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Lokales Verunsicherung in Dresden: „Es war nur eine Frage der Zeit, bis so etwas einmal passiert“
Dresden Lokales Verunsicherung in Dresden: „Es war nur eine Frage der Zeit, bis so etwas einmal passiert“
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17:40 10.10.2019
Nach den tödlichen Schüssen in Halle schützen nun schwer bewaffnete Polizisten die Synagoge in Dresden. Quelle: Tino Plunert
Dresden

Verunsicherung lässt sich schwer verbergen. Einen Tag nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle ist der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Dresden, Nora Goldenbogen, deutlich anzusehen, wie viel Kraft es kostet, gefasst zu bleiben. „Wir werden uns von der Angst nicht übermannen lassen“, sagt sie, und fügt dann aber doch gleich an: „Da haben wir aber viel zu tun, um das zu schaffen.“

Tatsächlich hat das Geschehen in Halle die etwa 700 Mitglieder der Gemeinde in Dresden hart getroffen. Viele Mitglieder kamen aus Angst am Mittwochnachmittag erst gar nicht zum Gebet, schildert Ge­meinderabbiner Akiva Weingarten. Trotzdem, auch das sagt er, gelte es jetzt um so mehr, sich nicht einschüchtern zu lassen: „Wenn wir unser jüdisches Leben nicht fortsetzen, dann haben die gesiegt.“

Nor Quelle: Tino Plunert

Es sind Worte, die 75 Jahre nach der Shoah nachdenklich stimmen müssen. Sehr be­troffen zeigte sich am Donnerstag daher auch Sachsens Innenminister Ro­land Wöller (CDU) nach einem Gespräch mit den beiden Vertretern der jüdischen Gemeinde sowie dem sächsischen Landespolizeipräsidenten Horst Kretzschmar. „Unsere Fra­ge ist jetzt, wie wir jüdisches Le­ben noch besser schützen können“, sagte der Politiker, der zugleich ankündigte, weitere Maßnahmen er­­greifen zu wollen.

Dazu gehören unter anderem die baulichen und technischen Vorkehrungen an jüdischen Einrichtungen, so der Minister. Erst im Mai habe er eine erneute Überprüfung angeordnet, was in­zwischen auch ge­schehen sei. In­nerhalb der Staatsregierung werde nun ein Be­treuer eingesetzt, der den Gemeinden helfen soll, Förderanträge zu stellen, um weitere bauliche Vorkehrungen zu treffen. Gespräche zu weiteren Maßnahmen laufen, hieß es.

Schon seit Donnerstag hat Sachsens Polizei den Schutz für die Synagogen in Dresden, Leipzig und Chemnitz erhöht und zeigt nun auch vor weiteren jüdischen Einrichtungen wie Friedhöfen deutlich sichtbar mehr Präsenz, wie Horst Kretzschmar erklärt. Insgesamt sind es 34 Einrichtungen im Freistaat, für die ein erhöhter Sicherheitsschutz gilt.

„Angriffe auf jüdische Einrichtungen sind immer auch ein Angriff auf uns alle“, erklärt Roland Wöller, der mit Blick auf das offenkundige Mo­tiv des Täters den Rechtsextremismus als „deutlich größte Gefahr“ bezeichnete. Der Schutz des jüdischen Lebens sieht er deshalb auch nicht nur als Aufgabe der Polizei. „Der Kampf muss aus der Mitte der Gesellschaft kommen“, mahnte der sächsische Innenminister, der dazu aufrief, sich sichtbar schützend vor jüdische Mitmenschen zu stellen.

Kundgebungen vor der Dresdner Synagoge

Roland Wöller selbst will mit gu­tem Beispiel vorangehen und kündigte für diesen Freitagabend um 18 Uhr eine Versammlung vor der Dresdner Synagoge an, die er als Privatperson anmelden will. Auch die Stadt Dresden, die Technische Universität und die Kirchen rufen an diesem Freitag bereits ab 17.30 Uhr zu einer Solidaritätskundgebung an der Jüdischen Gemeinde auf. Nur beim Entsetzen über die Vorfälle in Halle dürfe es nicht bleiben, erklärte dazu Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP). „Wir müssen der unschuldigen Opfer gedenken und gleichzeitig als Stadtgesellschaft klar Position beziehen.“

Am Mittwoch legten Dresdner vor der Synagoge nieder und zündeten Kerzen an. Quelle: Tino Plunert

Die angekündigten Maßnahmen und die erhöhte Präsenz der Polizei weiß Nora Goldenbogen durchaus als wichtiges Signal in Richtung der jüdischen Gemeinden einzuordnen. Allerdings, so sieht es auch die Ge­meindevorsitzende, ist die gegenwärtige Situation „nicht nur ei­ne Frage für den Sicherheitsapparat“ – sondern auch ein absolutes Alarmsignal für die gesamte Ge­sellschaft. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis so etwas einmal passiert“, sagt Nora Goldenbogen in Anspielung auf das gesellschaftliche Klima und kann dabei die Tränen nicht verbergen. Hetze hätten bei einem Teil der Menschen auf das Denken übergriffen, während sich ein anderer Teil der Gesellschaft wegducke. Es dürfe gar nicht erst wieder so weit kommen, dass in diesem Land Menschen Angst haben müssen.

Von Sebastian Kositz

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