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Lokales Simone Walter trotzt ihrer Behinderung – und begeistert Kinder mit ihren Geschichten
Dresden Lokales Simone Walter trotzt ihrer Behinderung – und begeistert Kinder mit ihren Geschichten
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07:24 21.12.2018
Autorin Simone Walter und der Held ihrer Bücher Teddy Mischka nach einer Lesung mit Pepe, Eleni und Nele. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

Simone Walter hat Pflegestufe fünf, denn sie ist von Geburt an spastisch gelähmt. Zwanzig Stunden am Tag braucht sie die Unterstützung eines ihrer zehn Assistenten, acht Stunden nachts und mehrere Stunden am Tag wird ihre Atmung von einer Maschine unterstützt, die ihr Sauerstoff zuführt. Diese Verschlechterung brachte ihr eine beidseitige Lungenentzündung vor einigen Jahren ein. Für duschen, anziehen und Frühstück benötigt sie mit Hilfe gut zwei Stunden.

All das hält die 53-jährige aber nicht davon ab, ein lebensfroher Mensch zu sein und sich als Autorin von Kinderbüchern zu betätigen: „Mein Wunsch ist es, dass Menschen in ähnlicher Lage an meinem Beispiel Mut finden. Es ist nicht leicht, aber ich kann etwas Sinnvolles erreichen. Ich kann ein selbstbestimmtes Leben führen und mutig Neues in meinem Leben versuchen,“ sagt sie selbstbewusst.

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Der eine Finger

Ihr Körper gehorcht ihr nicht. Sie hat keine Gewalt über ihre Gliedmaßen. Sie konnte nie laufen. Ihr rechter Arm ist an ihrem Rücken festgeschnallt, sonst würde er unkontrolliert hin- und her schleudern. Glück im Unglück: sie kann einen Finger ihrer linken Hand benutzen. Und dieser Finger ist es, der ihr ein Stück Lebensqualität gibt. Mit Hilfe eines Joysticks kann sie ihren Elektrorollstuhl bedienen, die Seiten eines Buches beim Lesen umblättern, Handy und Fernbedienungen betätigen, auf der Computertastatur tippen.

Geduldige Autorin

So schreibt sie ihre Bücher, mit dem Ein-Finger-Adler-Suchsystem, langsam, aber stetig entstand ein Band mit Erzählungen für Erwachsene und ihre beiden Kinderbücher mit den Abenteuern von Kathleen und Batari, dem Mädchen aus Mali, das so ganz anders ist, so schokoladenbraun und kein Deutsch spricht. In Kathleen findet sie eine Freundin, die ihr die Sprache und das Leben in Deutschland nahebringt. Anders sein, das ist das Thema von Simone Walter. Auch sie ist anders und kann doch etwas bewegen. Bei Lesungen mit ihren Büchern, die für Erstlesekinder in der 1. bis 3. Klasse gedacht sind, kann sie Eltern, Lehrern und Kindern davon berichten, wie es sich mit einer schweren Behinderung lebt und wie man Menschen, die „anders sind“ mit ins Leben hineinnimmt. Einladungen in Schulen oder Büchereien nimmt sie gerne an. Die Gespräche führt sie selbst, die Lesung übernimmt eine begabte Vorleserin, die sie zu den Terminen begleitet.

Ein steiniger Weg

Ihr Leben war nicht immer so. Entgegen dem Wunsch ihrer Eltern trifft sie mit 18 die Entscheidung in eine Einrichtung auf eine Station mit anderen jungen Rollstuhlfahrern umzuzeiehn. Lange ringt sie mit dem Medizinischen Dienst um einen elektrischen Rollstuhl. Mit ihrer Spastik sei es zu gefährlich, das Gefährt selbst zu steuern, hieß ist. Aber sie blieb hartnäckig und schließlich bekam sie ihn, und damit die Freiheit, sich selbstständig zu bewegen. Diese Freiheit macht ihr Mut, sich nun auch um eine eigene Wohnung zu bemühen. Auch diesen Schritt schafft sie. Simone Walter ist Arbeitgeberin. Ihre elf Angestellten sind in Teilzeit oder als Minijober bei ihr beschäftigt, sie führt alle Gespräche und Geschäfte selbst.

Erstaunlich gelassen

„Ich habe noch nie mit meinem Schicksal gehadert, denn ich kenne es gar nicht anders,“ berichtet sie, obwohl ihr Körper die selbstverständlichsten Dinge nicht tun kann. Häufige Arzt- und Physiotermine, Krankenhausaufenthalte und die Tatsache, dass sie sich schon bei Wind und Nässe eine schwere Infektion holen kann, sitzt sie stoisch aus. Vor zwei Jahren hat sie sich taufen lassen und einer Gemeinde angeschlossen. Der Glaube gibt ihr zusätzlich Kraft. Hier hat sie Freunde gefunden, ein Gesprächskreis trifft sich in ihrer Wohnung. Einfach hat sie es trotzdem nicht. Manchmal fällt der Fahrstuhl aus, dann ist sie in ihrer Wohnung gefangen. Vier Stunden am Abend ist sie mit ihrem Kater allein in der Wohnung. Wenn er zu ihr auf den Schoß springt, reißt er oft die Fernbedienung herunter oder das Buch, indem sie gerade liest. Allein wieder aufheben kann sie es nicht. „Das ist eben so, da muss man dann halt durch“, sagt sie gelassen.

Von Claudia Atts

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