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Lokales Verkehrssünder im Visier – Mit der Verkehrspolizei in Dresden unterwegs
Dresden Lokales Verkehrssünder im Visier – Mit der Verkehrspolizei in Dresden unterwegs
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16:11 03.10.2019
Mit wachsamen Blick: Holger Lippert (l.) beobachtet auf der St. Petersburger Straße den Verkehr, während Thomas Kiraly Daten abfragt. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Kaum haben Thomas Kiraly und Holger Lippert gegen 7 Uhr den Kontrollpunkt an der St. Petersburger Straße bezogen, haben sie auch schon alle Hände voll zu tun. Per Funk gibt ihnen der etwas weiter vorn auf Höhe des Rundkinos positionierte Kollege Karsten Ulbricht die soeben an der Fußgängerampel beobachteten Vergehen durch: Autofahrer und Radler mit Handy am Ohr, Rotlichtfahrer, die auf zwei oder vier Rädern unterwegs sind. Fußgänger, die bei Rot über die Fußgängerampel huschen, verwarnt Polizeihauptmeister Ulbricht selbst – und das wie am Fließband.

„Eine Frau mit Handy am Ohr, Bautzner Kennzeichen“, tönt Ulbrichts Stimme aus dem Funkgerät. Lippert springt mit Kelle auf die vielbefahrene Straße, winkt das Auto raus. Die Fahrerin steht unter Termindruck, doch davon lassen sich weder der Polizeihauptmeister noch Polizeikommissar Kiraly – heute der Einsatzleiter – beeindrucken.

Führerschein eingezogen, nicht vergessen

Zumal die Frau keinen Führerschein dabei hat. „Zu Hause vergessen“, sagt sie. Kiraly erkundigt sich bei der Zentrale und erfährt: eingezogen. „Den habe ich inzwischen wieder bekommen, nur heute nicht dabei“, kontert die Frau. Was stimmt nun? Eine Diskussion entwickelt sich, wobei die Frau das Handyvergehen ohne Umstände einräumt. Am Ende steht ein salomonisches Urteil: Das Auto muss an Ort und Stelle geparkt werden, die Frau zur Arbeit laufen. Ob sie ohne Führerschein gefahren ist, müssen die folgenden Ermittlungen zeigen.

„In diesem Beruf entwickelt man eine gewisse Menschenkenntnis, aber ich kann ehrlich nicht sagen, ob die Frau recht hat oder uns angelogen hat“, sagt Kiraly. Viel Zeit, um darüber nachzugrübeln, hat er nicht, denn die Verkehrssünder sind an diesem Morgen zahlreich wie immer. Ulbricht gibt dabei nur die Rotlichtfahrer durch, die mehrere Sekunden nach Umschalten der Ampel weitergefahren sind. „Manche stört es auch nicht, dass dann schon Fußgänger auf der Straße sind“, sagt er und schüttelt den Kopf. Wenigstens 70 Euro und einen Punkt in Flensburg bringt eine Rotlichtfahrt, trotzdem gilt sie manchen Autofahrern wie Radlern als Kavaliersdelikt.

Für Debatten fehlt die Zeit

Was geht im Kopf des Radlers vor, der den vor ihm bei Rotlicht haltenden Radfahrer überholt und dabei fast mit einem Fußgänger kollidiert? Was in dem des Rollerfahrers, der verbotenerweise auf dem Radweg am Stau vorbei fährt, um sich vorne wieder einzuordnen? Was denkt der Autofahrer, der sein Vehikel bei tiefrot und ins Gespräch am Handy vertieft durch den dichten Verkehr lenkt? Kiraly und Lippert wissen es nicht. Sie führen keine großen Debatten, sondern klären kurz den Vorwurf, nehmen die Personalien auf, leiten das Verfahren in die Wege. Abstreiten hat keinen Sinn, und das tun die meisten Verkehrssünder auch nicht. Polizeihauptmeister Ulbricht hat jede Übertretung auf seinem vorgeschobenen Posten per Video mitgeschnitten – gerichtsfest.

Die Arbeit mache ihm Spaß, sagt Kirlay. Man merke ja, dass sie mehr als nötig sei, sagt er. Nur eines ärgere ihn: Dass Verkehrssünder ungeschoren davon kommen, nur weil er, Lippert und Ulbricht schon mit je einem Fall beschäftigt sind. „Wenn unsere Gruppe stärker besetzt wäre, könnten wir mehr erreichen“, sagt der Polizeikommissar. Er macht sich keine Illusionen. „Verkehrsregeln durchsetzen und damit für mehr Sicherheit sorgen können wir nur, wenn wir kontinuierlich kontrollieren.“

