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Lokales So blickt Architekturexperte Guratzsch auf den Dresdner Brücken-Streit
Dresden Lokales So blickt Architekturexperte Guratzsch auf den Dresdner Brücken-Streit
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12:47 26.06.2019
Die Waldschlößchenbrücke in Dresden. Quelle: Archiv
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Dresden

„Das Welterbeprogramm der UNESCO ist eines der populärsten und erfolgreichsten Programme, das die Völkergemeinschaft jemals zum Schutz ihres kulturellen und natürlichen Erbes beschlossen hat.“ So rühmte Peter Ramsauer (CSU), der deutsche Bauminister, vor sechs Jahren anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt das geschichtlich vorbildlose Projekt, mit dem die Weltkulturorganisation die Erhaltung von Kulturstätten von Weltrang unterstützt – nicht materiell, sondern ideell, indem sie ihnen Aufmerksamkeit weit über die Grenzen des jeweiligen Landes hinaus verschafft. Deutschland, so resümierte der Minister, gehöre mit seinen (schon damals) 37 Welterbestädten zu den Staaten mit dem umfangreichsten Erbe, die sich solchen Ruhmes freuen könnten. Mehr als 200 Projekte in 66 Kommunen profitierten davon – von der Steinernen Brücke in Regensburg bis zur Zeche Zollverein in Essen.

Wunden nie verheilt

Nur eine Stadt erwähnte der Minister nicht. Ihr war nur vier Jahre zuvor, heute vor exakt zehn Jahren, als einziger Welterbestadt weltweit das begehrte Prädikat aberkannt worden: Dresden. Wegen einer seit hundert Jahren geplanten Brücke über die Elbe, die noch im Herbst desselben Jahres 2013 eingeweiht werden sollte und die einen der längsten, erbittertsten und unversöhnlichsten Konflikte in der Geschichte der Elbestadt ausgelöst hatte. Die Politiker, die damals entschieden haben, sind längst abgewählt, pensioniert, fortgezogen und vergessen – die Brücke des Anstoßes bleibt. Viele haben sich an sie gewöhnt, ja, viele können den Streit von damals heute nicht mehr nachvollziehen. Das Bauwerk scheint in die Landschaft eingewachsen zu sein, sein Verkehrsnutzen kann kaum bestritten werden. Aber die Wunden, die der Streit geschlagen hat, sind für manchen Dresdner nie verheilt.

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Architekturkritiker Dankwart Guratzsch

Unser Gastautor ist der Journalist Dankwart Guratzsch, der als Architektur- und Städtebaukritiker der Tageszeitung „Die Welt“ aktiv ist. Er ist seiner Geburtsstadt Dresden, die er 1957 verließ, aufs Engste verbunden. Der inzwischen 80 Jahre alte Guratzsch engagierte sich nach dem Fall der Mauer für einen an der Geschichte orientierten Wiederaufbau der Stadt, unter anderem mit der Frauenkirche als Herzstück.

Brücken haben von Anfang an das Schicksal Dresdens bestimmt. Schon die Ur-Brücke über den Elbstrom, von der niemand so genau weiß, wann sie wirklich errichtet wurde, ist für die Entstehung, die besondere Lage, die Rolle und die Prosperität der Stadt Dresden schicksalhaft gewesen. Wäre Dresden ohne diese Elbquerung überhaupt entstanden? Hätte die Stadt ohne das steinerne Monument jemals in den Rang einer Residenz- und Hauptstadt aufsteigen können? Auf allen Bildern Canalettos nimmt es einen zentralen Platz ein. An die Brücke knüpft sich die Fama, nach der August der Starke die Elbe mit prachtvollen Bauwerken wie einen Canal Grande hätte einrahmen wollen. Das Wissen um die Bedeutung dieses Brückenschlags war in Dresden so fest verankert, dass sich auch noch die Künstlervereinigung „Die Brücke“, mit der der rasante Siegeszug der Moderne in Dresden begann, zu König Friedrich Augusts III. Zeiten nach ihr benannte.

