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Lokales Selbstausbeutung: Warum ein Landesgesetz in Dresdner Kitas Probleme macht
Dresden Lokales Selbstausbeutung: Warum ein Landesgesetz in Dresdner Kitas Probleme macht
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07:23 31.05.2019
Andreas Warschau leitet die Kita Koboldland des Omse e.V. in Dresden-Klotzsche. Die Anerkennung von Vor- und Nachbereitungszeiten für Kita-Mitarbeiter durch den Freistaat ist für ihn nur ein erster Schritt. Quelle: DNN
Dresden

Andreas Warschau ist die Begeisterung für seinen Job in einer Dresdner Kindertagesstätte deutlich anzumerken: „Wenn Not am Mann ist, bin ich auch in den Kindergruppen, was da zurück kommt von den Kindern, das ist die Butter auf dem Brot.“ Seit 2012 leitet er die Kita „Koboldland“, den Kindergarten des Omse e.V. auf der Klotzscher Hauptstraße 26 in Dresden. Meist hat er sich in seinem Amt aber mit anderen Dingen herumzuschlagen.

75 Millionen vom Freistaat

VZÄ, mpT, SächsKitaG – die Zettel mit denen Warschau schwenkt, haben es in sich. Sie sind der Versuch, eine Neuregelung des Landes umzusetzen, die vom 1. Juni an gültig ist. Mit der Neuregelung im Sächsischen Kindertagesstätten-Gesetz (SächsKitaG) werden jedem Erzieher in Kinderkrippe oder Kindergarten pro Woche zwei Stunden für Vor- und Nachbereitungszeit bezahlt. In einer Umfrage hatten sich Kita-Leiter und -Mitarbeiter sowie die Eltern der betreuten Kinder dafür ausgesprochen, auf diese Weise die frühkindliche Bildung zu verbessern. 75 Millionen Euro will der Freistaat für diesen Schritt ausgeben.

„Wir begrüßen diesen Schritt natürlich“, erklärt Warschau. Dann kommt das große Aber: „Er hätte jedoch schon vor vielen Jahren getan werden müssen und er reicht nicht aus.“

Da kann sich Warschau mit Matthias Mitzscherlich einig sehen. Er ist Diözesan-Caritasdirektor im Bistum Dresden-Meißen und Liga-Vorsitzender, also der Chef der Verbände der Freien Wohlfahrtspflege in SachsenArbeiterwohlfahrt, Caritas, Deutsche Rote Kreuz, Diakonische Werk, paritätischer Wohlfahrtsverband und Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden.

„Die Maßnahme greift zu kurz“

Der Freistaat bringe für die Kitas eine „deutliche Verbesserung“. Die Anerkennung der mittelbaren pädagogischen Arbeit (mpA) sei ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Bildungsarbeit. „Aus Sicht der Liga greift die Maßnahme jedoch noch zu kurz.“ Um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden, müssten die nicht direkt mit der Kinderbetreuung zusammenhängende Arbeiten „in einem Umfang von vier Stunden pro Woche für jede pädagogische Fachkraft anzuerkennen“.

Kita-Leiter Andreas Warschau wünscht sich einen besseren Personalschlüssel für die Kindertagesstätten. Quelle: DNN

Die Tätigkeiten, die nicht im direkten Kontakt mit dem Kind stattfinden, „leisten wir natürlich schon immer und sie erschöpfen sich bei weitem nicht in den Vorbereitungszeiten für das ein oder andere Angebot oder mal ein Elterngespräch. Nur seien diese Zeiten bislang von der Kinderbetreuung abgeknapst worden – „und wir werden das teilweise auch weiterhin so handhaben müssen“. Elternabende, Entwicklungsgespräche, Dienstberatungen, Präsentation des Arbeitgebers in der Öffentlichkeit listet Warschau als mpA auf. Und: „Die Mitarbeiter neigen dabei zur Selbstausbeutung.“ In Warschaus Kita arbeitet von den 18 pädagogischen Fachkräften keine einzige die möglichen vollen 40 Stunden. Der Beschäftigungsumfang liege zwischen 25 und 37 Stunden.

„Ungleichbehandlung beenden“

Da setzt sich die Kritik der Liga und des Kita-Leiters fort. Bis zur Arbeitszeit von 33 Stunden gibt es eine bezahlte Zusatzstunde, ab 34 Stunden sind es zwei. „Wir würden uns wünschen, dass diese Ungleichbehandlung in den Teams beendet wird und alle die gleiche Zeit bekommen“, stellt Warschau fest.

