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Lokales Dresden: Integrationsprojekt mit rund 40.000 Euro gefördert – Hilfe kommt nicht nur Asylbewerbern zugute
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10:22 25.02.2020
„Chancen für die Chancenlosen“ bietet Menschen in schwierigen Lebenssituationen Arbeitsgelegenheiten: Mohamed Ali aus Tunesien, Mahmood aus Pakistan und Projektleiter Rainer Pietrusky (v.l.) sammeln an der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 10 im Ostragehege Müll von den Wiesen. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Rainer Pietruskys Freiwilligentruppe hat gut zu tun. Sie rückt aus, um Müllecken zu beseitigen, die Dresdner über die Dreckweg-App gemeldet haben, befreit Baumscheiben in Straßen der Altstadt und der Neustadt vom Unkraut und hat einige davon mit Blumen bepflanzt, so wie auch den Zaun der Kita „Regenbogen“. Sie hat im Gemeinschaftsgarten Alaunpark mit Hand angelegt, hat geholfen, die Ambrosia-Pflanzen zu entfernen, die am Ferdinandplatz wucherten, und auch den Zoo bei Aufräumarbeiten im Herbst unterstützt. Zurzeit sammelt sie gerade Müll von den Elbwiesen und auch von den Wiesen an der Endhaltestelle der Linie 10 im Ostragehege.

Zoo-Direktor Karl-Heinz Ukena hat im Dezember 2019 sogar einen Brief an Pietrusky geschrieben. Darin bedankt er sich für die Hilfe bei der Laubberäumung und in der Gärtnerei. „Wir würden uns freuen“, schrieb er weiter, „wenn wir unsere Zusammenarbeit mit einem ähnlichen Projekt fortführen könnten“.

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„Chancen für die Chancenlosen“

Dabei ist die Idee hinter Pietruskys Team eigentlich gar nicht vorrangig, anderen zu helfen. Wer wirklich Hilfe braucht, ist die Truppe selbst. Sie besteht aus Asylbewerbern, Menschen mit psychischen oder Drogenproblemen, Erfahrungen mit Gewalt und Kriminalität, die wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, von Obdachlosigkeit betroffen oder bedroht sind – kurz die Chancenlosen in der Gesellschaft.

„Chancen für die Chancenlosen“ hat Pietrusky das Projekt deshalb genannt, für dessen Weiterführung in diesem Jahr die Stadtbezirksbeiräte Altstadt und Neustadt jetzt je 19.965,23 Euro aus ihrem Budget bereitgestellt haben. Sie hatten es bereits 2019 mit weniger Geld als Pilotprojekt gefördert. Die Erfahrungen daraus sind in einem Bericht zusammengefasst, der der Beschlussvorlage für die Stadtbezirksbeiräte beilag.

Ausgangspunkt war Flüchtlingsprojekt am Alaunpark

Das Projekt ist eine Initiative des Dresdner Vereins „Neuer Hafen e. V.“, der sich bereits seit 2015 der Schaffung von Arbeitsgelegenheiten für Geflüchtete widmet. Ursprünglich ging es vor allem darum, Probleme zu entschärfen, die rund um den Alaunpark in der Neustadt entstanden waren. In einer der größten städtischen Grünanlagen – Treffpunkt und Wohlfühlort für viele Dresdner, die sich dort zum Beispiel die Zeit gern mit Ballspielen, Lernen oder Grillen vertreiben – war nicht nur ein Müllproblem entstanden. Durch eine aufkommende Drogenszene, zunehmende Kriminalität und Auseinandersetzungen zwischen Migranten untereinander aber auch mit Einheimischen sei der Alaunpark zunehmend als unsicher empfunden worden, heißt es in dem Bericht.

Lesen Sie auch: Neue Idee: So kämpft die Stadt gegen das Müllproblem auf dem Alaunplatz

Der Verein unterstützte die Geflüchteten durch Angebote für deutsche Sprache, Betreuung und Arbeit sowie Flüchtlingsintegrationsmaßnahmen und richtete seinen Fokus zunehmend auch auf weitere Zielgruppen. Das Pilotprojekt für 2019 entstand schließlich in Zusammenarbeit mit dem Dresdner Projekt „SafeDD – Straßensozialarbeit für Erwachsene“ des Suchtzentrums Leipzig und basierte auf einer wichtigen Erfahrung.

Keine Trennung in Asylbewerber und Einheimische

Rainer Petrusky hat das Projekt ins Leben gerufen. Quelle: Dietrich Flechtner

Nun hilft der Verein Neuer Hafen nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund, die nicht in Ausbildung oder Arbeit sind – teilweise auch gar keine Arbeit aufnehmen dürfen, sondern generell „Menschen in besonderen Lebenslagen“. Das sind vor allem Menschen mit Suchtproblemen, aber auch Schulabbrecher, Obdachlose und weitere Gruppen, die es bei der Integration in den Arbeitsmarkt schwer haben. Für die Teilnahme an Arbeitsangeboten gibt es eine Aufwandsentschädigung von 1,75 Euro pro Stunde.