Petition für Standort am Diakonissenkrankenhaus

Aber ging es denn überhaupt jemals um ein jeden Kompromiss ausschließendes Ja oder Nein zur Waldschlößchenbrücke? Die Notwendigkeit eines Brückenschlags zwischen Blauem Wunder und Albertbrücke war ja schon in königlich-sächsischen Zeiten erkannt worden. Schon damals waren gleich zwei Standorte für ein solches Bauwerk präferiert worden: das Waldschlösschen oder, wesentlich stadtnäher, das Linckesche Bad beim Diakonissenkrankenhaus. Während aber der erste Standort aus landschaftsästhetischen Gründen noch vor dem Ersten Weltkrieg wieder verworfen worden war und die Elbwiesen deshalb unter Naturschutz gestellt wurden, ließen streitbare Bürger, darunter mein eigener Großvater, nicht davon ab, sich für den zweiten Standort einzusetzen und sammelten – damals ein stolzes Ergebnis! – 5000 Unterschriften für eine Petition an den Rat der Stadt. Es blieb ein Rohrkrepierer, der Erste Weltkrieg machte alle Pläne zunichte.

Die Nazis griffen sie wieder auf, nun wieder für das Waldschlösschen, und der SED-Staat knüpfte daran an. Dass dann ausgerechnet das wiedervereinigte Deutschland mit dem Brückenschlag Ernst machte und mit einem Volksentscheid den Bau der Brücke erzwang, ist eine der Ironien der Dresdner Geschichte. Und doch hätte dieses Votum die Stadt niemals den Welterbetitel kosten müssen. Denn anders als bei anderen Denkmalschutzkonflikten ging es hier ja nie um den Abriss oder die Verschandelung von kulturellen Monumenten, sondern um einen Neubau, von dem man hätte verlangen können, dass er sich schicklich in die Geschichte und die Landschaft der Stadt einfügt.

„Etwas schildkrötenhaft Geducktes“

Gerade diese Qualität ist dem plumpen Industriebauwerk aus dem Berliner Büro Eisenloffel + Sattler, Ingenieure - Kolb + Ripke, Architekten von Anfang an – und zwar selbst von Anhängern des Brückenschlages – abgesprochen worden. Selbst ein so zurückhaltender Kronzeuge wie der Dresdner Landesdenkmalpfleger Heinrich Magirius, Chefberater beim Wiederaufbau der Semperoper und der Frauenkirche, griff zu drastischen Vergleichen: „In ihrer Wirkung hat die Brücke etwas schildkrötenhaft Geducktes, was der Sanftheit der landschaftlichen Situation unangemessen erscheint. Der Ausdruck ‚monströs‘ dürfte die Gesamterscheinung sachgerecht beschreiben, insofern ein Monstrum eine naturwidrige Erscheinung, ein Ungetüm und Scheusal bezeichnet …“

Was der Tourismuschef sagt

Die Aberkennung des Unesco-Welterbetitels 2009 aufgrund des Baus der Waldschlößchenbrücke sei für Dresden bedauerlich, erklärte Jürgen Amann, Geschäftsführer der Dresden Marketing GmbH. „Unmittelbare Auswirkungen auf den Tourismus in der Landeshauptstadt können statistisch nicht belegt werden“, stellt er fest. Vielmehr habe Dresden ab 2009 ein deutliches Wachstum an Ankünften und Übernachtungen verzeichnen können, so der Geschäftsführer.

Die DMG begrüße die neue Initiative aus Dresden um den Unesco-Welterbe-Titel sehr. „Wir sind uns sicher, dass die Unesco-Bewerbung des Dresdner Fördervereins Weltkulturerbe Hellerau die Wahrnehmung und Weiterentwicklung der Gartenstadt Hellerau deutlich erhöht und den Facettenreichtum Dresdens insgesamt noch sichtbarer macht“, so Amann. Hellerau sei ein kulturgeschichtlich bedeutender Dresdner Stadtteil. Der Förderverein Weltkulturerbe Hellerau e.V. bemüht sich seit 2012 um den Welterbetitel für die Gartenstadt.

