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Lokales Sieben Tage ohne Smartphone: DNN-Volontärin macht den Selbsttest
Dresden Lokales Sieben Tage ohne Smartphone: DNN-Volontärin macht den Selbsttest
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20:24 22.01.2020
Die Vorfreude auf eine Woche digitaler Entgiftung hat sich bei Volontärin Laura Catoni sichtbar in Grenzen gehalten. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Es ist Sonnabend, der 4. Januar, 12.02 Uhr. Während der Rest der Welt gerade einen Instagram-Filter über sein Mittagessen zieht, starre ich in die Leere meines Handy-Bildschirms. Der Januar ist der Monat der guten Vorsätze. Rauchentzug, Alkoholverzicht und Heilfasten? Alles Schnee von gestern. Digital Detox heißt der neueste Trend!

Und so begab auch ich mich für eine Woche in die digitale Entgiftung, fernab von Insta-Stories, Gruppenchats und Online-Dating. Ein Bericht eines Digital Natives im Exil.

Tag 1:

12.05 Uhr: Habe mich soeben von meinen Freunden auf Whatsapp und Co. verabschiedet. „Bin vorerst nur via SMS und Anruf erreichbar!“ verschickte ich etwa zehnmal. Dem Rest sagte ich nicht Bescheid.

14 Uhr: Bin mit meinem Bruder auf dem Flohmarkt. Dafür mussten wir uns über SMS verabreden. Hat geklappt, fühlte sich aber komisch an. Kein Foto von meinem Bruder, kein Foto von mir. Keine blauen Häkchen, keine Sprachnachrichten, keine Emojis. Simsen fühlt sich seltsam anonym an.

14.30 Uhr: Die Freundin meines Bruders fragt mich, wie sich der Digital Detox, die digitale Entgiftung, anfühle. Leer, sage ich, als ich auf mein Handy-Display schaue, auf dem abgesehen von der Uhrzeit nichts zu sehen ist. Das tue ich beinahe notorisch alle halbe Stunde. Bildschirm an. Bildschirm aus.

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Tag 2:

10 Uhr: Aufwachen. Kaffeekochen. Handy an. Keine Nachrichten. Es ist Sonntag – der Tag, an dem der Digital Native am anfälligsten für Langeweile und Einsamkeitsgefühle ist. Umso mehr lungert er dann in Chats, auf Instagram und Tinder herum. Doch ich muss zur Arbeit, Rückfallgefahr gebannt. Wann fährt eigentlich die nächste Bahn? Ich suche meine DVB-App – gelöscht.

Ich laufe auf gut Glück los. Die Bahn kommt in der Sekunde zu der ich an der Haltestelle ankomme. Krass, das ist bestimmt ein Zeichen, denke ich. Nie wieder online! Dennoch starre ich im Büro alle 30 Minuten auf mein Handy.

Tag 3:

11 Uhr: Ich schreibe Simon, mit dem ich letzten Freitag ein Bier trinken war. Ich frage ihn, wann wir uns wieder sehen. Via SMS. Er antwortet nicht. Und ich bin gefangen in Ohnmacht. Hat er es schon gelesen? Wann war er das letzte Mal online? Ob er wohl schon wieder bei Tinder aktiv ist, um nach anderen zu schauen? Fragen über Fragen.

18.30 Uhr. Simon hat nicht geantwortet. Doch der Frust darüber wird nach wenigen Minuten von einem Gefühl der Panik abgelöst. Denn ich suche am Weißen Hirsch ein Meditationszentrum. Ohne Google Maps. Ohne Orientierungsvermögen. Doch als ich mich schon eine halbe Stunde zu spät kommen sehe, tauchen im Dunkeln meine Retter in Not auf: Straßenschilder. Lange nicht gesehen!

