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Lokales Was DNN-Autor Heiko Weckbrodt mit seinem Begrüßungsgeld gemacht hat
Dresden Lokales Was DNN-Autor Heiko Weckbrodt mit seinem Begrüßungsgeld gemacht hat
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13:00 10.11.2019
Reporter Heiko Weckbrodt mit den beiden Schallplatten, die er sich 1989 von seinem Begrüßungsgeld gekauft hatte. Quelle: privat
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Dresden

Na gut, ich gebe es zu: Ich war ein sparsamer Typ, wenn es um Westgeld ging. Um nicht zu sagen: knausrig. Eher: extrem geizig. Daher wollte der erste Konsumexzess vom Begrüßungsgeld wohl überlegt sein. Schnöde Ausgaben für Bananen oder anderen Schnulli-Kram kamen da überhaupt nicht in Frage. Frei nach Lenin also: „Was kaufen?“

Mit Schallplatten war das schon anders: Gut gepflegt, war das eine Investition für die Ewigkeit. Alben, an die weder in der Zone noch in Ungarn ein Herankommen war. Und man konnte ja nie wissen, ob das die einzige und letzte Gelegenheit im Leben sein würde. Denn wer weiß schon: Vielleicht sperren uns die Kommunisten ja gleich wieder ein?!

Ach ja: Phillip Boa und seine Pia

Die schrillen Punkfunkrocker von den „B-52’s“ standen schon mal oben auf der Liste, als ich meinen West-Hunni gleich nach der Maueröffnung in Westberlin abgeholt hatte. Schon allein, weil der Klassenfeind mit den namensgebenden Bombern unsere Freunde in Vietnam beharkt hatte, würde Amiga diese Combo nie und nimmer verlegen, das war schon mal sicher. Okay: 20 kostbare D-Mark weg. Und nun? Ach ja: Phillip Boa und seine Pia. Der „Voodoo-Club“ hatte wenige Wochen vor dem Mauerfall sein erstes Ost-Konzert in der Werner Seelenbinder-Halle gegeben – und ich war dabei.

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Schon die DDR hatte sich ein „Begrüßungsgeld“ ausgedacht

Was DNN-Autor Heiko Weckbrodt mit seinem Begrüßungsgeld gemacht hat

Begrüßungsgeld war keine Erfindung aus der Wendezeit

Mann, haben mir die Ohren in der Nacht noch gepfiffen. Also: Noch mal 20 Westmärkerchen im Plattenladen irgendwo im Wedding abgedrückt. Jetzt aber schnell ab zur Grenze. Und am Tränenpalast an der Friedrichstraße begannen die Probleme: Der DDR-Grenzer wollte die Platten sehen. Drehte sie misstrauisch um. Und nochmal. Und nochmal. Und stieß dann den Zeigefinger wie ein Rammschwert in Richtung des Phillip-Boa-Covers.

„Das ist doch was Faschistisches, oder?!“, fragte er mit jener Tonmixtur, die einstigen Trägern höchster DDR-Amtsgewalt zu Wende-Zeiten so eigen war: Noch immer diese befehlsgewohnte Stimme eines absoluten Ost-Feudalherrschers auf seinem Posten. Nun aber durchmischt mit dieser Prise Unsicherheit in der Stimme, die zu flüstern schien: Bin ich morgen noch auf diesem Posten? Oder knüpfen die mich heute Abend hier auf?

Beute gesichert, Mission erfüllt

Aber ich kannte die Pflicht-Worthülsen: „Nein, keineswegs, im Gegenteil. Diese Musikgruppe gehört zum progressiven bürgerlichen Erbe“, versicherte ich dem Uniformierten und tippte auf den Titeleintrag von „Morlocks in England“: „Sehen Sie selbst: Dieses Gleichnis für das unterdrückte englische Proletariat stammt von H. G. Wells, der damit den erbarmungslosen Manchester-Kapitalismus anprangerte… Bla, Blabla, Blablablabla…“

Die sich aufstauende Schlange hinter mir tat wohl ein Übriges: Der Grenzer wünschte dem Bürger gute Heimfahrt und winkte ihn durch. Beute gesichert, Mission erfüllt.

PS: Beide Platten habe ich bis heute, obwohl ich die längst digitalen Versionen nachgekauft habe. Ich kann mich einfach nicht davon trennen.

Liebe Leser,

einige Mitarbeiter der DNN haben über ihre Erfahrungen mit dem Begrüßungsgeld berichtet. Jetzt schlägt Ihre Stunde! Lassen Sie uns und die anderen Leser an Ihren Erlebnissen teilhaben. Schreiben Sie uns, wo Sie das Begrüßungsgeld erhalten und was Sie damit angestellt haben. Vielleicht haben Sie noch Fotos vom ersten Einkauf, dann schicken Sie diese gemeinsam mit ihrer kleinen Geschichte (bis zu 1000 Zeichen) mit an lokales@dnn.de oder die DNN-Redaktion, Dr.-Külz-Ring 12, 01067 Dresden. Betreff: „Begrüßungsgeld“ bitte nicht vergessen! Wir wählen dann die interessantesten Geschichten für die Veröffentlichung aus.Herzlichen Dank, Ihre DNN

Von Heiko Weckbrodt

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