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Lokales Volkskrankheit ohne Lobby
Dresden Lokales Volkskrankheit ohne Lobby
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13:13 12.03.2018
Professor Christian Vogelberg desensibilisiert gemeinsam mit Kinderkrankenschwester Gertraud einen kleinen Patienten. Quelle: Foto: Anja Schneider
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Dresden

Wird es eines Tages möglich sein, Allergien mit Schutzimpfungen von der Bildfläche verschwinden zu lassen? „Das ist keine weit entfernte Zukunftsmusik“, sagt Professor Christian Vogelberg, Leiter des Universitäts AllergieCentrums des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus. Die Ursachen von Allergien seien mittlerweile gut erforscht. Die Forschung arbeite an Impfstoffen.

Gegenwärtig gebe es wenig Möglichkeiten im präventiven Bereich, so der Mediziner: Stillen in den ersten vier Lebensmonaten sei eine davon. Im fünften und sechsten Monat öffne sich ein immunologisches Fenster. „Da können Säuglinge mit Allergenen konfrontiert werden, damit eine Toleranz entsteht.“ Früher habe man Eltern davon abgeraten, Kindern vor dem ersten Lebensjahr Fisch zu geben. Jetzt werde empfohlen, Säuglingen auch im ersten Lebensjahr bereits mit Fisch zu füttern, damit sich eine Toleranz herausbilden kann.

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Allergien sind eine Fehlfunktion des Immunsystems, so Vogelberg, und ein Grund für die Zunahme der Erkrankungen liegt in der ausgeprägten Hygiene. „Vor hundert Jahren hatten wir noch ganz andere Lebensumstände und eine andere mikrobiologische Exposition“, so der ärztliche Leiter. Die pilz- und bakterienhaltige Luft in Ställen programmiere das Immunsystem von Babys und helfe beim Ausbilden von Toleranzen, hätten Studien ergeben.

Nasensprays mit bestimmten Bakterienbestandteilen könnten die Stallluft für steril aufgewachsene Großstadtkinder ersetzen, allerdings: So weit ist die Forschung noch nicht. Deshalb haben Vogelberg und seine Kollegen am AllergieCentrum alle Hände voll zu tun, müssen Patienten mitunter mehrere Monate auf einen Termin warten. „Wobei wir natürlich nach medizinischer Priorität behandeln“, betont der ärztliche Leiter. Das Einzugsgebiet des Universitätsklinikums ist riesig, die Patienten kommen nicht nur aus Dresden, sondern aus der Lausitz, der Sächsischen Schweiz und dem Erzgebirge.

Für Patienten unter 18 Jahren laufen die Fäden in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin zusammen. Für Erwachsene sind die drei Fachkliniken für Dermatologie, HNO-Heilkunde und Pneumologie gemeinsam zuständig. Denn Allergien sind kein auf Heuschnupfen beschränktes Phänomen. Atemwege und Haut können gleichermaßen betroffen sein.

„Der interdisziplinäre Ansatz ist extrem effektiv“, erklärt der Mediziner. Die Expertise werde gebündelt, auf monatlichen Allergieboards würden klinische Fälle vorgestellt und diskutiert. Das AllergieCentrum leiste auch einen wesentlichen Beitrag zur Weiterbildung nicht nur der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, sondern ebenso von Eltern und Angehörigen der Patienten, Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen in den Kindertagesstätten.

Es gehe darum, das Bewusstsein für Allergien zu schärfen. Hat das Kind einen ganz normalen Infekt, der durchaus einmal pro Monat auftreten kann? Oder handelt es sich bereits um die Anzeichen eines allergischen Asthmas? Vogelberg selbst hat an der Asthmadiagnose für Kleinkinder geforscht und weiß die Segnungen der modernen Technik durchaus zu schätzen: „Heute schicken uns Ärzte oder auch Eltern Hörproben von den Atemgeräuschen des Kindes per E-Mail.“

Bei älteren Kindern könne man die Lungenfunktion testen. Bei jüngeren müsse man auf verschiedene Symptome achten: Reagiert auch die Haut? Gibt es andere diskrete Reaktionen? Sind Anzeichen einer beginnenden Atopie zu beobachten?Während allergische Reaktionen auf Nahrungsmittel wie Hühnerei oder Kuhmilch im Säuglingsalter häufiger auftreten und meist schnell wieder vorbeigehen würden, würden im Kleinkindalter Allergien diagnostiziert, die meist langfristig bleiben, etwa Reaktionen auf Nahrungsmittel wie Haselnuss, Erdnuss oder Fisch. „Auch der Magen-Darm-Trakt setzt sich mit der Umwelt auseinander, deshalb können auch dort Reaktionen auf Nahrungsmittel wie Erbrechen oder Durchfall auftreten“, erklärt Vogelberg.

