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Lokales Warum die Reise zum Begrüßungsgeld für einen DNN-Redakteur ein Kindheitstrauma ist
Dresden Lokales Warum die Reise zum Begrüßungsgeld für einen DNN-Redakteur ein Kindheitstrauma ist
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21:31 10.11.2019
Immerhin der Monchichi meiner Schwester hat die Zeiten überstanden. Inzwischen hat er seinen Platz auf einer Couch in Oberbayern gefunden. Quelle: privat
Dresden

22. Dezember 1989. In einem komplett überfüllten Zug fahren wir in die Hauptstadt der Republik, dem Westgeld entgegen. Wir, das sind meine Eltern, meine beiden zehn und neun Jahre alten Schwestern und ich, damals ein sechsjähriger Junge. Ich erinnere mich noch, wie dunkel das Land aussah, das vor dem Fenster vorbeiflog. Die Reise kam sehr ungelegen. Meine Mutter war nach einer schweren Operation noch nicht wieder auf dem Dampfer, meine Schwester Tina kam frisch aus der Kur. Aber da es in Sachen Begrüßungsgeld auf jede Nase ankam, mussten beide mit.

Angekommen in Ostberlin ging es sofort in den Westen. Mein Vater kannte das schon, er hatte zuvor ein paar Mal die Westverwandtschaft besuchen dürfen. Wir Kinder jedoch machten große Augen. Nicht unbedingt, weil es dort so viel bunter und heller war, wie es oft heißt. Wir waren eher überrascht, wieviel Dreck dort auf den Straßen lag: Für das Westgeld stellten wir uns bei einer Bankfiliale in Neukölln an.

Armbanduhr und Monchichi für die Schwestern

Kaum hatte mein Vater die begehrten Scheine in seiner Jackentasche verstaut, legten wir Kinder los. Wir drängten in die Ramschläden, von denen sich viele auf die Ostdeutschen mit dem frischen Westgeld eingestellt hatten. Mein Vater besitzt heute noch eine Zeitung, die Neuankömmlinge über die Einkaufsmöglichkeiten in Westberlin informierte – seine erste Werbebroschüre.

Wir durften in einen Spielzeugladen, wo sich meine Schwestern jeweils etwas für zehn DM aussuchen durften. Anke, die älteste, suchte sich eine Armbanduhr aus, die nicht lange hielt. Tina ein Monchichi, eine damals gefragte Affenpuppe mit Lätzchen, der man den Daumen in den Mund stecken kann. Meine Schwester hat sie wie alle ihre Puppen mit viel Liebe behandelt und bis heute bewahrt.

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Ich bekam nichts. Dabei hatte ich mich so für diese kleinen Flitzer begeistert, die bei den Jungs im Hof unseres Plattenbauviertels „Mätschie“ hießen, im Laden jedoch Matchbox genannt wurden. Ich diskutierte, ich quengelte – es brachte nichts. Es blieb auch beim Nein, als ich umschwenkte und nun auch so ein Monchichi verlangte, wie es Tina zur Kasse trug. „Du kriegst zuhause etwas“, sagte mein Vater.

Der hatte durch seine sporadischen Westreisen genug Misstrauen gelernt, um den miesen Trick der Händler von Neukölln zu durchschauen. Die Preise für den angebotenen Nippes waren happig, auch für Westberliner Verhältnisse. Im Frühjahr 1988 – eineinhalb Jahre zuvor – hatte mein Vater bei seinem letzten Syltbesuch nämlich zwei Spielzeugautos erstanden und dafür deutlich weniger DM hingeblättert. Davon gab er mir zuhause eines, obwohl er diesen Schatz wahrscheinlich bis Weihnachten hatte hüten wollen.

Eine der schlimmeren Kindheitserinnerungen

So richtig gefreut habe ich mich darüber nicht. Ich war noch zu enttäuscht über das feste Nein im Laden zuvor. Das Auto ist inzwischen verschollen. Ich erinnere mich jedoch noch genau, dass ich das ausdrückliche Verbot meines Vaters ignorierte und mit den Jungs vom Hof im Sandkasten damit spielte.

Für sich selbst kauften meine Eltern übrigens gar nichts. Sie hatten einfach nur wieder nach Hause gewollt, meint meine Mutter dazu und erinnert sich mit Leidensmiene an ihren Zustand damals. Irgendwann hätten sie das Geld dann schon noch ausgegeben, fügt mein Vater an und lässt seine Verstimmung durchklingen. Dass unsere Westgeld-Reise für mich eine der schlimmeren Kindheitserinnerungen ist, hat er soeben das erste Mal gehört.

Liebe Leser,

einige Mitarbeiter der DNN haben über ihre Erfahrungen mit dem Begrüßungsgeld berichtet. Jetzt schlägt Ihre Stunde! Lassen Sie uns und die anderen Leser an Ihren Erlebnissen teilhaben. Schreiben Sie uns, wo Sie das Begrüßungsgeld erhalten und was Sie damit angestellt haben. Vielleicht haben Sie noch Fotos vom ersten Einkauf, dann schicken Sie diese gemeinsam mit ihrer kleinen Geschichte (bis zu 1000 Zeichen) mit an lokales@dnn.de oder die DNN-Redaktion, Dr.-Külz-Ring 12, 01067 Dresden. Betreff: „Begrüßungsgeld“ bitte nicht vergessen! Wir wählen dann die interessantesten Geschichten für die Veröffentlichung aus.Herzlichen Dank, Ihre DNN

Von Uwe Hofmann

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