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Lokales Vermittler in den Grenzen des Möglichen – Johannes Hempel wird 90
Dresden Lokales Vermittler in den Grenzen des Möglichen – Johannes Hempel wird 90
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13:17 22.03.2019
Johannes Hempel war von 1972 bis 1994 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in Dresden. 1982 bis 1991 stand er an der Spitze des DDR-Kirchenbundes. Danach war er bis 1997 stellvertretender Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Quelle: Matthias Rietschel/epd
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Dresden

Im Verhältnis zwischen Evangelisch-Lutherischer Landeskirche Sachsens und SED-Staat bewahrte Johannes Hempel achtungsvolle Distanz. Auf die Formel „Annehmen und Freibleiben“ hat er das einmal gebracht. Für ihn hieß das gut christlich, die regierenden SED-Genossen als Menschen anzunehmen, auch wenn sie Gegner seiner Kirche waren. Zugleich vermied er Bindungen mit ihnen, deren Regeln nur sie bestimmten. Als Landesbischof von 1972 bis 1994 hat er Sachsens Lutheraner durch eine Phase wichtigster politischer Umbrüche geführt. Am Sonnabend wird er 90 Jahre alt.

Zurückhaltend trat er auf, frei von überschäumenden Emotionen. Verbale Schnellschüsse waren seine Sache nicht. Er äußerte sich mit Bedacht, legte Schweigepausen konzentrierten Nachdenkens ein. Einen „großartigen Theologen und eindrücklichen Prediger mit wunderbarer menschlicher Bescheidenheit“ hat ihn Volker Kreß genannt, sein Amtsnachfolger bis 2004.

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Als Soldat gekämpft

Prägend für den 1929 in Zittau als Sohn eines Handwerkers Geborenen waren seine Kriegserfahrungen. Im Frühjahr 1945 musste der 16-Jährige noch zehn Tage als Soldat kämpfen. Vor seinen Augen starb einer seiner Klassenkameraden. Diese seelische Verletzung war das Hauptmotiv für ihn, vom Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte 1947 bis 1949 in Tübingen zur Theologie zu wechseln. Das Interesse an der Verbindung zwischen Literatur und Bibel blieb. 1963 promovierte er mit einer Arbeit über „Vision und Offenbarung“ in Franz Werfels Romanen.

Theologe zu sein betrachtete er als Dienst. Als ihm und anderen Theologiestudenten in Westdeutschland die sächsische Landeskirche per Brief mitteilte, sie würden dringend gebraucht, kehrte er 1952 nach Ostdeutschland zurück. Er wurde Pfarrer in Gersdorf bei Zwickau, dann in Leipzig. Am Predigerkolleg beeindruckte er angehende Pfarrer mit seiner prägnanten Sprache und Literaturkenntnis. Fünf Jahre war er Studentenpfarrer.

1972 wurde er zum sächsischen Landesbischof gewählt. Er wollte eine authentische Kirche, die lebt, was sie sagt; eine einfache Kirche, ohne zu viel Äußerlichkeiten, eine menschliche. Gute Beziehungen zu anderen Konfessionen gehörten für ihn dazu. So arbeitete er von 1975 an in der Leitung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Genf.

Die DDR-Oberen nicht geschont

Als leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche und Vorsitzender der Konferenz der ostdeutschen Kirchenleitungen nahm er kein Blatt vor den Mund. Den Umgang zwischen Staat und Bürgern kritisierte er als „autoritär und repressiv“. Die Staatsführung warf ihm „destruktive, konterrevolutionäre Äußerungen“ vor.

Er hat sich als Vermittler in den Grenzen des Möglichen verstanden. 1982 riefen Jugendliche in Dresden mit Flugblättern zur ersten stillen Kerzen-Demonstration am 13. Februar vor der Ruine der Frauenkirche auf. Er holte sie in die Kreuzkirche, verhinderte so ihren Zusammenstoß mit der Polizei.

Verhandeln gegen Gewalt

In einem Spitzengespräch mit SED-Generalsekretär Erich Honecker sprach er 1985 das ungelöste Problem der Wehrdienstverweigerung an. Am 7. Oktober 1989 erreichte er mit Superintendent Christof Ziemer im Gespräch mit Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer, dass die Polizei in Dresden nicht mehr mit Knüppeln gegen die Demonstranten auf der Prager Straße vorging. In einem Kanzelwort am 15. Oktober 1989 forderte er Gespräche zwischen Demonstranten und Staatsvertretern. Dies verband er mit seiner wichtigsten Mahnung: der zu unbedingter Gewaltlosigkeit.

Von Tomas Gärtner (epd)