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Lokales Steinerne Visitenkarten für die Ewigkeit erzählen Geschichte(n)
Dresden Lokales Steinerne Visitenkarten für die Ewigkeit erzählen Geschichte(n)
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13:48 19.02.2019
Den Johannisfriedhof zieren einige bedeutende Grabdenkmale.
Den Johannisfriedhof zieren einige bedeutende Grabdenkmale. Quelle: Amt für Kultur und Denkmalschutz
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Dresden

„Steine! Steine! / Sie schrei’n, wenn alles schweigt“, heißt es im Lied „Steine“ der Gruppe Puhdys, die seit einiger Zeit auch schweigt, es sei denn es kommt der Rücktritt vom Rücktritt. Die „Steine“ auf den Johannisfriedhof in Dresden-Tolkewitz schreien zwar nicht, indirekt verraten die Grabmale aus Stein aber schon Einiges, zur Geschichte, aber auch sonst. Und das nicht nur über die Inschriften auf den Steinen. Die Grabsteine lassen sich aufgrund charakteristischer Materialeigenschaften verschiedenen Regionen zuordnen, die Zahl an Gesteinssorten offenbart, wie unterschiedlich vernetzt Dresden zu unterschiedlichen Zeiten war. Allein für den Zeitraum zwischen 1881 und 1945 wurden über 60 Gesteinssorten festgestellt, danach fanden bis 1990 nur noch wenige Sorten Verwendung, die hauptsächlich aus Vorkommen stammen, die auf dem Gebiet der DDR abgebaut wurden.

Diese und viele andere Informationen lassen sich der Broschüre „Steine erzählen Geschichte(n)“ entnehmen, die das erste ihrer Art einer geplanten Publikationsreihe des Landesamtes für Denkmalpflege zu national bedeutenden und kulturhistorisch wertvollen Grabdenkmalen auf dem Johannisfriedhof in Dresden-Tolkewitz ist.

Der Johannisfriedhof steht mit seinen prachtvollen Grabstätten einigen berühmten großstädtischen Friedhöfen in Berlin und München in nichts nach. Deutschlandweit einzigartig sind gar, das ergab ein vom Landesamt in Auftrag gegebenes Gutachten, die erhaltene Dichte an historischen Grabmalen und deren herausgehobener künstlerischer Anspruch.

Berühmte Künstler und Architekten wie Robert Diez, Max Klinger, Selmar Werner, Fritz Schumacher und Paul Wallot schufen sie und haben mit ihrer Bildhauerkunst und ihren Entwürfen das Gesicht eines der schönsten Friedhöfe Deutschlands geprägt. Auch wenn die sozialistische Plan- und Mangelwirtschaft dazu führte, dass Grabsteine mehrfach verwendet wurden und auch deshalb geschlossen erhalten gebliebene Quartiere auf dem Johannisfriedhof nicht mehr zu finden sind, so doch immer noch immer bemerkenswert viele Grabmale, die zu den künstlerisch besten Leistungen ihrer Zeit auf deutschen Friedhöfen gehören, die Zeiten überdauert. Aber der Bestand ist akut gefährdet. Denn so wie der Elchtest einst vor über 20 Jahren ergab, dass die A-Klasse von Mercedes leicht umkippte, so ruhen auch viele Grabsteine, immerhin steinerne Visitenkarten für die Ewigkeit, nicht fest und unverrückbar in ihren Fundamenten. Es ist eben keine Steinmetzarbeit so stabil, dass ihn der Zahn der Zeit nicht lose nagen könnte (zugegeben: das ist jetzt eine Binse, die auch außerhalb von Biologen- und Metaphysikerkreisen geläufig ist). Es droht die Gefahr, von einem Totenstein erschlagen zu werden, wenn man sich beim Harken an einen solchen klammert.

Durch Fördermittel von Land und Bund konnte mit der Erhaltung und Restaurierung der Kunstwerke begonnen werden. Die Broschüre stellt 27 prächtige, künstlerisch herausragende Grabstätten bedeutender Dresdner Bürgerfamilien vor, anhand großformatiger Fotografien in Gesamt- und Detailaufnahmen. Festgehalten werden stets Entstehungszeit, der Name des Bildhauers wie (gelegentlich) auch der des Architekten sowie auch die verwendeten Gesteinsarten. Das kann sehr komplex sein. Bei der Wand der Grabstätte Pilz fand Granit aus Meißen („Rot-Meißen“) Verwendung; bei der Skulptur scheute man keine Kosten und Mühen, um Marmor aus Carrara heranzukarren; bei Stelen und Gruftplatte kamen Syenit bzw. Larvikit („Labrador hell) aus Norwegen zum Einsatz und bei der Einfassung und den Bodenplatten wurde auf sogenannten Lausitzer Granit zurückgegriffen.

