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Lokales Scharf, Bio und bunt: Diese Handwerker in Dresden sind auf Innovationskurs
Dresden Lokales Scharf, Bio und bunt: Diese Handwerker in Dresden sind auf Innovationskurs
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16:38 20.09.2019
Ingo Mager (von links), Maria Jugl (Ausbilderin) und Azubi Elsa Schinner sowie Martin Heller. Quelle: Flechtner/Collage
Dresden

Der digitale Wandel, veränderte Konsumentenwünsche, mehr staatliche Regulierung und neue, teils transnationale Mitspieler auf dem Markt stellen viele alteingesessene Handwerker vor existenzielle Probleme. In vielen Kommunen sterben dadurch ganze Gewerke aus. Doch mehr und mehr Familien-Kleinbetriebe reagieren mit faszinierenden Produkten, technischen Innovationen und veränderten Geschäftsmodellen auf diesen Wandel.

Und dabei agieren sie inzwischen oft sehr erfolgreich, schätzt der Dresdner Handwerkskammer-Präsident und Dachdecker Jörg Dittrich ein. „Steigende Umsätze, volle Auftragsbücher, exzellentes Geschäftsklima: Vielen Handwerksbetrieben geht es richtig gut“, meint er. „Doch dies kommt nicht von ungefähr, sondern ist das Ergebnis von harter Arbeit und Innovationsfreude.“

Kleine Betriebe gegenüber Konzernen durchaus im Vorteil

Ähnlich sieht das Projektleiter Ulrich Goedecke: Er hilft im Dresdner „Kompetenzzentrum digitales Handwerk“ den Meistern und Gesellen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Die Idee dahinter: Wenn die Friseuse vom Haareschneiden allein nicht mehr leben kann, muss sie ihren Salon zu einem Ort der Begegnung und der Schönheit ausbauen. Und wenn der Bäcker vor der Pleite steht, weil seine alten Stammkunden die Brötchen lieber billig im Supermarkt kaufen, sollte er sich darauf besinnen, was zählt: „Der Bäckermeister verkauft nicht nur Brötchen, sondern auch Qualität, Geschmack und Freundlichkeit“, betont Goedecke. Und so könne aus der Backstube etwas Neues werden, das auch die „Generation Instagram“ anzieht.

Dabei seien kleine Betriebe gegenüber Konzernen durchaus im Vorteil, unterstreicht Präsident Dittrich: „Durch flache Hierarchien, persönliches Miteinander, kurze Entscheidungswege und lösungsorientierte Zusammenarbeit kann Handwerk schnell Chancen ergreifen.“

Wir haben drei dieser Innovatoren in Dresden besucht und stellen sie zum Tag des Handwerks, der in diesem Jahr auf den 21. September fällt, im Kurzporträt vor.

Der Schleifer:

Ingo Mager schleift nicht nur selbst Messer, er gibt Interessierten auch Kurse – und die sind bis zum Jahresende ausgebucht. Quelle: Dietrich Flechtner

Als Instrumentenschleifer Info Mager den Betrieb an der Alaunstraße im Jahr 1987 übernahm, lief das Geschäft, wie ein privates Geschäft zu DDR-Zeiten eben laufen konnte: „Damals haben wir medizinische Instrumente geschärft“, erzählt Messer-Mager. Drei Jahre später war davon keine Rede mehr: „Eben haben wir noch an die 1000 Skalpelle pro Woche geschliffen – und dann haben die ganzen Krankenhäuser auf Wegwerfinstrumente umgestellt.“

Um die drastischen Umsatzeinbrüche auszugleichen, wandte sich Mager neuen Geschäftsfeldern zu: Er begann mit dem Messerhandel, darunter erlesene Unikate mit Griffen aus Xylophon-Holz und edle Damaszener-Klingen. Er schliff nun auch für die private Nachbarschaft, gab Schleifkurse für Hobbyköche. Und erarbeitete sich solch eine Reputation, dass inzwischen Restaurants, Hotels, Druckereien, Händler und Industriebetriebe aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre großen und kleinen Klingen vom Dresdner Messer-Mager schleifen lassen.

