Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Thomas Wünsche verlässt Arbeitsagentur Dresden
Dresden Lokales Thomas Wünsche verlässt Arbeitsagentur Dresden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:46 28.05.2019
Thomas Wünsche geht in den Ruhestand. Sein Nachfolger muss ganz schön große Fußstapfen ausfüllen. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Thomas Wünsche, Dresdens oberster Jobvermittler, übergibt am 29. Mai 2019 sein Haus an seinen Nachfolger. Mit welchen Gefühlen? Wir haben nachgefragt.

DNN: Arbeit haben – was heißt das für Sie?

Thomas Wünsche: Fast alles – Teilhabe am Leben, Kommunikation, Einbindung und Erfüllung, Kollegen, Aufgaben, die mir Freude machen und die mich bestätigen. Ich fühle mit jedem mit, der all das nicht hat.

Sind Sie deshalb Arbeitsvermittler geworden?

Indirekt. Anfang 1991 hab ich beim Zentrum Mikroelektronik keine Zukunft mehr gesehen. Als Patentingenieur hätte ich mich selbstständig machen können. Aber erst wollte ich mich beim Arbeitsamt beraten lassen. Die für Geisteswissenschaftler zuständige Abteilung residierte damals in einer Holzbaracke am Schillerplatz. Dort stand ein Aufsteller: Bautzen suchte einen neuen Arbeitsamtsdirektor. Ich hab mich beworben, wurde eingeladen und bekam den Posten nicht. Aber einen Schnellkurs in Regensburg.

Arbeit haben, ist fast alles

Oha, Bayern statt Bautzen.

Ja, tiefer Westen. Ich hatte ordentlich Muffensausen. Aber die Kollegen dort waren toll und haben mir viel beigebracht über Verfahren und Organisation der Behörde. Schon Ende 1991 wurde ich in Gera als Abteilungsleiter für Arbeitsvermittlung und -beratung ins kalte Wasser geworfen. Dort, wo gerade alles zusammenbrach, galten ganz andere Prämissen: Die Organisation aufrecht erhalten, Massenarbeitslosigkeit kanalisieren, enorm viele Menschen in möglichst kurzer Zeit beraten und ihren Lebensunterhalt sichern. Alternativjobs gab es damals ja eher nicht.

Die Lehre: Gleich loslegen, Neues suchen

Zigtausend kaputte Biografien – hat Sie das nicht entmutigt?

Nein, ich hab mich immer gefragt, ob und wie ich helfen kann. Natürlich hatte ich keine Arbeitsplätze in der Schublade. Aber oft war es schon gut, den Menschen mal eine Stunde zuzuhören. Es gab da viel, was ich wirklich verarbeiten musste. Vor allem mitzuerleben, wie Menschen in kürzester Zeit durch Arbeitslosigkeit ihr Fundament verloren haben. Das ging durch alle Schichten und irre schnell.

Die Lehre daraus?

Bis heute denke ich: Nach dem Jobverlust bloß nicht erst das berühmte Päuschen einlegen. Gleich loslegen, Neues suchen.

Aber Arbeit war damals rar. Was gab es stattdessen?

Wer nicht mit Sozialhilfe zu Hause sitzen und abdriften wollte, für den haben wir die berühmten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen kreiert. Weiß Gott nicht die viel beschworene glorreiche Brücke in den ersten Arbeitsmarkt. Aber etwas, was den Menschen die Würde zurückgeben konnte. Etwas schaffen, worauf sie stolz sein konnten. Das ging schon damals in Gera, war aber noch viel besser in Halberstadt.

Entscheiden mit gesundem Menschenverstand

Weshalb?

Weil ich dann Chef war. 1993 bin ich dorthin gewechselt. Das war ein Modell-Arbeitsamt – neben Dortmund, Heilbronn und Saarbrücken eins von vieren bundesweit. Mit Mitteln aus dem Aufbau-Ost-Programm haben wir dort Projektförderung betrieben. Das war das Gegenteil von dem, was üblich war. Üblich war: Man schaute, was der Betroffene brauchen könnte und suchte ein Angebot bei einem Bildungsträger. Viel besser aber ist, was spätestens seit der Einführung von Hartz IV 2005 bis heute geschieht: Wir schauen, was es an Arbeit gibt oder was funktionieren könnte und qualifizieren die Leute genau dafür.

Da war Mitte der 1990er sicher viel Vorstellungskraft gefragt...

...ja, doch wir konnten gestalten, haben vieles eher aus dem Bauch raus mit dem gesunden Menschenverstand entschieden, manches vom Bundesrechnungshof wieder einkassiert bekommen, aber aus Fehlern gelernt. Was immer geklappt hat: Partner frühzeitig mit einbeziehen – egal ob Kammern, Firmen, Bürgermeister.

