fest.

Einsparungen kein Kriterium

Laut Sozialgesetzbuch (SGB VIII) seien unter bestimmten Voraussetzungen Auslandsmaßnahmen möglich. Über den Aufenthaltsort von Minderjährigen würden die Sorgeberechtigten oder auch ein gerichtlich bestellter Vormund entscheiden. Jugendämter könnten eine Auslandsunterbringung anregen, aber nicht darüber entscheiden. Außerdem müsse es dafür „immer eine fundierte sozialpädagogische Begründung“ geben und sie seien „eine absolute Ausnahme“. „Kosteneinsparungen sind kein Kriterium“, sagte Lippmann. Die optimale Betreuung von Jugendlichen und deren Wohl stehe im Vordergrund, „wobei wir natürlich die Kosten nicht aus den Augen verlieren dürfen“. Es müssten die gleichen Standards gelten wie in Deutschland.

Das Kriterium „schwierige soziale Verhältnisse“ sei dabei kein Faktor für die Entstehung eines erzieherischen Hilfebedarfes. „Auch Familien in prekären Lebensverhältnissen meistern ihre erzieherischen Aufgaben zum größten Teil allein und ohne staatliche Hilfe“, stellt Lippmann klar. Es gebe aber mehr Personen in problematischen Situationen, als dann tatsächlich eine Hilfe in Anspruch nehmen. Im März liefen 2489 Hilfen zur Erziehung. Davon waren beispielsweise 362 sogenannte Eingliederungshilfen. Junge Menschen, die eine solche Hilfe erhalten, haben in der Regel eine seelische Behinderung. Von diesen wiederum entfalle nur ein geringer Teil auf die sogenannten „schwierigen“ Kinder und Jugendlichen, die den pädagogischen Fachkräften in der Arbeit besondere Kompetenzen abverlangen, meinte Lippmann.

„Keine pädagogische Notwendigkeit“

Auch davon werde niemand im Ausland betreut. „Meiner Meinung nach gibt es keine pädagogische Notwendigkeit und keinen zu rechtfertigenden Bedarf, der Auslandsunterbringungen zwingend erfordert“, sagte der Amtsleiter.

Vor sehr vielen Jahren seien ab und zu Minderjährige im Ausland untergebracht worden. Die Erfahrungen seien aber nicht gut gewesen und die Zusammenarbeit mit den Behörden dort aufwendig und schwierig. „Heute ist es nicht mehr notwendig, da wir im Inland ausreichende Angebote haben.“ Auch habe der Gesetzgeber mittlerweile die Hürden für eine Auslandsunterbringung höher gesteckt.

Sogenannte „schwierige“ Kinder und Jugendliche lehnten eine Hilfe von sich aus häufig ab. Es dauere oft lange, bis eine geeignete Hilfe, oft für den jungen Menschen individuell entwickelt, auch angenommen wird. Auch wenn der junge Mensch nicht mitwirke, bleibt der Schutzauftrag der Jugendhilfe bestehen. Deshalb würden immer wieder Hilfen angeboten. „Manchmal wird ein anderer Betreuer beauftragt und der findet einen Zugang und dann funktioniert es plötzlich.“

Übergriffe auf Personal

Dass es für Betreuer tatsächlich nicht immer einfach ist, zeigen wiederkehrende Übergriffe auf Verwaltungspersonal. Vorwiegend kommt es zu solchen Zwischenfällen im Kinder- und Jugendnotdienst. Dieser Bereich ist beispielsweise zuständig, wenn Minderjährige auf der Straße aufgegriffen werden oder Kinder- und Jugendliche aus ihren Elternhäusern flüchten. Die Situation im Kinder- und Jugendnotdienst sei angespannt, sagte Lippmann. In diesem Jahr gab es in den beiden Notdiensten vier Fälle von Gewalt im Dienst und vier weitere Fälle in anderen Abteilungen des Jugendamtes.

Zu kriminellen Aktivitäten von Trägern im Zusammenhang mit der Betreuung im Ausland gebe es keine Informationen. „Darüber ist uns nichts bekannt. Ab und zu fragen Träger der freien Jugendhilfe an, doch wir bewilligen keinen Auslandsaufenthalt.“

Lippmann hat momentan den Eindruck, dass viele Filmemacher die Jugendhilfe entdeckt hätten. „Wir waren vom aktuellen Polizeiruf eher enttäuscht, da er die Arbeit der Jugendämter sehr unrealistisch darstellt“, sagte er. Sehr gespannt sei sein Team auf den auf der Berlinale ausgezeichneten Film „Systemsprenger“, den sich viele ansehen wollen. Man könne sagen, das Thema „Kinderschutz“ sei mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Lippmann: „Das ist gut so.“

Von Ingolf Pleil

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