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Lokales Tourismus in Tschernobyl – zwei Dresdner bereisen Sperrzone um Kernkraftwerk
Dresden Lokales Tourismus in Tschernobyl – zwei Dresdner bereisen Sperrzone um Kernkraftwerk
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16:35 15.07.2019
Im vergangenen Jahr hat der Dresdner Mario Zieschang (r.) Tschernobyl besucht. Hier posiert er mit Tourguide Marek vor dem Raketenspähsystem Duga. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Eigentlich sollte der Freizeitpark von Prypjat am 1. Mai 1986 eingeweiht werden. Zur großen Eröffnungsfeier kam es aber nie. Fünf Tage vor dem offiziellen Termin explodierte ein Atomreaktor, nur wenige Kilometer entfernt – und löste die gravierendste Nuklearkatastrophe aller Zeiten aus, an deren Folgen bis zu 60 000 Menschen starben.

Der Vergnügungspark von Prypjat ist zum traurigen Wahrzeichen von Tschernobyl geworden. Und obwohl sich das Riesenrad nie gedreht hat, die Autoscooter nie gefahren sind, herrscht im Freizeitpark heute tagtäglich Hochbetrieb.

Die Sperrzone Tschernobyl ist nunmehr ein Hotspot für Selfie-Touristen. Ortsansässige Guides bieten Touren an, durch die evakuierten Dörfer und sogar durch das stillgelegte Kernkraftwerk. Allein 2018 sollen rund 70 000 Menschen das Sperrgebiet besucht haben. Darunter auch zwei Dresdner.

Ein Besuch im Sperrgebiet

Keine Lust auf Strandurlaub

Mario Zieschang und Dennis Meyer haben im vergangenen Sommer die Nordukraine bereist. Die beiden sind sogenannte „Lost Places“-Fotografen – sie reizt die postapokalyptische Aura, die von menschenverlassenen und verfallenen Orten ausgeht. „Wir haben keine Lust auf Standard-Reisen, auf Strandurlaub oder Hotelaufenthalte. Das langweilt uns zu Tode“, erklärt Meyer, der zusammen mit Zieschang bei einer Dresdner IT-Firma arbeitet.

Im letzten August wollten die Kollegen sich also ein Bild von der ukrainischen Katastrophenregion machen. „Für uns stand der Bildungsaspekt definitiv im Vordergrund. Wir sind heute in der komfortablen Lage, Tschernobyl zu besuchen“, sagt Zieschang. „Warum hätten wir diese Chance also nicht nutzen sollen?“

Die ultimative Todeszone

Über den Berliner Reiseanbieter Urb­explorer buchten die Hobbyknipser die „Fallout Tour“ durch das Sperrgebiet. Von Kiew startete die zwölfköpfige Gruppe im Kleinbus ihre fünftägige Tour nach Prypjat. Die verlassene Arbeiterstadt zählte einst rund 50 000 Einwohner und liegt drei Kilometer vom Kraftwerk Tschernobyl entfernt.

Fernab ausgetretener Touristenpfade führte ein ukrainischer Tourguide die Dresdner zu einer ehemaligen Schule und zu einem alten Krankenhaus. „Wir haben außerdem in Fabriken, im Postamt, im Schwimmbad, in einer Zahnarztklinik und in einer Turnhalle fotografiert“, berichtet Zieschang.

Neben einem Ausflug zum riesigen Raketenspähsystem Duga stand natürlich ein obligatorischer Besuch im Kernkraftwerk Tschernobyl auf dem Plan. Mit Schutzkleidung liefen die Hobbyfotografen durch die einstigen Kontrollräume. Überdies betraten sie den Konferenzraum unter der Anlage. Wohl aus politischer Angst wurden dort 1986 die fatalen Entscheidungen getroffen, die zum Super-GAU führten.

So sieht es heute im Kraftwerk aus

Im Kernkraftwerk in Tschernobyl

Der Unglücksreaktor selbst liegt heute unter 30 000 Tonnen Stahlbeton einer neuen Schutzhülle begraben. „Trotzdem – wenn dich nur wenige Meter Beton von der ultimativen Todeszone trennen, dann wird dir schon anders“, beschreibt Meyer die Begegnung.