Bereits während des Pilotprojekts habe sich gezeigt, so der Bericht, dass es in dieser Gruppe Personen gibt, die nach einer längeren Anlaufphase so gefestigt sind, dass sie bei Vorliegen der Zugangsvoraussetzungen für eine Förderung nach § 16i SGB II – Teilhabe am Arbeitsmarkt – in Frage kämen.

Eine weitere Zielgruppe sind Personen, die auf Grund einer richterlichen Anordnung Sozialstunden abzuleisten haben. Sie erhalten dafür natürlich keine Aufwandsentschädigung aus der Projektförderung, haben allerdings die Chance, danach im Projekt zu verbleiben.

Wichtiger Aspekt: Kein Zwang

Gerade die genannte Anlaufphase, heißt es in dem Bericht, sei wichtig, um bei den Teilnehmern Vertrauen aufzubauen. Oft fehle es ihnen wegen ihrer schwierigen Situation an Motivation. Sie seien an einer Mitarbeit zwar interessiert, es falle ihnen jedoch schwer, dies regelmäßig zu tun. Druck aufzubauen sei hier der falsche Weg. Das Projekt habe gezeigt, dass es für die Teilnehmer wichtig ist zu wissen, dass es zu keinen Sanktionen kommt, wenn sie einmal nicht erscheinen. Das strikte Prinzip der Freiwilligkeit ist deshalb ein Kernpunkt.

Allerdings sei ebenso eine Erfahrung, dass das Projekt an jedem Arbeitstag angeboten werden muss. Ein täglicher Einsatz von vier Stunden habe sich bewährt. Ein geringerer Umfang habe zu einer unregelmäßigen Teilnahme geführt. Während des Pilotprojekts im vergangenen Jahr leisteten 22 Teilnehmer, darunter neun Asylbewerber, vier Menschen in besonderen Lebenslagen, vier, die Sozialstunden abzuleisten hatten, und fünf sonstige Freiwillige insgesamt 2309 Einsatzstunden.

Flankiert werden die Arbeitsgelegenheiten mit Betreuungsangeboten zu Sucht- und anderen Gesundheitsfragen, zum persönlichen Finanzmanagement sowie zum Umgang mit Ämtern und Behörden. Monatliche Bildungstage dienen nicht nur der individuellen Weiterbildung der Teilnehmer, sondern sollen auch deren Integration in das gesellschaftliche Leben der Stadt dienen. Obwohl das anfangs in der Zielgruppe eher auf Skepsis gestoßen sei, habe es sich im Verlauf des Pilotprojekts sehr bewährt, resümiert der Bericht.

Nebenwirkung: Verdrängung der Probleme in andere Stadtviertel

Während des Politprojekts im Jahr 2019, so Pietrusky, sei es zu einer deutlichen Entspannung der Lage rund um den Alaunpark gekommen – allerdings mit dem Nebeneffekt der Verdrängung der Probleme in andere Stadtgebiete. Der Wirkungskreis wurde deshalb auf das Gebiet um den Ferdinandplatz, den Vorplatz des Bahnhofes Mitte und den Koreanischen Platz ausgeweitet.

Perspektivisch Projekt für die gesamte Stadt

Die enge Zusammenarbeit mit Akteuren der Sozialarbeit in Dresden und Leipzig habe sich besonders positiv ausgewirkt, heißt es beim Verein Neuer Hafen. Sie soll deshalb in diesem Jahr ausgebaut werden, ebenso wie die Zusammenarbeit mit Ämtern und Einrichtungen der Stadt Dresden, wie Sozialamt, Jobcenter und Agentur für Arbeit, Ausländerbehörde, Polizeirevier Nord, Sozialer Dienst und Jugendgerichtshilfe, Sozialbetreuer und Regionalkoordinatoren für Unterkunftseinrichtungen sowie die Stadtbezirksämter. Geht es nach Pietrusky, soll die Zukunftsperspektive der „Chancen für die Chancenlosen“ auf die gesamte Stadt zielen. Die Finanzierung wäre dann aber wohl nicht mehr allein über zwei Stadtbezirksbudgets zu stemmen.

Die Überarbeitung des Projekts sowie die Beantragung der Finanzierung für 2020 haben auf der Agenda von Rainer Pietrusky und seinen Mitstreitern bereits ein grünes Häkchen. Nächster Schritt soll die Finanzierung über den Haushaltsplan der Stadt sein – und die Akquise von Spenden für den dafür obligatorischen Eigenanteil. Aber da ist längst noch nicht alles in trockenen Tüchern.

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