Kein Ossi für Dortmund

Wann kam der Ruf aus Dresden?

Zunächst kam ein Ruf aus Dortmund, der mich sehr geehrt hat, den ich aber nicht erhört hab. Das ging doch nicht: Ein Ossi sagt einer westdeutschen Zentralregion, wo es langgeht...

Sie wären eine Art Vorläufer von Angela Merkel gewesen...

... ich glaube, mit deutlich weniger Erfolg. Als ich sagte, dass ich mich – wenn überhaupt – eher in Richtung Dresden verändern würde, hieß es: Das wird auch frei.

Glücklicher Zufall.

Es war das Schönste, was mir passieren konnte. Ich bin ja all die Jahre gependelt. Mein Vorgänger Hans Dieter Kaeswurm war nach Trier gewechselt, und ich konnte nun in meiner Heimat, die ich liebe, die Arbeit tun, die mir Freude macht.

Das hat 19 Jahre lang geklappt. Zufrieden?

Viel erlebt, viel gelernt, viel geschafft – vor allem auch dank toller Mitarbeiter. Und auch in Dresden hat bei der Suche nach Wegen zur Beschäftigung das Zusammenspiel von Kommunen, Kammern und Wirtschaft hervorragend funktioniert. Ein partnerschaftliches Verhältnis auf Augenhöhe, das vielen Menschen geholfen hat.

Ein Beispiel?

Zum Beispiel haben 40 bis 45 Leute über die so genannte „Vergabe-ABM“ an einem Dresdner Seniorenwohnheim mitgebaut. Mehr als 30 von ihnen haben dann sogar Stellen bei der Baufirma bekommen.

Also doch die berühmte Brücke in den Arbeitsmarkt?

Das Instrument gab es leider nicht sehr lange.

Die Instrumente der staatlichen Arbeitsvermittlung wechselten in der Tat oft, außer ABM und 1-Euro-Jobs blieben aber die meisten eher unbekannt. 2002 hat sich das Herangehen an die Materie dann grundlegend geändert...

Wechsel zu wirtschaftlichen Prinzipien

Ja, 2002 wurde aus dem Arbeitsamt die Arbeitsagentur. Es war der Startschuss für den Wechsel zu wirtschaftlichen Prinzipien in der Verwaltung. Auch wenn wir das am Anfang echt nicht bejubelt haben: Dieser Weg hat uns ziemlich weit vorangebracht. Die Fokussierung auf das, was der Markt braucht, bietet einen wirklichen nachhaltigen Ansatz. Die Agentur arbeitet deutlich straffer und effizienter.

Nach Arbeitslosenquoten von zum Beispiel 16,8 Prozent im April 2000 liegt Dresden derzeit bei 5,7 Prozent. Auch Verdienst der Agentur?

Ich sehe unser Haus eher als Einrichtung, die Menschen berät, sie befähigt, unterstützt. Das i-Tüpfelchen ist es dann, wenn wir auch noch die passende Stelle vermitteln. Ansonsten verdanken wir die guten Zahlen natürlich der hervorrangenden Konjunktur. Wir spielen immer bloß die Begleitmusik.

Sachsens Autoindustrie darf nicht ins Kleckern kommen

Wie geht es weiter am Dresdner Arbeitsmarkt?

Das ist mit Blick auf die Weltpolitik und den Wandel in der Automobilbranche unsicheres Terrain. Es gibt eine gewisse Stabilität, aber je mehr die Autoindustrie als Träger der sächsischen Wirtschaft ins Kleckern kommt, desto mehr wachsen auch die Probleme und Gefahren für den Arbeitsmarkt.

Stichwort Probleme. Ist Zuwanderung eher Last oder eher Chance?

Ganz anders: Das ist Pflicht. Wenn Sachsen als florierender Wirtschaftsstandort bestehen will, brauchen wir Zuwanderung. Man muss nur endlich mal den Rahmen genau definieren, wer wann wo wie tätig werden kann.

Woran erinnern sie sich in den 19 Jahren Dresden am liebsten?

Es gibt Vieles, was gut geklappt hat, und wir sind immer froh gewesen, wenn wir unterm Radar der Öffentlichkeit unser Werk tun konnten...

Tierische Einlage

...das hat nicht immer geklappt, Stichwort Vögel.

Genau. Einmal sind wir an drei Tagen hintereinander auf dem Titel der Morgenpost gelandet, weil sich eine Stockente unseren Hof zum Brüten ausgesucht hat. Ein Hof, den man als Vogel nur fliegend erreichen und verlassen kann. Nicht so gut für Küken, die nach dem Schlüpfen zum Wasser müssen. Also haben wir eine Badewanne mit Wasser eingegraben, haben die Tiere gepäppelt, gefüttert, beschützt. Und nicht bedacht, dass die Vögel zum Brüten an den Ort ihrer Geburt zurückkehren. Irgendwann hatten wir hundert Enten im Hof. Das waren zu viele. Wir haben die Hecken entfernen lassen und für die flugunfähigen Küken eine neue Heimat gesucht. Zoo, Tierärzte, Stadtjägermeister – haben wir alles kennengelernt. Leider auch die empörten Tierschützer von Peta. Zu guter Letzt landeten die Küken beim Verein Omse e.V. im Dresdner Westen.