Auch bei den Endkunden traf er den Nerv der Zeit: „Meine Schleifkurse sind bis zum Jahresende ausgebucht“, erzählt er. „Da haben mir sicher die vielen Kochsendungen im Fernsehen geholfen. Dadurch kochen jetzt auch viele Männer – und die geben Geld für vernünftiges Werkzeug aus.“ Eines hält Ingo Mager für sicher: „Wenn ich mich nur auf den Messerhandel verlassen hätte, wie viele Kollegen nach der Wende, gäbe es uns heute nicht mehr.“

Der Konditor:

Martin Heller leitet gemeinsam mit seiner Frau Caroline die „Kuchenglocke“ – und produziert lieber Törtchen als Torten. Quelle: Dietrich Flechtner

Vor vier Jahren übernahmen die Hellers das Eckhaus neben der Luther-Kirche in der Neustadt: „Das Wasser stand im Keller, jeder Gastronomiebetrieb war verboten – da war viel zu tun“, erinnern sich BWLerin Caroline und Konditormeister Martin Heller. Binnen eines Dreivierteljahres möbelte das Paar das Gebäude auf – und machte einen florierenden Laden daraus: In der „Kuchenglocke“ sieht man das klassische Neustadt-Publikum vom babytragenden Papa bis zur Veganerin ebenso wie das ältere japanische Ehepaar oder die Touristen aus Bayern.

Die Hellers haben die „Kuchenglocke“ eben zu einem trendigen Neustadttreff gemacht. „Wir kreieren zum Beispiel lieber Törtchen statt Torten, bieten Herzhaftes und Frühstück für die Gästeunterkünfte im Viertel an, haben ein breites Bio-Sortiment und machen Konditorei in einem modernen Sinne: weniger süß, dafür fruchtiger“, erzählt Martin Heller. „Das entspricht eher dem Zeitgeist.“

Damit auch Eltern gerne und lange in der „Kuchenglocke“ bleiben, haben die Hellers ein Kinderzimmer, Wickel- und Stillraum eingerichtet. Zum Zeitgeist gehören aber auch ein modernes Kassensystem mit Smartphones und Apps, Stellplätze für Kinderwagen und Rad-Anhänger und dergleichen Details. „Die Kuchenglocke ist ein schönes Beispiel, wie sich ein ganz klassisches Handwerk durch moderne Konzepte weiterentwickelt“, lobt Handwerkskammer-Hauptgeschäftsführer Andreas Brzezinski.

Die Friseurin:

Friseurmeisterin Juliane Sach hat aus einer Ruine die „Villa Baumgarten“ gemacht: einen Schönheitssalon mit breit angelegtem Geschäftsmodell. Quelle: Dietrich Flechtner

Heute verdient die „Villa Baumgarten“ am Albertplatz wieder ihren Namen: eine repräsentative Villa, drinnen im marokkanischen Stil eingerichtet und fraglos ein Kleinod. Das war ganz anders, als Friseurmeisterin Juliane Sach 2011 davor stand: „Die Villa war eine Ruine“, erinnert sie sich. Und doch war sie wie elektrisiert von dem Gebäude – und wollte daraus unbedingt „einen Begegnungsort für meinen Kiez machen.“ 2012 öffnete sie tatsächlich dort ihren Salon, der aber eben deutlich mehr ist als „nur“ ein Ort zum Haareschnippeln.

Zu ihrem Friseursalon 2.0 gehören Hand- und Fußpflege, Schminkkurse und eine Weiterbildungsakademie. Sie richtet Kunstausstellungen aus, vertreibt Kosmetika vom Partner „La Biosthetique“, organisiert Mädelsabende mit Burlesque-Tänzerinnen und Modebrillen-Präsentationen. „Wer hat heute schon noch Zeit, alles einzeln abzuklappern“, skizziert Sach die Idee dahinter. „Für meine Kundinnen ist es doch viel praktischer, wenn sie alles an ei­nem Abend ausprobieren können.“ Zugleich setze sie auf eine anspruchsvolle Ausbildung und zahle ein Fünftel mehr Lehrgeld als andere in der Branche. Das zahle sich auch für sie aus: Ihre Azubis tragen rasch zum Geschäftsbetrieb bei, kreieren eigene – oft auch recht bunte – Frisuren, verbreiten Bilder ihre Kollektionen per Instagram und helfen bei Modeschauen mit. „Dadurch sprechen wir auch eine jüngere Kundschaft an.“

Von Heiko Weckbrodt

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