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Lokales Von den Haftzellen bis aufs Dach – Ein Rundgang im Dresdner Amtsgericht
Dresden Lokales Von den Haftzellen bis aufs Dach – Ein Rundgang im Dresdner Amtsgericht
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10:02 17.08.2018
Postamt im Gericht: Rund 2000 Briefe werden hier täglich abgefertigt. Quelle: Monika Löffler
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Dresden

2012 zog das Dresdner Amtsgericht von der Berliner Straße in den Neubau an der Roßbachstraße und teilt sich das Justizzentrum nun mit dem Landgericht. Rund 1000 Menschen sind da täglich unterwegs – Richter, Staatsanwälte, Verteidiger, Zeugen, Angeklagte, Gefangene, Zeugen und interessierte Zuschauer.

Ruhe bewahren und reden

Das Gebäude ist öffentlich, jeder kann hinein. Aber es gibt natürlich auch Bereiche, die nur bestimmten Personen vorbehalten sind. Deren Interessen sind, das liegt wohl in der Natur der Sache, gelegentlich sehr entgegengesetzt. Eine Mischung, die es in sich hat und – wie der Fall Marwa El-Sherbini zeigt – hochexplosiv werden kann. Nach deren Ermordung 2006 im Dresdner Landgericht sind die Sicherheitsvorkehrungen erheblich verstärkt worden. Zuständig ist die Abteilung Zentrale Dienste.

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Die 76 Mitarbeiter und ihr Chef Matthias Landerer haben da alle Hände voll zu tun. Das beginnt bereits an den Eingängen, wo alle, die mehr oder weniger freiwillig ins Gericht kommen, kontrolliert werden und durch eine Schleuse gehen müssen. Die meisten nehmen das gelassen hin, anderen gefällt das weniger, die lassen dann ihren Frust ab. Manchmal wird es auch fast komisch. „Können Sie mal auf meine Flasche Bier aufpassen, ich hole die dann wieder ab“, fragte mal ein Angeklagter, der sich vor der Verhandlung reichlich Mut angetrunken hatte und den Wachleuten die geöffnete Flasche auf den Tresen packte. Nicht sehr angenehm, aber besser als solche, die einfach nur Streit suchen.

Da heißt es für das Wachpersonal: Ruhe bewahren. „Das wichtigste ist der Kopf und der Mund, um die Leute zu beruhigen“, sagt Landerer. „Wir haben für den Ernstfall zwar auch Waffen, unter anderem Schlagstock und Reizstoffsprühgeräte dabei, aber die wollen wir nicht einsetzen. Besser ist es, wenn wir die Leute beruhigen können.“

Drogensüchtige rasten eher aus als „schwere Jungs“

Das gilt auch für den Bereich der Ermittlungsrichter. Die entscheiden darüber, ob Festgenommene nach Hause dürfen oder in Untersuchungshaft wandern. Logisch, dass da einige sehr dünnhäutig reagieren. Gelegentlich gibt es auch einen Zwischenfall, aber meist bleibt es friedlich. „Gerade die ganz schweren Jungs sind eigentlich relativ einfach zu händeln, die wissen, wie es geht. Da sind Leute, die unter Crystal und deshalb neben sich stehen, viel problematischer. Die rasten manchmal richtig aus“, sagt Ermittlungsrichter Frank Ponsold. Deshalb werden die Gänge videoüberwacht.

Genau wie eine Etage weiter unten im Haftkeller, wo die Gefangenen in Zellen auf ihre Verhandlungen warten. Sie werden aus den Haftanstalten über spezielle Schleusen in den besonders gesicherten Keller gebracht. 17 Zellen plus eine Raucherzelle gibt es dort. Alle sehr spartanisch und nicht sehr einladend und manchmal wird es richtig eng. „15 bis 20 Gefangenen werden im Durchschnitt täglich gebracht. Gelegentlich, gerade wenn gegen Banden oder Vereinigungen verhandelt wird, sind es aber auch mehr“, sagt Landerer.

Jeweils zwei Wachleute sind für einen Gefangen zuständig. Sie begleiten ihn zu den Verhandlungen und bringen ihn in den Pausen und nach dem Urteil wieder zurück in den Haftkeller. Da ist Fingerspitzengefühl geragt. Jemand, der auf eine Bewährungsstrafe gehofft hat und dann doch mehrere Jahre „einreiten“ muss, kann da durchaus „ungehalten“ werden. Deshalb versucht man sie zu beruhigen. Es gibt auch eine Klappe, durch die zum Beispiel suizidgefährdete Gefangene im Blick behalten werden.

Der Haftkeller ist stark frequentiert – auf dem Gang herrscht ein ständiges „Kommen und Gehen“ - Tendenz steigend. Gab es 2013 noch 1680 Vorführungen, waren es 2017 bereits 3007 – bei gleicher Personalstärke. Viel Arbeit für das Personal.

Macht die Poststelle Fehler, können ganze Prozesse platzen

Da die Sicherheitslage immer angespannter und viele Leute leider immer aggressiver werden, ist geplant, das Sicherheitspersonal mit Schutzwesten auszustatten – auf Freiwilligenbasis, sagt Landerer. Die Westen wiegen rund 2,8 Kilo, die den ganzen Tag neben den übrigen Utensilien mit sich herumzutragen kann ganz schön anstrengend sein.

Im Wach und Kontrollraum – einer Art Kommendozentrale“ – laufen die Fäden zusammen. Er ist rund um Uhr besetzt. Hier geht alles ein – Videoaufnahmen, Brandmeldungen, Notrufe, auch die Signale der sogenannten „Überfalltaste“, die Richter für den Ernstfall unter ihrem Tisch haben. Gibt es Probleme, wird von hier entschieden, wie es weiter geht.

Zum Aufgabengebiet der „Zentralen Dienste“ gehört auch das Archiv. Gerichtsunterlagen müssen sehr lange aufgehoben werden, da kommt im Laufe der Jahre einiges zusammen. Insgesamt fünf Archivräume mit ellenlangen Gängen gibt es im Komplex. Einer wird „Hochwasserarchiv“ genannt. Als die Flut 2002 viele der Akten unter Wasser setzte, wurden diese aufgearbeitet und jetzt unter besonderen klimatischen Bedingungen gelagert.

Viel Papierkram hat auch die Poststelle zu bewältigen, auch sie gehört zu den Zentralen Diensten. Täglich gehen hier um die 1500 Schreiben raus und viele Unterlagen ein, müssen paketweise Akten kopiert, breit gefahren und wieder geholt werden. Oft ist eilige Post dabei, die noch vor Verhandlungsbeginn – in der Regel 9 Uhr – in die Geschäftsstellen muss. Fehler wären da fatal und könnten im Ernstfall eine Verhandlung platzen lassen. Ein Blick vom begrünten Dach des Gerichtskomplexes wäre da erholend – nur kommt da leider kaum einer rauf. Dabei ist es dort so schön und vor allem – im Gegensatz zum Trubel im Gebäude – ganz still.

Von Monika Löffler

17.08.2018
16.08.2018
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