Aufhören? Für mich gibt es nur einen Anfang.

Thomas Wünsche

geboren 1953 in Dresden

Beruf: Chemielaborant mit Abitur.

Diplomstudium der Chemischen Verfahrenstechnik

Arbeit in der Patentabteilung des Instituts für Mikroelektronik Dresden

postgraduales Studium des wissenschaftlichen Rechtsschutzes an der Humboldt-Universität zu Berlin – abgeschlossen als Patentingenieur

Im Herbst 1991 Abteilungsleiter der Arbeitsvermittlung und Arbeitsberatung im Arbeitsamt Gera

Von November 1993 bis Februar 2000 Arbeitsamts-Chef Halberstadt.

Im Februar 2000 Rückkehr in die Heimatstadt Dresden als Leiter des Arbeitsamts.

Ein gutes Ende also. Dazu passt die Frage: Was ist einfacher – Anfangen oder Aufhören?

Schwierig. Ich sag mal so: Für mich gibt es nur einen Anfang. Jeder neue Tag ist ein Anfang – der 31. Mai, mein letzter Arbeitstag, genauso wie der 1. Juni, an dem ich dann nicht mehr in die Agentur gehe.

Sondern?

Mal sehen. Ich freu mich drauf, dass ich frei entscheiden kann, was ich mache. Natürlich haben meine Frau und ich Pläne, aber an denen hängen wir nicht sklavisch. Außerdem strukturiert unser Hund Jojo den Tag, denn der Bolonka Swetna – ein reiner Russe – wird täglich von uns zwischen fünf und zwölf Kilometern bewegt. Oder umgekehrt. Außerdem werde ich meine Ehrenämter im Verwaltungsrat des DSC und im Präsidium des Stadtsportbundes behalten. Vielleicht mache ich da künftig ein bisschen mehr.

Der mögliche Nachfolger

Jan Pratzka ist seit 2011 Chef des Jobcenters Dresden. Quelle: Heiko Weckbrodt

Jan Pratzka, seit 2011 Geschäftsführer des Jobcenters Dresden, soll nach DNN-Informationen neuer Chef der Dresdner Arbeitsagentur werden. Eine offizielle Bestätigung steht noch aus.

Pratzka war damals aus der Regionaldirektion Chemnitz nach Dresden gekommen und hatte die Nachfolge von Dirk Bachmann angetreten.

Zuletzt war das Jobcenter Dresden zuständig für 11 757 der insgesamt 16 894 arbeitslosen Menschen in Dresden. Die Behörde betreut auch die Langzeitarbeitslosen.

Arbeitsagentur Dresden

Im Jahr 2000 hatte das Arbeitsamt rund 800 Mitarbeiter. Seit Gründung der Arge 2005 – heute Jobcenter – sind die Beschäftigten heute in unterschiedlichen Strukturen im Einsatz.

Bis zum Jahr 2012 gehörten Radebeul und Radeberg zum Agenturbezirk Dresden.

Im Jahr 2000 betreute das Arbeitsamt in Dresden saisonbereinigt 36 909Arbeitslose. 2018 kümmerten sich Arbeitsagentur und Jobcenter der Stadt um 17  759 Arbeitslose.

Die Erwerbslosenquote in Dresden sank im Jahresmittel von 14,6 Prozent (2000) auf 6,1 Prozent (2018)

Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in der Stadt stieg von 21 5 654 (Jahr 2000) auf 265  827 (2018)

Von Barbara Stock

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

„Arbeit neu denken“ lautet der Titel einer Diskussion, an der auch die derzeitige SPD-Chefin Andrea Nahles teilnehmen wird. Die Veranstaltung ist publikumsoffen und findet am 18. Juni statt.

28.05.2019

Noch ist das Wahlergebnis für den Dresdner Stadtrat nicht endgültig in Sack und Tüten. Die bisher ausgezählten Wahlgebiete – sechs fehlen noch – erlauben aber jetzt schon detaillierte Einblicke in das Wahlverhalten in den einzelnen Stadtteilen.

28.05.2019

Holger Zastrow hat bei der Stadtratswahl die meisten Stimmen erhalten. Er habe das Gefühl, den richtigen politischen Weg eingeschlagen zu haben und will nun bei der Landtagswahl um ein Direktmandat kämpfen, erklärte der FDP-Politiker.

28.05.2019