Doch das Problem ist noch komplizierter. Der unterschiedliche Betreuungsschlüssel in Krippe und Kindergarten, die Anzahl der mit den Eltern vereinbarten Betreuungsstunden, die Anzahl der Vorschulkinder und noch mehr Faktoren fließen in die Arbeitszeitberechnungen ein, die Warschau als Kita-Leiter anstellen muss. Der Aufwand für die mittelbare pädagogische Tätigkeit komme noch hinzu. Insgesamt bekomme er durch die Neuregelung 0,73 VZÄ mehr – das ist praktisch eine Dreiviertel Stelle, es entspricht etwa 30 Stunden. Das ominöse „VZÄ“ steht für „Vollzeitäquivalent“ und 40 Stunden Arbeit.

Warschau hat Glück. Er kann dafür eine eingearbeitete Elternzeitvertretung nun dauerhaft einstellen. Dann wird es im Kita-Alltag eine „Springerin“ geben, die einspringt, wenn andere Kollegen und Kolleginnen für Vor- oder Nachbereitungsarbeiten aus der Gruppenarbeit herausgelöst werden müssen.

Keine Fachkraft für acht Stunden zu bekommen

Kleinere Einrichtung hätten jedoch ein größeres Problem. Bei weniger Mitarbeitern bringen die Zusatzgelder des Freistaat weniger Zusatzzeit. Eine Kita mit 50 Kindern und vier Stellen komme auf zusätzlich 0,2 VZÄ, also acht Stunden. Warschau: „Ich kann aber keine Fachkraft für nur acht Stunden einstellen.“

Damit liegt ein weiteres Problem auf dem Tisch. Beim Freistaat hatte offenbar die Annahme bestanden, die verkürzt arbeitenden Erzieher würden einfach ihre Arbeitszeit aufstocken und flugs wären die ein oder zwei Stunden untergebracht. Doch weit gefehlt. „Der Plan, bisher in der Freizeit Geleistetes künftig als Arbeitszeit anzuerkennen – und damit keine zusätzlichen Fachkräfte zu benötigen – geht offensichtlich nicht flächendeckend auf“, stellt Susanne Jetter, die Abteilungsleiterin Kindertagesbetreuung beim Diakonischen Werk – Stadtmission Dresden fest. Von den 160 Mitarbeitern in ihrem Verbund von 14 Kitas in Dresden und Umgebung seien nur 10 Prozent bereit, ihre Arbeitszeit zu erhöhen und niemand zu einer Erhöhung auf 100 Prozent, also 40 Stunden. Bei anderen Trägern sei das ähnlich.

Wenig Interesse an Vollzeitjob

Die Erzieher wollten Zeit für die eigene Familie, größere Priorität für die Freizeit oder sie betrachteten den Erzieherjob unter den derzeitigen Bedingungen „zu anstrengend für eine 40-Stunden-Woche“. Angesichts eines erheblichen Fachkräftemangels kann sich kaum ein Träger erlauben, darüber hinweg zu sehen. Warschau kennt Beispiele, wo Kita-Träger die Eltern schon bitten müssen, die Betreuungszeiten ihrer Kinder zu verkürzen, damit das Personal noch reicht.

Landesweit sorgt die Anerkennung der Vor- und Nachbereitung „für einen Mehrbedarf von mehr als 1300 Erziehern in Vollzeit“, rechnet auch Mischa Woitscheck, Geschäftsführer des sächsischen Städte- und Gemeindetags vor. „Die Situation auf dem ohnehin angespannten Arbeitsmarkt wird damit weiter verschärft.“ Ein Großteil der jährlich rund 2000 Fachschulabsolventen wird in diesem Jahr folglich für die Umsetzung der Neuregelung benötigt.

Kommunen fordern mehr Flexibilität

Bei der Gewinnung von Fachkräften für Kitas müsse es daher mehr Flexibilität geben. Dies betreffe den Umgang mit dem Personalschlüssel bei kurzfristigen und zeitlich befristeten Personalengpässen ebenso wie die Anerkennung von Abschlüssen und Berufserfahrungen aus anderen Bundesländern. Woitscheck: „Auf jeden Fall muss vermieden werden, dass wegen fehlendem Personal Betreuungszeiten eingeschränkt oder Kinder abgewiesen werden müssen.“

Für den Leiter der Kita Koboldland gibt es langfristig nur eine Lösung. Der Personalschlüssel muss sich weiter verbessern. Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt bekanntlich einen Schlüssel von einem Erzieher für drei Kinder in Krippen und einem Erzieher für rechnerisch 7,5 Kinder in Kindergärten. Das würde auch Warschau begrüßen. „Das ist aber auch teuer“, ist für Liga-Chef Mitzscherlich klar.

Von Ingolf Pleil

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