Dass der Tod ein allgegenwärtiger Begleiter war, wird immer wieder deutlich. „Wiederfinden“ heißt etwa ein Relief mit der Darstellung von zwei Frauen bei der Grabstätte Treu. Sie sind keineswegs anonym oder sinnbildlich angelegt, sondern zeigen Treus einzige Tochter Ilse, die 1896 im Alter von 25 Jahren Selbstmord beging und auf dem Relief ihre 1901 verstorbene Mutter umarmt. Der Name Treu sollte dem einen oder anderen was sagen. Der klassische Archäologe Georg Treu arbeitete als Direktor der Skulpturensammlung, war also entsprechend versiert, was Plastiken anging und vertraute wohl deshalb bei der Grabstätte der künstlerischen Gestaltungskraft des renommierten Bildhauers Robert Diez.

Zwei nicht ganz unbekannte Engel zieren die Grabstätte Wägner. Die Figuren aus Bronze stützen sich auf den Architrav, die Anspielung auf die Engel im Gemälde der „Sixtinischen Madonna“ sind unverkennbar. Die Engel wie auch die unter ihnen angebrachten Bronzereliefs sind Arbeiten des anerkannten Dresdner Bildhauers Selmar Werner. Der 1953 in Graupa verstorbene Werner war ein Meisterschüler von Diez, sein Atelier befand sich um 1900 an der Blasewitzer Straße neben der Trinitatiskirche. Werners populärste Werke sind das Grabmal für Karl May in Radebeul sowie das 1914 eingeweihte Schillerdenkmal. Auf dem Relief rechts an der Grabstätte Wägner begleitet ein Schutzengel die Seele einer jungen Frau, die über der Stadtsilhouette Dresdens schwebt, ins Jenseits. Dass es sich um die Seele handelt, ist an den Schmetterlingsflügeln erkennbar. Neben der Inschrift der Grabwand weisen die Reliefs auf das tragische Schicksal der Familie hin. Der in Blasewitz ansässige Baumeister Ernst Emil Wägner musste ertragen, dass drei Söhne vor ihm starben.

Immer wieder zeichnet sich diese oder jene Grabstätte durch bestimmte Charakteristika aus. So besticht die Grabstätte Müller durch „seine große Materialvielfalt und durch die in Sachsen seltene Grabmalgestaltung mit großen Mosaiken, die zwar an Vorbilder in Ravenna und Byzanz erinnern, de facto aber gotisierende und klassizistische Figuren zeigen. Ähnlich exklusiv das 1908 von Professor Paul Naumann entworfene Grabmal der Familie Bieling, das zu den seltenen, deutschen Jugendstilgrabarchitekturen mit Einlegearbeiten gehört, wobei in der ungewöhnlich großen Darstellung des Stammbaums Metallreliefs mit Glasmosaik kombiniert werden.

Hintergrund ist natürlich, dass Grabpaten gesucht werden und für einen solchen die Grabstätte, für die er Geld spendet, selbst einmal als Familiengrabstätte zu nutzen. Mit dem Beitrag leistet man einen wichtigen Beitrag zur Denkmal- und Stadtbildpflege.

Ärar des Elias-, Trinitatis- und Johannisfriedhofs zu Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen und Senckenberg Naturhistorische Sammlungen Dresden (Hrsg.): Steine erzählen Geschichte(n). Der Evangelisch-Lutherische Johannisfriedhof Dresden-Tolkewitz. Band 1: Bedeutende Grabdenkmale. 82 Seiten, 90 größtenteils farbige Abb., herausklappbarer Lageplan, 14,90 Euro, zzgl. Porto, ISBN 978-3-91000663-8

Zu beziehen über Verwaltung des Elias-, Trinitatis- und Johannis-Friedhofs zu Dresden, Wehlener Straße 13, 01279 Dresden, Tel. 0351 25 02 04 82, info@johannisfriedhof-dresden.de

www.johannisfriedhof-dresden.de

Von Christian Ruf