Wie ein Tier im Zoo

Immer wieder durften sich die Tour-Teilnehmer frei bewegen – obwohl es in Tschernobyl überall punktuelle Hotspots gibt, die noch verseucht sind. „Wer einen Geigerzähler dabei hat, dem kann aber eigentlich nichts passieren“, sagt Dennis Meyer. „Tschernobyl wird gerne mystifiziert. Dabei ist die Strahlenbelastung an den meisten Stellen nicht besorgniserregend.“

Meyer ist acht Jahre jünger als sein Arbeitskollege, dafür hat der Linux-Administrator bereits einiges gesehen. Die „Fallout Tour“ 2018 war schon seine zweite nach Tschernobyl. Im März dieses Jahres hat der 28-Jährige außerdem das Sperrgebiet von Fukushima besucht. Das japanische Kernkraftwerk war 2011 in Folge eines Erdbebens havariert. „Was dort aktuell geschieht, ist sehr spannend“, findet er. „Das Gebiet wird dekontaminiert und neu besiedelt.“

Auch in Tschernobyl haben sich indessen wieder Menschen niedergelassen. Manche sind schon kurz nach der Evakuierung zurückgekehrt. Auf ihrer außergewöhnlichen Reise haben die beiden Dresdner eine ältere Dame kennenlernt, die ein kleines Gehöft unweit des Kraftwerks bewohnt. Sie hält Hühner, baut Obst und Gemüse an. Im Nachhinein sei er innerlich zerrissen gewesen, erzählt Zieschang: „Einerseits war es interessant zu sehen, wie selbstständig diese Frau lebt. Andererseits muss sie sich vorkommen wie ein Tier im Zoo – bei so vielen Menschen, die täglich vorbeikommen.“

Tourismus mit Folgen

In diesem Jahr wird wohl noch so mancher Schaulustiger den Hof der Dame inspizieren – seit dem Start der gefeierten HBO-Serie „Chernobyl“ im Mai sind die Besucherzahlen erneut kräftig angestiegen.

Der Tourismus im militärischen Sperrgebiet Tschernobyl hat allerdings seine Folgen: Menschen lassen ihren Müll liegen oder entwenden Gegenstände aus Gebäuden – als Souvenir. „Andere schmeißen Fensterscheiben ein, reißen Wände nieder, werfen Bücher aus Regalen oder hängen Schultafeln ab“, erinnert sich Meyer. Die blinde Zerstörungswut beschämt ihn: „Für viele ist Tschernobyl die Hölle, dort haben Menschen gelitten und sich geopfert. Der Schreckensort hat ehrwürdige Stille verdient. Man sollte sich respektvoll verhalten, wie ein Gast.“

Gleichermaßen leistet auch die Natur ihren Beitrag und lässt die Überreste menschengemachter Infrastruktur allmählich verschwinden: Pflanzen überwuchern Plätze, Straßenzüge und ganze Dörfer. Im Innenraum des Fußballstadions, in dem einst der FC Stroitel Prypjat Heimspiele austrug, wachsen heute gewaltige Koniferen gen Himmel. Und mit jedem Jahr wird der Wald dichter.

Nächste Reise in Planung

Die beiden Dresdner Dennis Meyer und Mario Zieschang waren so fasziniert von Tschernobyl, dass die Kollegen schon ihre nächste gemeinsame Tour durch die Sperrzone planen. Im kommenden Jahr soll es soweit sein, diesmal will das Duo mit einer kleineren Menschengruppe aufbrechen. „Wir wollen in die unfertigen Kraftwerksreaktoren von Tschernobyl hineinschauen“, verrät Zieschang. „Das wäre mit größeren Gruppen einfach zu gefährlich.“

Auf eines wollen Zieschang und Meyer bei ihrer ausgefallenen Urlaubsplanung besonders achten: Die beiden werden nur mit Menschen nach Tschernobyl reisen, die den Katastrophenort respektieren, so wie sie es tun.

Von Junes Semmoudi

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