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Lokales Ein Dresdner jagt die Einbrecher vom Grünen Gewölbe
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07:58 28.11.2019
Der Leiter der Soko "Epaulette": Kriminalrat Olaf Richter Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Raum A 3.312 in der Polizeidirektion Dresden ist speziell für Sonderkommissionen vorgesehen. Ein Eckraum, der Blick aus dem Fenster fällt auf Wilsdruffer Straße und auf Pirnaischen Platz. Hellblauer Teppichboden, helle Schreibtische mit Monitoren. In einem Regal liegen drei Großpackungen Schokoriegel. Nervennahrung.

Es geht zu wie in einem Taubenschlag

In Raum A 3.312 arbeitet SonderkommissionEpaulette“. Es geht zu wie in einem Taubenschlag. Polizistinnen und Polizisten in Zivil telefonieren. Schauen konzentriert in die Bildschirme ihrer Computer. Kriminalrat Olaf Richter steht mit dem Hörer in der Hand am Fenster. „Ein wichtiges Telefonat“, entschuldigt er sich, nachdem er aufgelegt hat.

Brandgeruch auf dem Weg zur Arbeit

Der 51-Jährige leitet die Sonderkommission. „Ich bin gebürtiger Dresdner“, sagt der Kriminalist. Er ist im normalen Dienst Leiter von Dezernat 2 der Polizeidirektion. Ein Riesenressort: Von Einbrüchen über Drogen bis hin zu Jugend, Raub und Straftaten in Zusammenhang mit Fußballspielen reicht das Betätigungsfeld von Richter.

Am Montag kam eine neue Aufgabe dazu: „Ich habe 6.30 Uhr beim Blick in den Lagefilm vom Einbruch ins Grüne Gewölbe erfahren“, erklärt der Kriminalist. Beim Weg auf Arbeit, den er zu Fuß bewältigt, habe er auf der Carolabrücke bereits Brandgeruch wahrgenommen. Vorbote eines Ermittlungsverfahrens von besonderer Bedeutung: „Ich habe mir die Ermittler des Einbruchskommissariats gegriffen und bin zum Tatort gefahren.“

Er habe nicht mit einem Einbruch in dieser Dimension gerechnet, bekennt Richter. „Man sieht erst einmal nur dieses Fenster.“ Je mehr Details die 20 Kriminalisten der Sonderkommission zusammentragen, je mehr werde deutlich: „Das waren Täter, die hochprofessionell vorgegangen sind und diesen Einbruch lange vorbereitet haben.“

Jetzt herrscht Klarheit: Das ist die Beute

Schlimm genug: Elf Objekte wurden aus dem Dresdner Schloss gestohlen, von zweien zumindest Teile.

Einen Fluchttunnel gibt es nicht

Vier Täter seien es gewesen, sagt der Kriminalist. Zwei seien in das Residenzschloss eingedrungen und hätten die Vitrine mit den sächsischen Kronjuwelen zerstört. Zwei seien außerhalb des Gebäudes geblieben. Die beiden Einbrecher seien über das zerstörte Fenster ins Gebäude eingedrungen und dort auch wieder herausgeklettert. Berichte von einem Tunnel, über den die Einbrecher geflohen seien, verweist Richter ins Reich der Fabel. „Es gibt keinen Tunnel.“

Alle Videos links und rechts vom Fluchtweg eingesammelt

Ebenso wenig habe er schon einen Überblick über die von Kriminaltechnikern gefundenen Spuren. „Die Spezialisten vom Landeskriminalamt leisten die Tatortarbeit. Ich warte auf den Abschlussbericht.“ Ob verwertbare DNA-Spuren gefunden wurden, könne noch niemand sagen. Zumal die Täter Pulver aus einem Feuerlöscher versprüht hätten, um Spuren zu verwischen. Das Pulver legt sich auf die Spuren und erschwert die Suche.

In einem weißen Audi A6 Avant seien die Täter vom Residenzschloss geflüchtet. Die Polizei habe die Videos aller Überwachungskameras auf dem Fluchtweg, der zur Kötzschenbroder Straße führte, eingesammelt. Tankstellen und andere Einrichtungen würden Überwachungstechnik besitzen, vielleicht ist der Kombi ins Visier geraten.

Gegenstände vom Tatort im Wrack

Die Täter fackelten das Auto in einer Tiefgarage ab. Auch das, um Spuren zu verwischen. Ein aus ihrer Sicht logisches Vorgehen. „Sie wollten sicherstellen, dass das Auto vollständig ausbrennt. Wenn sie es am Straßenrand angezündet hätten, wäre ein Passant aufmerksam geworden und hätte die Feuerwehr gerufen.“

Trotz des Brandes wissen die Polizisten: Es war das Fluchtauto. Sie haben Gegenstände vom Tatort in dem Wrack gefunden. Welche? „Kein Kommentar“, sagt der Kriminalrat, „aber es waren keine Teile der Beute.“ 2017 sei der Audi in Sachsen-Anhalt von seinem Besitzer stillgelegt worden. „Der Mann hat aber nichts mit dem Einbruch zu tun.“ Die Ermittler versuchen nun, den Weg des Fahrzeugs seit 2017 nachzuvollziehen.

Bildqualität reicht nicht für Öffentlichkeitsfahndung

Mit spezieller Software versuchen die Fahnder auch, die Bilder aus der Überwachungskamera zu bearbeiten. Die Qualität ist fürchterlich, doch Richter beschwert sich nicht. „Wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben. Für die Sicherheitsvorkehrungen der Staatlichen Kunstsammlungen sind wir nicht zuständig.“ Für eine Öffentlichkeitsfahndung wird das Bildmaterial nicht reichen, befürchtet er.

Die Öffentlichkeit meldet sich intensiv und gibt den Beamten vermeintliche oder reale Hinweise. 205 Anrufer bis Mittwochvormittag registrierte die Sonderkommission. Eine heiße Spur war noch nicht darunter. Dafür auch der eine oder andere wenig hilfreiche Tipp. „Es gab Leute, die meinten, die Beute werde schon auf einer Internetplattform angeboten. Das ist Quatsch. Es handelte sich um billigen Glitzerkram aus Glas“, so der Kriminalrat.

„Wir hatten schon Fälle mit weniger Spuren“

War es der Auftragsdiebstahl eines reichen Kunstsammlers? „Wir schließen nichts aus, so weit sind wir noch nicht“, erklärt Richter. Die Kriminalisten würden in alle Richtungen ermitteln. Hatten die Täter Insiderwissen? „Dafür haben wir nicht viele Anhaltspunkte, aber wir sind erst am Anfang“, sagt Richter. Routinierte Antworten eines Kriminalisten am Anfang der Ermittlungen zu einem schweren Verbrechen.

Wie schwer ist es, mit den wenigen Spuren die Täter ausfindig zu machen? „Wir hatten schon Fälle mit weniger Spuren. Wir setzen alles daran, dass die Kronjuwelen ins Grüne Gewölbe zurückkehren können.“ Obwohl er gerne in Museen gehe, sagt Richter nachdenklich, sei er seit dem Umzug der weltberühmten Sammlung ins Schloss erst ein Mal als Besucher dort gewesen.

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