Es gibt eine gesetzliche Deklarationspflicht für Allergene, so der ärztliche Leiter, Probleme würden bei frei verpackten Nahrungsmitteln auftreten. „In der Weihnachtszeit verzeichnen wir regelmäßig einen Anstieg der Fallzahlen.“ Für Allergiker sei das Risiko hoch, an Ständen auf dem Weihnachtsmarkt mit Allergenen in Berührung zu kommen. Etwa mit der Erdnuss, auf die manche Kinder selbst in geringen Konzentrationen reagieren würden. „Wir kennen Fälle, da fühlen sich Kinder schon im Hausflur komisch, weil im Wohnzimmer die Erdnussflips auf dem Tisch stehen.“

Seit vielen Jahren werde an Möglichkeiten einer Hyposensibilisierung gegen Erdnuss geforscht. Inzwischen werden verschiedene Wege verfolgt – die orale Aufnahme von Erdnuss, die Gabe unter die Zunge und die Exposition über die Haut. Zu allen drei Formen laufen aktuell Studien.

Obwohl sich Allergien zu einer Volkskrankheit entwickelt haben, ist die medizinische Versorgungsstruktur laut Vogelberg nicht ausreichend. „Auch die Vergütung allergologischer Leistungen wurde nicht angepasst.“ Die Häufigkeit von Allergien und die Schwere der Krankheitsverläufe würden zunehmen, aber es fehle der Allergologie an politischer Unterstützung.

Vor kurzem habe eine Doktorandin für ihre Promotion in 40 Kindergärten und 40 Grundschulen in Dresden nachgefragt, wieviele Kinder an Allergien leiden und wie die erstmedizinische Versorgung gewährleistet wurde. „Adrenalin ist das einzige Medikament für die Erstversorgung des allergischen Schocks. Aber die wenigsten Kinder haben es bekommen“, konstatiert der Mediziner. Auch die anschließende Versorgung mit Notfallmedikamenten weise Lücken auf. Und bei den wenigen, die ein Notfallset besitzen, seien in der Hälfte der Fälle die Bestandteile nicht korrekt zusammengestellt gewesen, erklärt Vogelberg. Es ist nicht nur bis zur Schutzimpfung gegen Allergien noch ein weiter Weg.

Fakten:

Die Zahl der Allergiepatienten am Universitätsklinikum Dresden hat sich in den vergangenen fünf Jahren nahezu verdoppelt. 2016 wurden rund 14 000 Patienten ambulant in allen Fachrichtungen behandelt und stationär rund 2100 Patienten.

Allergien haben sich zu einem Volksleiden entwickelt. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI) sind bis zu 30 Millionen Bundesbürger im Verlauf ihres Lebens von allergischen Erkrankungen betroffen. Bereits die Hälfte der Deutschen ist sensibilisiert. Die Schwere der Erkrankungen nimmt zu, die Krankheitsverläufe werden immer komplexer.

Aktuelle Analysen gehen von 55 bis 151 Milliarden Euro indirekten Kosten durch Fehltage sowie Produktivitätsausfälle während Anwesenheitstagen von Allergikern im Krankheitszustand in der Europäischen Union aus. Die durchschnittlichen Kosten für die angemessene Therapie eines Allergiepatienten in Europa betragen rund 125 Euro.

Laut DGAKI ist es bei der Versorgung der Patienten zu einem Stillstand gekommen. Obwohl der medizinische Fortschritt zu neuen Erkenntnissen und Therapieansätzen geführt habe, befinde sich die praktizierte Früherkennung, Diagnose und Therapie in einem bedenklichen Zustand. Die DGAKI fordert einen „Nationalen Aktionsplan Allergologie“. Alle am Gesundheitssystem Beteiligten müssten gezielt gegen die Krankheit zu Felde ziehen.

Vom 27. bis 29. September findet im International Congress Center der 13. Deutsche Allergie Kongress unter dem Motto „Für eine Welt ohne Allergien“ statt. Rund 1600 Mediziner werden nach Dresden kommen, für das Programm sorgen alle drei deutschen allergologischen Gesellschaften: die Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA), die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) und der Ärzteverband Deutscher Allergologen (AeDA). Der Kongress soll auch die Volkskrankheit Allergien zurück in das Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen. Weitere Informationen im Internet unter: www.allergiekongress.de

Von Thomas Baumann-Hartwig