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Lokales Spektakuläre Kriminalfälle in Dresden: Der größte Kunstraub der DDR
Dresden Lokales Spektakuläre Kriminalfälle in Dresden: Der größte Kunstraub der DDR
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07:41 10.03.2020
2017 kehrt ein weiteres und vorerst letztes Medaillon des Sophienschatzes wieder zurück ins Stadtmuseum. Quelle: Patrick Seeger/dpa/Dietrich Flechnter
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Dresden

Eine Mörderin, die aus Habsucht ihre Arbeitskollegin und deren kleinen Sohn umbringt, ein Bürgermeistertöchterlein, das seinem Verlobten Eierlikör kredenzt, den der nicht überlebt, ein Doktor, der eine Studentin vergewaltigt und eine andere tötet, ein entführtes Baby, das nie wieder auftaucht – es gibt viele Kriminalfälle in und um Dresden, die die Menschen bewegt haben. Wir haben uns mit den Ermittlungen und Prozessen bei einigen ungewöhnlichen Fällen etwas genauer beschäftigt.

Stadtmuseum ein Tatort der ganz besonderen Art

Der 20. September 1977: zunächst ein Tag wie jeder andere. Auch im Dresdner Stadtmuseum an der Ernst-Thälmann-Straße (heute wieder Wilsdruffer Straße) läuft alles seinen gewohnten Gang. Die Mitarbeiter gehen ihrer Arbeit nach, Besucher schauen sich die Exponate an. Am Nachmittag ist dort plötzlich nichts mehr wie es war. Innerhalb kurzer Zeit ist das Museum ein Tatort der ganz besonderen Art. Ein raffiniert ausgeführter Kunstraub erschüttert die Stadt.

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Ein Mitarbeiter, der Besucher durchs Haus führt und ihnen in der vierten Etage verschiedene Schmuckgegenstände zeigen will, steht gegen 14.30 Uhr vor einer geplünderten Vitrine – wertvolle Schmuckstücke sind verschwunden. Das Museum wird geschlossen, die Polizei informiert. Die ist Minuten später vor Ort, das Museum liegt ja um die Ecke. Polizisten schwärmen aus, Experten untersuchen akribisch den Tatort und kommen zum Ergebnis: Die große Vitrine im Treppenhaus wurde aufgebrochen und 57 Schmuckstücke aus dem sogenannten Ratsschatz gestohlen.

Gewaltsames Eindringen können die Experten nicht feststellen

Neben 41 Objekten aus dem dazugehörigen Sophienschatz, der aus Ringen, Armbändern und anderen Schmuckstücken besteht, die aus Grabkammern unter der 1963 abgerissenen Sophienkirche geborgen wurden, haben die Ganoven auch die berühmte goldene Königskette der Privilegierten Bogenschützen-Gesellschaft samt ihrer 15 kostbaren Anhänger gestohlen – und das offenbar während der regulären Öffnungszeit.

Ein gewaltsames Eindringen können die Experten zumindest nicht feststellen. Der oder die Täter haben sich entweder am Vorabend einschließen lassen oder waren als normale Besucher aufgekreuzt und haben dann zugeschlagen. Zudem ist zu vermuten, dass, wer auch immer den Diebstahl verübte, gut vorbereitet war. Die dreisten Diebe verfügten wohl über Insiderwissen, zumindest wussten sie genau über die Abläufe im Museum und über die Sicherheitseinrichtungen Bescheid.

Einsatzgruppe auf über 50 Mitarbeiter aufgestockt

Für die Polizei heißt das, alle Mitarbeiter und wenn möglich alle Besucher, die an diesem Tag im Museum waren, zu befragen – eine Sisyphusarbeit. Die Einsatzgruppe wird auf über 50 Mitarbeiter aufgestockt. Es stellt sich schnell heraus, dass die Kunstschätze unzureichend gesichert und die Schlösser der Vitrine ziemlich primitiv waren. Ein Versuch zeigt, dass sie innerhalb von 15 Sekunden mit einer Büroklammer geöffnet werden konnten.

Zudem war die Überwachungsanlage (16 Kameras, vier Monitore) manipuliert worden. Befragungen des Sicherheitspersonals ergeben, dass es zwischen 10 und 13 Uhr Störungen bei der Bildübertragung gab. Die Kamera war weggedreht, die Halterung gelockert worden.