„Wir brauchen mehr Verkehrspolizisten“

Das weiß auch Gerald Baier. Der Polizeirat leitet die Dresdner Verkehrspolizeiinspektion und ist damit Chef von 162 Mitarbeitern. Es gehören Spezialisten dazu, wie die Lkw-Kontrollgruppe und Kollegen, die in der allgemeinen Verkehrsüberwachung tätig sind. Und dann gibt es besonders vielseitige Leute wie Kiraly, Lippert und Ulbricht, die sowohl in der Fahrradstaffel als auch der Kradstaffel eingesetzt werden können, die aber auch alle anderen Arbeiten der Verkehrspolizei erledigen müssen. Dazu gehört neben viel Papierkram zum Beispiel das Absichern von Demonstrationen oder der sicheren Beförderung von Gästefans bei Fußballspielen im Rudolf-Harbig-Stadion. Weil diese Aufgaben in der Landeshauptstadt sehr oft auf die Verkehrspolizei zukommen, können die Beamten weniger zu Verkehrskontrollen ausrücken. „Wir brauchen mehr Verkehrspolizisten“, sagt Baier deshalb.

Die Dresdner Verkehrspolizei

162 Beamte sind bei der Verkehrspolizeiinspektion beschäftigt. Sie sind in den Abteilungen Verkehrsüberwachung, Verkehrsunfalldienst und Autobahnpolizeirevier tätig.

Die Verkehrsüberwachung unterteilt sich in eine strukturmäßige Lkw-Kontrollgruppe und mehrere Abteilungen, die keine feste Struktur sind.

Dazu gehören die Fahrrad- und die Kradstaffel. Während letztere vor allem bei Begleitfahrten zum Einsatz kommt, wünscht sich Gerald Baier, Leiter der Verkehrspolizeiinspektion, den Ausbau der Fahrradstaffel zu einer festen Strukturgruppe – vor allem weil der Radverkehr in Dresden zunimmt. Dafür braucht es jedoch mehr Personal.

2018 sind bei 1043 Kontrollen durch die Verkehrspolizei insgesamt 2979 Einsatzstunden in Dresden zusammengekommen. Von den 49 190 ertappten Rasern gingen 86 Prozent der Verkehrspolizei ins Netz – ein Indiz dafür, dass die Reviere kaum noch zur Verkehrsüberwachung kommen.

2522 Verkehrsteilnehmer wurden 2018 mit dem Handy am Ohr erwischt.

Die Lkw-Kontrollgruppe hat 4859 Laster unter die Lupe genommen. Bei 1915 gab es Beanstandungen.

Bei der Verkehrsüberwachung hat es zuletzt einen Wandel gegeben. Wurden früher bestimmte Problemgruppen in den Fokus genommen, so werden jetzt Verstöße verschiedener Verkehrsteilnehmer gleichzeitig geahndet. Das soll zu gegenseitiger Rücksichtnahme im Straßenverkehr führen.

Doch daraus wird wohl erst einmal nichts. Von den 1000 neuen Beamten, die nun so langsam in den Dienststellen der sächsischen Polizei anfangen, wurde der Dresdner Verkehrspolizei keiner zugewiesen. Er kämpfe darum, dass sich das noch ändere, sagt Baier. Neben den Streifenpolizisten ist die Verkehrspolizei schließlich für Dresdner am meisten sichtbar, trägt mit ihrer Präsenz wesentlich zum Sicherheitsgefühl nicht nur im Straßenverkehr bei.

Aufgaben werden immer vielfältiger

Einstweilen können Kiraly und Lippert also nichts daran ändern, dass sie einige Rotlichtfahrer unbehelligt weiterfahren lassen müssen. „Das gibt es, das muss man hinnehmen“, sagt Lippert. Ärgerlich bleibt es trotzdem, zumal die Aufgaben der Verkehrspolizisten, die heute mit dem Fahrrad angereist sind, immer vielfältiger werden.

Sie achten nicht nur auf Verkehrssünden, sondern auch auf andere Auffälligkeiten. „Wenn einer alkoholisiert wirkt oder sichtbar unter dem Einfluss von Drogen steht, überprüfen wir das“, sagt Kiraly. Auch wenn das Einbruchswerkzeug aus dem Rucksack ragt oder es im Auto nach Cannabis riecht. „Integrierter Ansatz“ nennt das Verkehrspolizeichef Baier. Verkehrspolizisten hätten schon Einbrecher, Fahrraddiebe und Drogenkuriere erwischt, einfach weil sie präsent waren.

Muskelkraft wird bevorzugt

Das Dreierteam bricht jetzt seine Präsenz an der St. Petersburger Straße ab. Dort hat sich ein Stau gebildet, der eine Verkehrskontrolle hat daher wenig Sinn. Die Bilanz der kurzen Kontrolle ist trotzdem beachtlich: Zehn Fußgänger waren bei Rot unterwegs, genauso 14 Radler – davon zwei, als schon Fußgänger auf der Straße waren –, fünf Autofahrer hatten Handys am Ohr.

