Tschechische Autorin in Dresden: „Im Schrank“ bei Bücher’s Best
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Lokales Tschechische Autorin in Dresden: „Im Schrank“ bei Bücher’s Best
Dresden Lokales Tschechische Autorin in Dresden: „Im Schrank“ bei Bücher’s Best
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12:00 15.01.2020
Tereza Semotamová
Tereza Semotamová Quelle: Richard Klíčník
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Dresden

„Im Schrank“, der Debütroman der 1983 geborenen tschechischen Schriftstellerin Tereza Semotamová, erzählt vom Scheitern junger Intellektueller in der Gegenwart. Hana, die Hauptfigur, Bildhauerin um die 30, vom Dorf stammend, beschreibt, wie sie sich von den Zumutungen des Alltags zurückzieht und in einem Provisorium einzurichten versucht.

Sie ist aus Deutschland zurückgekehrt nach Prag, hinter sich eine gescheiterte Beziehung. Ihr Partner ist tot. Wir hören ihr zu, wie sie von ihrem Seelenschmerz berichtet. Die Erwartungen ihrer Eltern vermag sie nicht zu erfüllen. Doch der Mut zur Wahrheit fehlt ihr. Mutter und Schwester spielt sie einen beruflichen Neuanfang in einer Bank vor, dabei ist sie ohne Arbeit und Einkommen.

Wie ein großer Zirkus

Ihr Leben, auch das ihrer Schwester und ihrer Freunde, kommt ihr wie ein grotesker Zirkus vor, „diabolisch irrsinnig“, peinlich und rührend, überwiegend jedoch gleichförmig. Dem sieht sie sich nicht gewachsen: „Die Zusammenhänge nicht verstehen. Sich selbst nicht, die Windungen in einem nicht, die unberechenbaren Penisse auch nicht, die Unbeständigkeit des Glücks, die parzellierte Welt.“ Sie weiß nicht, wie sie sich in Umstände eingliedern soll, die ihr als Chaos erscheinen. Allerdings gibt sie die Hoffnung nicht auf, dass alles dennoch einen Sinn haben könnte.

Übersetzerin Martina Lisa trifft den Ton; die Dialoge, diese Redeweise von 30-Jährigen zwischen Lässigkeit, Ironie, Sarkasmus und Verzweiflung klingt authentisch, da und dort funkelt es sogar poetisch: „Die Stadt ist eine halbierte Pflaume in Zuckersirup, ihr Fruchtfleisch ist gut durchblutet und reichlich mit Nährstoffen versorgt.“

In Rückblenden erfahren wir von enttäuschenden Beziehungen, öden Sonntagen, furchtbaren Urlauben und ständigem Streit. Hana bringt das auf die Formel: „Ich genüge nicht. Und du gibst mir nicht die Emotionen, die ich brauche.“ Ondrej, der Mann, mit dem sie zusammenzuleben versuchte, bleibt jedoch schemenhaft.

Flickenteppich mit dünnen Stellen

Das Chaos, das die Erzählerin wahrnimmt, bestimmt auch die Art des Erzählens. Das erweist sich als Problem dieses Buches. Oft weiß an als Leser nicht, wo man sich gerade befindet oder von wem die Rede ist. Von der Ich-Erzählung wechselt die Autorin in die 3. Person, „er“ und „sie“ treten auf.

In der zweiten Hälfte fasert der Roman aus. Besonders einige Kapitel, Träume etwa, ein Internet-Chat, eine Fernsehsendung, Panik nach einer Falschmeldung von drohendem Weltuntergang, wirken nur locker angeheftet statt zum Ganzen vernäht. Dazu langweilen nebensächliche Details. So entsteht der Eindruck eines Flickenteppichs mit etlichen dünnen Stellen.

Anspielungen auf Titel von Filmen oder Hrabal-Erzählungen, Zitate aus der Literaturgeschichte – Kafka, Mörike, Dostojewski, Goethe, Flaubert – machen den Text nicht bedeutsamer, sondern blähen ihn nur auf. Einige Figuren – die verwirrte Großmutter zum Beispiel – gibt die Autorin leichtfertig der Lächerlichkeit preis.

Tiefer lotende Dialoge

Daneben aber begegnen uns lebendig gestaltete Figuren. Wunderbar ist zum Beispiel dieser schwule vietnamesische Lebensmittelhändler, der Hana hilft. Oder Novak, ein Taubenzüchter, den seine Frau verlassen hat. Da entspinnen sich tiefer lotende Dialoge. Hana glaubt nicht, „dass wir nur auf der Welt sind, um eigene Bedürfnisse zu befriedigen“. „Wir drehen uns so um uns selbst, dass wir gar nicht sehen, wo wir eigentlich hingehören“, entgegnet Novak. Doch nach einem vielversprechenden Ausflug aufs Land verschwindet er, als sei er vergessen worden.

Originell wirkt der spontane Einfall Hanas, einen ausrangierten Schrank auf einen Hinterhof zu stellen und darin zu übernachten. Diese außergewöhnliche Art von Obdachlosigkeit treibt den Rückzug auf sich selbst ins Extrem. Ein starkes Bild. Es trägt den Roman.

Das Finale erscheint weniger originell: Die Schwester nimmt die Durchnässte auf. Es gibt Szenen in diesem Buch, die einem unter die Haut gehen, doch sie sind rar. Der Eindruck, der bleibt: verheißungsvoll, aber unausgegoren.

Literatur, "Im Schrank" Quelle: Verlag

Tereza Semotamová: Im Schrank. Aus dem Tschechischen von Martina Lisa. Voland & Quist. 228 S., 22 Euro

Lesung am Donnerstag, 16. Januar, 20.30 Uhr, Buchhandlung „Büchers Best“ in der Dresdner Neustadt, Louisenstr. 37

Von Tomas Gärtner