Teile des geraubten Sophienschatzes. Dreiste Diebe hatten die Schmuckstücke 1977 aus dem Stadtmuseum gestohlen. Quelle: Polizeimuseum/Monika Löffler

Die Ermittlungen bringen auch zutage, dass es wohl ein Jahr zuvor schon einmal einen Einbruchsversuch im Museum gegeben hatte, den man aber zunächst nicht als solchen erkannt hatte. Bereits 1976 hatten Unbekannte die Überwachungskamera überklebt und versucht, die Schlösser genau dieser Vitrine zu öffnen. Gestohlen wurde damals nichts.

Von den Schmuckstücken und Tätern fehlt jede Spur

Wegen des Diebstahls der Kunstschätze wurde ein öffentlicher Zeugenaufruf gestartet, was zur damaligen Zeit selten geschah. Nur bringt der keine Ergebnisse. Trotz Tausender Vernehmungen und monatelanger Ermittlung muss die Volkspolizei schließlich resignieren. Von den Schmuckstücken und Tätern fehlt jede Spur.

Auch die allwissende Stasi hat keine Hinweise und tappt im Dunkeln. So gibt es bald Spekulationen, dass die Mielke-Truppe – im Volksmund auch „VEB Horch und Guck“ genannt – selbst etwas mit dem Diebstahl der Kunstschätze zu tun hatte, um sie im Westen gewinnbringend gegen Devisen zu verkaufen. Beweise dafür gibt es nicht.

Vier Jahre später taucht ein Anhänger beim Auktionshaus Christie’s auf

Dass ausländische Ganoven den Kunstraub begingen oder zumindest beteiligt waren, erscheint wahrscheinlicher. In der DDR hätte man die Schmuckstücke nicht verkaufen können und Einheimische konnten das hermetisch abgeriegelte Land nicht einfach verlassen, um den Schatz im Ausland zu verscherbeln.

Vier Jahre später taucht dann ein Anhänger der Kette beim Auktionshaus Christie’s in London auf und kommt über Umwege und Hilfe aus der BRD 1988 zurück nach Dresden. 1999 werden 38 der damals geraubten Schmuckstücke – inklusive elf Anhänger der Königskette – auf einer Auktion in Oslo angeboten und kommen 2005 ebenfalls zurück ins Stadtmuseum, doch nicht umsonst. Über die bezahlte Summe wurde allerdings Stillschweigen vereinbart. Ein Jahr später kehrt ein weiterer Anhänger zurück und 2017 wieder ein goldenes Medaillon – ein über 350 Jahre alter Anhänger, den einst Johann Georg der Dritte, Vater von August dem Starken, anlässlich eines Vogelschießens gewann.

Fall noch immer nebulös

Neben 14 Objekten aus dem Sophienschatz fehlt nun nur noch ein Anhänger der Königskette. Die Chancen, die aus 1,3 Kilogramm reinem Gold bestehende Kette wiederzufinden, sind gering. Sie hatte keinerlei Markierung oder Alleinstellungsmerkmale. Vielleicht ist sie schon lange eingeschmolzen.

Trotz der mittlerweile zurückgekehrten Schmuckstücke ist der Fall noch immer nebulös – es wurde nie ein Tatverdächtiger ausfindig gemacht. So ranken sich auch weiterhin Verschwörungstheorien um den größten Kunstraub in der DDR.

42 Jahre später ein Déjà-vu im Grünen Gewölbe

42 Jahre später – im November 2019 – erschüttert erneut ein Kunstraub die Stadt. Aus dem Grünen Gewölbe im Dresdner Schloss verschwinden in einer exakt geplanten Nacht- und Nebelaktion innerhalb weniger Minuten Juwelen von unschätzbarem Wert.

Fast ein Déjà-vu: Wieder gibt es Sicherheitslücken – die Schatzkammer Sachsens ist weniger gut gesichert, als gedacht – wieder passiert alles innerhalb weniger Minuten, wieder gelingt den Dieben trotz eines Großaufgebots an Polizei die Flucht. Und auch diesmal scheinen die Täter über Insiderwissen verfügt zu haben. Von ihnen und den geraubten Kunstschätzen fehlt bis jetzt jede Spur.

Spektakuläre Kriminalfälle – Alle Teile der Serie

Teil 1: Die mordende Schneiderin

Teil 2: Die Schlächterin und der Kannibale

Teil 3: Der Doppelmord in der Radeburger „Hammerschänke“

Teil 4: Der größte Kunstraub in der DRR

Von Monika Löffler

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