Kiraly und Lippert radeln zur Wilsdruffer Straße. Sie nutzen dafür nicht die vergangenes Jahr angeschafften Pedelecs, sondern die älteren Steppenwolf-Mountainbikes mit dem Namen „Taiga“. „Der Motor der Pedelecs schaltet sich bei 26 Stundenkilometern ab, deswegen fahren die sportlicheren Kollegen lieber Mountainbike“, sagt Thomas Kiraly. Mit ihnen lasse sich ein flüchtiger Radfahrer besser verfolgen. „Es kommt aber sehr selten vor, dass mal einer versucht, davon zu fahren.“

So werde ich Polizist

Polizist werden kann jeder, der die formalen Einstellungsvoraussetzungen erfüllt. Dazu zählen unter anderem die gesundheitliche Eignung und ein sauberes Vorstrafenregister. Außerdem müssen Interessenten ein Auswahlverfahren bestehen. Am Tag seiner Einstellung darf der angehende Beamte nicht älter als 35 Jahre sein.

Die Karriere startet mit einer Ausbildung oder einem Studium.

Die Ausbildung dauert 30 Monate und ist an einer der Polizeifachschulen in Leipzig, Chemnitz oder Schneeberg möglich. Mit bestandener Laufbahnprüfung erfolgt die Ernennung zum Polizeimeister.

Das Studium dauert drei Jahre und beinhaltet ein einjähriges Grundstudium in Bautzen und zwei weitere Jahre an der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg. Im Anschluss winkt die Ernennung zum Polizeikommissar.

Geld verdient wird bereits in der Ausbildung. Der Polizeimeisteranwärter bringt es anfangs monatlich auf 1182,02 Euro, ein Po­lizeimeister dann zum Einstieg auf 2078,38 Euro. Wer studiert erhält anfangs 1227,19 Euro, der Polizeikommissar steigt mit 2 319,66 Euro ein (alle Angaben für ledige Personen, Stand 1. Januar 2018).

Weitere Infos zur Karriere bei der sächsischen Polizei, zu Einstiegsmöglichkeiten und den späteren Verwendungsmöglichkeiten gibt es unter verdaechtig-gute-jobs.de.

Am neuen Standort Wilsdruffer Straße geht es eher ums Rasen. Wobei das relativ ist: Zwischen Postplatz und Altmarkt gelten wegen der langgezogenen Straßenbahnhaltestelle und dem starken Fußgängerverkehr Tempo 20 – eine Geschwindigkeitsbegrenzung, die dem Dresdner Autofahrer ganz offenbar nicht liegt. „Hier fährt eigentlich jeder zu schnell“, sagt Karsten Ulbricht lapidar. Seinen Kollegen gibt er nur die Autofahrer durch, die 34 Stundenkilometer und schneller sind. „Es gibt hier aber auch Menschen, die mit 60 bis 70 Stundenkilometern unterwegs sind“, sagt Kiraly.

Unaufmerksamkeit ist Topkiller im Verkehr

Dann machen sich die drei an die Arbeit. Schnell füllt sich ein Streifen des Altmarkts mit wartenden Autos. Es dauert einfach, bis Kiraly und Lippert den Papierkram erledigt haben. Einen Autofahrer erwischen sie, den kennt Holger Lippert noch aus der vergangenen Woche. „Da war er in der Gegenrichtung zu schnell unterwegs“, sagt der Polizeihauptmeister. „So langsam darf man jetzt bei ihm mit einem Lerneffekt rechnen.“

Auch auf der Wilsdruffer Straße haben einige der Autofahrer ein Handy am Ohr. Für Verkehrspolizeichef Baier mehr als eine Unsitte. „Unaufmerksamkeit am Steuer – und da gehört die Handynutzung dazu – ist Topkiller im Verkehr“, sagt er. Viele Unfälle ließen sich verhindern, wenn Autofahrer die Hände vom Mobiltelefon ließen. Deswegen hat er seine Mitarbeiter angewiesen, verstärkt auf das Telefonieren während der Fahrt zu achten.

Am Ende sind es 28 Autofahrer, die auf der Wilsdruffer Straße deutlich zu schnell unterwegs waren. Zwei Radfahrer sind bei Rot über die Ampel gefahren, eine Rollerfahrerin wendete über die Straßenbahngleise, was verboten ist. Kiraly, Lippert und Ulbricht könnten noch lange so weitermachen, müssen die Fälle vor Schichtende jedoch noch sauber zu Papier bringen. „Wir wollen so oft es geht auf der Straße sein“, sagt Kiraly noch. Dann radelt er davon.

Tatort Dresden – Die komplette Serie:

Der Kriminaldauerdienst

Die Schießausbildung

Die Notrufzentrale

Die Brandursachenermittlerin

Das Lagezentrum

Die Verkehrspolizei

Das Polizeiorchester

Die Streifenpolizei

Der Mordermittler

Die Ausrüstung

Der Staatsschutz

Die Pressestelle

Das Interview mit dem Kripo-Chef

Von Uwe Hofmann

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