Tatsächlich hätte es in letzter Minute sogar zu einem Kompromiss kommen können, durch den der Stadt Dresden das Schlimmste erspart geblieben wäre. Ausgerechnet Volkwin Marg, Hamburger Architekt in einem der größten deutschen Architekturbüros und Vorsitzender der Jury für den Brückenschlag, war im Nachhinein umgeschwenkt und hatte seine Befürwortung des Bauwerks öffentlich bereut. Angesichts des Fundamentalstreites, der die Dresdner Öffentlichkeit spaltete und unendlichen Unfrieden stiftete, schlug er eine Tunnellösung vor. Und um die Ernsthaftigkeit seiner Umkehr zu unterstreichen, ließ er dafür von dem englischen Büro Arup, einer Ingenieurfirma von Weltruf, einen Lösungsvorschlag dafür erarbeiten – auf eigene Kosten! Eine einzigartige Sympathiebezeugung, wie sie kaum einer zweiten Stadt je zuteil geworden ist.

Konflikt artete zur Lokalposse aus

Aber der Konflikt artete zu einer Lokalposse, zu einem für Dresden leider nicht untypischen provinziellen politischen Machtkampf aus, in dem keine Seite klein bei geben wollte. Und so nahm das Verhängnis seinen schicksalhaften Lauf. Dresden verlor den unschätzbaren Titel und ging selbst noch der Sympathie der Bundesregierung verlustig, die zuletzt noch versichert hatte, finanzielle Folgeschäden eines Umsteuerns in der Brückenfrage auszugleichen.

Fotorückblick auf die Eröffnung der Brücke

Was ist wirklich zerstört worden? Nicht die prachtvolle Barockkulisse der Stadt, nicht ihr Ruf als eine der schönsten Städte Europas, nicht der Nimbus, dass sie aus der größten Katastrophe ihrer Geschichte wie ein Phoenix wieder auferstanden ist. Sondern „nur“ das, was keinem mehr auffällt, der das einstige Landschaftsbild nicht gekannt hat, nämlich das „Welterbe Dresdner Elbtal“ – ein Kleinod, das die UNESCO des Welterbetitels für würdig befunden und das der Dichter Heinrich von Kleist einst in einem berühmten Hymnus beschrieben hatte als „das herrliche Elbtal‟.

Nur die Alten wissen noch davon

„Es lag da wie ein Gemälde von Claude Lorrain unter meinen Füßen,‟ schreibt der Dichter, „es schien mir wie eine Landschaft auf einen Teppich gestickt, grüne Fluren, Dörfer, ein breiter Strom, der sich schnell wendet, Dresden zu küssen, und hat er es geküsst, schnell wieder flieht – und der prächtige Kranz von Bergen, der den Teppich wie eine Arabeskenborde umschließt – und der reine blaue italische Himmel, der über die ganze Gegend schwebte ...‟ Nicht dieses schwärmerische Landschaftsbild, sondern dass es sich über zwei Jahrhunderte völlig unverfälscht erhalten hatte, dass es der industriellen Revolution getrotzt, zwei Weltkriege überlebt, Brand und Tod, Mechanisierung und Maschinisierung ohne eine Scharte überstanden hatte und sich noch immer als ein Teppich geheiligter Landschaft bis in die Mitte einer europäischen Großstadt, bis an die Brühlschen Terrasse, erstreckte, das war das Wunder, das keine zweite Stadt mit Dresden teilte und das der Weltkulturorganisation den Titel wert war.

Heute, wo er futsch ist, wissen es nur noch die Alten.

Von Dankwart Guratzsch