Vier Särge am Haken – Lahmann-Gruft auf dem Weißen Hirsch geräumt
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Lokales Vier Särge am Haken – Lahmann-Gruft auf dem Weißen Hirsch geräumt
Dresden Lokales Vier Särge am Haken – Lahmann-Gruft auf dem Weißen Hirsch geräumt
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10:46 30.08.2019
Stefan Tschörtner hat den Sarg von Heinrich Lahmann am Haken. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

Das ist Millimeterarbeit mit der Baggerschaufel. Stefan Tschörtner vom Bestattungshaus Winkler aus Radeberg hat den mächtigen Metallsarg von Heinrich Lahmann am Haken. Es ist der letzte und der schwerste, den er an diesem Vormittag aus der Gruft des Lahmann-Grabmals auf dem Waldfriedhof Weißer Hirsch hochziehen muss.

Vor den Augen der Arbeiter fiel der Sarg zusammen

Die Öffnung zur Gruft reicht gerade so. Friedhofsmeister Gert Leubert steht unten, gibt Anweisungen mit Daumenzeichen – höher, ein bisschen drehen, etwas mehr rechts, STOPP, wieder runter, noch mal neu. Dann ist er draußen. Heinrich Lahmann war 1905 der erste, der in der Gruft beigesetzt wurde. Sein Sarg ist der einzige, der kein Namensschild trägt.

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Rüber mit dem Sargwagen zur Trauerhalle auf dem Friedhof. Dort unten im Keller werden die Urnen und insgesamt vier Särge aus der Gruft zwischengelagert, während die Gruft saniert wird. Alle müssen mit anpacken, um den schweren Sarg sicher die Schräge zur Gruft hinabzulenken. Nach drei Stunden konzentrierter Arbeit in brütender Hitze ist es geschafft. Die Gruft ist leer, am heutigen Freitag beginnen bereits die Sanierungsarbeiten. Sie sollen etwa zwei Wochen dauern. Vor allem die rostigen Stahlträger der Gruftdecke müssen instand gesetzt werden.

So erfolgt die zeitweise Umbettung mit dem Bagger

Räumung der Lahmann-Gruft auf dem Waldfriedhof

Drei Metallsärge und einen Holzsarg mussten Stefan Tschörner und seine Kollegen Christoph Medger und Adrian Tschörner gestern gemeinsam mit Friedhofsmeister Leubert nacheinander bergen. Die Metallsärge von Heinrich Lahmann, gestorben 1905, seiner Frau Luise (1910) und Hans Heinrich (1938).

Dazwischen stand der Holzsarg mit den sterblichen Überresten von Dora Lahmann (gest. 1920) – der war eine besondere Herausforderung, denn er fiel sozusagen vor den Augen der vier Gruftarbeiter zusammen. Die Holzbretter und Reste wurden sorgsam eingesammelt und ebenfalls in der Trauerhalle eingelagert; ebenso der Zinkeinsatz, aber auch der war geborsten. Den Inhalt schaufelten die Bergungsexperten in einen einfachen Kiefersarg um, den sie aus Radeberg vorsorglich mitgebracht hatten.

Bis Oktober soll die Sanierung des Grabmals und der Gruft beendet sein – die Arbeiten über der Erde sind erledigt, da ging es um Reparaturen am Dach. Rund 40.000 Euro wird die Sanierung kosten, das Grabmal steht unter Denkmalschutz. Die Kosten muss die Familie tragen, es gibt Zuschüsse aus der Denkmalpflege, Spenden sind willkommen.

Wer hat das Grabmal erbaut?

So hatte sich zum Beispiel die Baywobau Dresden für einen Beitrag offen gezeigt – die Firma hat das Gelände des alten Lahmann-Sanatoriums aufwendig saniert und wohnbebaut. Wenn das Grabmal verkehrssicher wieder instandgesetzt ist, übernimmt es die Kirchgemeinde Weißer Hirsch.

Gelöst ist mittlerweile aller Wahrscheinlichkeit nach das Rätsel um den Erbauer des Lahmann-Grabmals. Dass das nicht bekannt sein sollte, ließ den Verschönerungsverein Weißer Hirsch nicht ruhen, und so wurde Vorstandsmitglied Michael Böttger fündig bei Dieter Masky, der am Weißen Adler wohnt und sich intensiv mit Themen der heimatlichen und regionalen Geschichte beschäftigt.

Über dem Portal des Grabmals prangt in einem Halbkreis das Familienwappen der Lahmanns: ein Anker in Menschenhand. Quelle: Anja Schneider

Nach seinen Recherchen gab es einen Wettbewerb, bei dem drei renommierte Dresdner Architekten die ersten drei Plätze belegten. Der 1. Preis ging an den umtriebigen Rudolf Kolbe (1873-1947); er baute einige Villen am Elbhang, entwarf Siedlungsbauten u.a. in Hellerau und Radeberg und wurde oft zu Kirchensanierungen herangezogen. Der zweite Preis ging an Oskar Menzel (1873-1958), der zahlreiche Villen auch in Radebeul errichtete und Professor an der Königlich Sächsischen Kunstgewerbeschule in Dresden war. Den 3. Preis erhielt Max Hans Kühne (1874-1942).

Ob der Bau des Grabmals schließlich entsprechend des Siegerentwurfs ausgeführt wurde, ist mangels erhaltener Unterlagen weiter unklar. Mehrere Heimatgeschichtler sind sich aber einig, dass der aus dem Erzgebirge stammende Bildhauer Friedrich Moritz Brodauf (1872-1939) der Erbauer war. Er studierte an der Königlich Sächsischen Kunstgewerbeschule und arbeitete ab 1907 als Bildhauer. Der sächsische König Friedrich August verlieh ihm 1918 den Professorentitel. Neben zahlreichen Porträtbüsten schuf er unter anderem das Denkmal für die Gefallenen des 1. WK am Eingang des Waldfriedhofs Weißer Hirsch – und ebenda wohl auch das Lahmann-Grabmal.

Von Bernd Hempelmann