22 Uhr: Als ich das Meditationszentrum verlasse, frage ich mich, ob sich meine Nackenmuskulatur seit Tag 1 verändert hat, da ich seitdem so viel häufiger geradeaus statt nach unten auf mein Handy schaue. Und wie es wohl um meinen rechten Daumen steht? Doch da kommt schon die Bahn. Wartezeit: Zehn Minuten. Das Maximum in sieben Tagen Digital Detox.

Tipps für die digitale Entgiftung

Wer seine Zeit am Smartphone reduzieren will, dem empfiehlt Mediensucht-Experte André Dobrig folgende Tricks:

– eigenes Nutzungsverhalten beobachten und gegebenenfalls einschränken, steuern, beispielsweise durch Apps wie „YourHour“

– Apps auf Sinn und Nützlichkeit hin prüfen, Überflüssiges löschen

– unnötige Nachrichtenfunktionen deaktivieren

– Smartphone-freie Zeiten einplanen (beispielsweise beim Mittagessen, beim Treffen mit Freunden)

Smartphone im Rucksack statt in der Hosentasche aufbewahren (um den Griff zum Handy bei Langeweile oder Wartezeiten zu verhindern

– Handy-Wecker durch klassischen Wecker ersetzen

Smartphone außerhalb des Schlafzimmers aufbewahren

Tag 4:

8.30 Uhr: Simon hat nicht geantwortet. Wut macht sich breit. Einer dieser Momente, in denen ich für gewöhnlich wie aus dem Affekt mehreren Freundinnen in Sprachnachrichten und mittels Screenshots von Chatverläufen erzähle, was das schon wieder für ein Arschloch ist. Nun muss ich ohne deren wohltuende Nachrichten à la „Scheiß drauf. Du bist toll!“ auskommen. Trotzdem schaue ich alle zehn Minuten auf mein Handy. Wie in einen leeren Kühlschrank. Immer wieder. Auf, zu, an, aus. Was ist da los? Warum tue ich das?

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André Dobrig vom Fachverband für Medienabhängigkeit erklärt: Das routinierte Starren aufs Handy sei zunächst einmal eine Gewohnheit, ein erlernter Automatismus, der unbewusst ablaufe. Es sei aber möglich, dass hinter dem ständigen Blick aufs Handy auch die Angst liege, etwas zu verpassen. Dobrig spricht von der sogenannten Fomo (fear of missing out). Und ich fühle mich ertappt. Aber ist das schon ein Zeichen von Smartphone-Sucht? „Jein“, heißt es. Es spiele vor allem eine Rolle, wie es einem gehe, wenn die erhofften Inhalte oder Neuigkeiten auf dem Handy ausblieben. Nervosität, Enttäuschung, Deprimiertheit – all das können Alarmsignale sein.

Tag 5:

10 Uhr: Heute ist der 8. Januar. Ich glaube, meine Menstruation steht bevor. Sicher bin ich mir nicht. Wäre ich doch bloß online. Dann könnte ich meine Zyklus-App fragen. Im gleichen Zug könnte ich meine Banking-App fragen, ob ich schon im Minus bin. Ob ich diese Woche wohl eine wichtige Überweisung tätigen muss?

In diesem Moment würde ich gerne ein Selfie von mir auf Instagram posten. Mit fragendem Blick und den Hashtags: #digital detox #menstruation und #online-banking. Für so einen Post opfere ich für gewöhnlich 20 Minuten meiner Lebenszeit, bis Foto, Filter, Untertitel und Hashtags passen. Wie viele Stunden das wohl auf ein Jahr gerechnet sind? Und plötzlich wird mir klar: Seit fünf Tagen habe ich keine Ahnung, was meine Freunde und Follower auf Instagram so treiben. Und es fühlt sich gut an – als würde man sein Hirn entrümpeln.

