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Lokales Skoliose-Gerät aus Dresden soll Kindern helfen
Dresden Lokales Skoliose-Gerät aus Dresden soll Kindern helfen
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11:27 25.01.2019
TU-Mitarbeiter Grzegorz Sliwinski demonstriert an einem Modell das Skoliose-Gerät. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Skoliose ist eine schleichende Krankheit, das macht sie tückisch. Selbst bei Ballerinas und Profi-Schwimmern wurde die krankhafte Verkrümmung der Wirbelsäule im Erwachsenenalter entdeckt. Dann ist es für viele Therapieverfahren meist schon zu spät. Denn die Krümmung und Drehung der Wirbelsäule entsteht bei Kindern in der Wachstumsphase und muss möglichst rasch erkannt und behandelt werden. Dazu gehören langwierige Einheiten beim Physiotherapeuten, Training zu Hause, eventuell ein Korsett und bei besonders schweren Verkrümmungen von mehr als 40 Grad auch oft eine aufwendige Operation an der Wirbelsäule.

Preis für die Entwicklung

Damit die Behandlung für Kinder und Jugendliche erträglicher wird, ihre Motivation selbst aktiv zu werden steigt und auch die Physiotherapeuten entlastet werden, hat das Forscherteam „REHAdigital“ um den Dresdner TU-Mitarbeiter Grzegorz Sliwinski und um Michael Werner vom Dresdner Fraunhofer-Instituts für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik ein kindgerechtes Therapiegerät entwickelt. Das wurde nun mit dem Otto-von-Guericke-Preis 2018 für industrielle Gemeinschaftsforschung ausgezeichnet.

„Skoliose-Therapiegeräte nach der FED-Methode sind weltweit im Einsatz“, sagt Sliwinski vom Institut für Biomedizinische Technik der TU Dresden. FED bedeutet „Fixation, Elongation und Derotation“, beschreibt also, mit welchen Techniken die Skoliose mithilfe des Geräts behandelt werden kann. In diesen herkömmlichen käfigartigen Geräten wird zunächst das Becken fixiert. Mit einer speziellen Weste wird anschließend die Wirbelsäule des Patienten gestreckt, um die Wirbel zu entspannen. Mit verschiedenen Reglern, kann der Therapeut dann leichten Druck auf verschiedene Teile des Rückens ausüben, um der Deformation der Wirbelsäule entgegen zu wirken.

Kinder brauchen mehrjährige Therapie

Der Vorteil für Patienten: sie müssen die Muskelkraft für die Begradigung nicht alleine aufbringen, sondern werden vom Gerät gestützt, können dadurch aktiver in der Therapiesitzung bleiben und spüren, wie sich eine gerade Wirbelsäule anfühlt. „Das Gerät soll auch die Arbeit der Physiotherapeuten entlasten, indem der Druck automatisch durch das Gerät aufgebaut wird und nicht allein durch die Hände des Therapeuten“, erklärt der 39-jährige Sliwinski. Doch für Kinder, die nach der Skoliose-Diagnose oftmals eine mehrmonatige bis zu einer mehrjährigen intensiven Behandlung brauchen, kann die Therapie sehr belastend sein.

Ein großes Gerät aus Metallstangen, eine feste Fixierung des Körpers und altersbedingt noch wenig Verständnis für die sich nur schleichend bemerkbar machende Krankheit: Hier setzt das neu entwickelte Gerät an. 2013 entstand die Idee, das Gerät zum einen baulich und designtechnisch zu verändern und damit ansprechender zu gestalten und zum anderen, mit speziellen Sensoren und telemedizinischen Anwendungen den Therapieerfolg zu verbessern. „Für einen Behandlungserfolg müssen die Kinder aktiv mitarbeiten“, sagt Sliwinski. Dafür brauchen die Kinder schon ausgeprägte kognitive Fähigkeiten, um ihre Muskeln und Bewegungen sehr genau koordinieren zu können.

Elektroden übertragen Signal in Computerspiel

Ärzte und Therapeuten können Elektroden auf die Muskeln der Kinder während der gerätegestützten Therapie kleben, und sehen so ob der kleine Patient aktiv mitarbeitet. Außerdem können die Signale der Elektroden genutzt werden, um in ein Computerspiel übertragen zu werden und dadurch die Motivation zu fördern. „Die Physiotherapie wird intensiviert“, sagt Sliwinski. Möglicherweise können einige Kinder mit Skoliose so davor bewahrt werden, ein Korsett tragen zu müssen. Doch noch ist die Dresdner Entwicklung in Deutschland nicht zu finden.

Anders in Spanien, wo die FED-Methode von Professor Santos Sastre entwickelt und in Polen, wo die Therapie verfeinert wurde. Jeweils rund 40 Geräte werden in den beiden Ländern genutzt. In einer spezialisierten Klinik in Zgorzelec behandelten Therapeuten bereits über 1000 Kinder mit Skoliose mit dem Gerät.

Bis zu zwei mal täglich nutzten die jungen Patienten das Hilfsmittel und hoben in anschließenden Befragungen besonders das Feedbacksystem hervor. Hier kann der Therapeut, auch über die Sensorik, erkennen, wenn die Behandlung für ein Kind beispielsweise zu lang ist und es dadurch an Motivation verliert. In Dresden hat bis jetzt eine Physiotherapie-Praxis Interesse an der gerätegestützten Skoliosetherapie nach der FED-Methode bekundet. Interesse gibt es auch in Berlin.

Kamera überprüft Übungen zuhause

Zum gerätegestütztem Therapiekonzept gehört auch eine Kamera, die die Kinder zu Hause bei ihren Übungen nutzen können. Die Kamera gibt Hinweise, wenn Übungen falsch ausgeführt werden und hilft dem Arzt zu überwachen, ob die Patienten ihren Therapieplan einhalten.

„Es gibt bereits Interesse von Seiten der Industrie“, sagt Sliwinski. Der Markt ist groß: Zwischen drei und fünf Prozent der Deutschen leiden bewusst oder unbewusst an Skoliose. Unbehandelt kann dies zu chronischen Rückenschmerzen führen oder Herz und Lunge im Brustkorb beeinträchtigen.

Von Tomke Giedigkeit

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