Tag 6:

7.15 Uhr: Ich hing die ganze Nacht über der Kloschüssel. Ob die Currysuppe im Karstadt gestern schlecht war? Ob das die ersten körperlichen Symptome des digitalen Entzugs sind? Oder ein Magengeschwür? Hätte ich jetzt Internet, könnte ich Dr. Google fragen. Stattdessen sitze ich im Wartezimmer meines Hausarztes und muss mich bis zu seiner Diagnose gedulden. Die da lautet: Magen-Darm-Virus, zwei Tage krank geschrieben.

10.35 Uhr: Zurück in meiner Wohnung begebe ich mich auf mein Sofa und starte den Serienmarathon. Netflix ohne Handy in der Hand – eine Premiere! Kein Multitasking, kein Zurückspulen, weil ich die Hälfte der Folge durchs Handyglotzen schon wieder verpasst habe. Herrlich!

20.10 Uhr: Ich liege in meinem Bett und lese – kein Facebook, kein Instagram und auch keine Chatverläufe von 2017, sondern ein Buch! Premiere Nummer zwei: Ich betreibe Schlafhygiene, unterlasse also alles, was das Einschlafen erschwert – zum Beispiel auf den blau leuchtenden Handymonitor starren. Etwas, wovon ich bislang nur träumte.

Positive Effekte des Digital Detox

Eine bewusste Reduzierung des Smartphone-Konsums kann laut Mediensucht-Experte André Dobrig eine Vielzahl positiver Folgen haben:

– reduziertes Stresserleben

– erhöhte Konzentration, gegebenenfalls schnelleres Erledigen von Aufgaben aufgrund von fehlenden Unterbrechungen durch die Smartphone-Nutzung

– erhöhte Fähigkeit, den Moment zu genießen, im Hier und Jetzt zu sein und die eigenen Gefühle wahrzunehmen

– Verbesserung des Schlaferlebens und der Schlafqualität

– Vorbeugung körperlicher Fehlhaltungen, beispielsweise im Nacken

– intensivere, reale soziale Kontakte

– erhöhte innere Zufriedenheit

Tag 7:

8.10 Uhr: Zehn entgangene Anrufe. Später erfahre ich, dass meine beste Freundin am Abend zuvor am Durchdrehen war. „Ich war mir sicher, du liegst tot in deiner Wohnung!“, schreit sie mich an. Es habe sie verrückt gemacht, dass ich nicht rangegangen bin. (Ich schlief). „Früher konnte ich zumindest an deinem Online-Status ablesen, dass du noch lebst!“

Außerdem hätte eine Bekannte sie bei Whatsapp gefragt, ob sie weiß, was bei mir los sei, ob es mir gut gehe. Warum hat sie mich nicht einfach angerufen, frage ich zurück. „Naja anrufen ist halt komisch“, sagt meine beste Freundin. Dabei ist Anrufen der Wahnsinn, wie ich die letzten sieben Tage merkte. Dinge lassen sich so schnell klären, wenn man miteinander spricht!

Tag 8:

10 Uhr: Noch zwei Stunden bis es zurück in die Online-Welt geht. Zeit, Bilanz zu ziehen. War mein Leben ohne Apps komplizierter? Abgesehen vom Online-Banking, nein. Wie ist Kommunikation ohne Internet? Simsen etwas anonym, anrufen dafür schnell und unkompliziert. Wie ist das Leben ohne soziale Netzwerke? Manchmal etwas einsam, dafür ruhiger. Und vor allem: Zeitsparend.

12 Uhr: Es geht zurück in die Online-Welt. Mediensucht-Experte André Dobrig sagte mir, es sei hilfreich, Apps nach Sinn und Nützlichkeit zu bewerten und Überflüssiges zu löschen. Facebook, Instagram und Tinder hole ich mir nicht zurück. Whatsapp schon – viel zu groß ist die Neugier auf die ganzen Nachrichten, die ich die letzten sieben Tage erhalten habe. Sicher hat mich die halbe Welt vermisst!

12.10 Uhr: Ungelesene Nachrichten: zwei. Enttäuschung: maximal.

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Von Laura Catoni

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