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14:11 29.12.2017
Wenn es hart auf hart kommt, muss der Disponent in der Leitstelle auch einmal stereo-telefonieren.  Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

 „Hinsetzen, Notruf – so ist das noch heute“, sagt Wolfgang Pohl und lacht. Der Disponent in der Leitzentrale der Dresdner Verkehrszentrale (DVB) hat sich seit den 1980er Jahren unter den Straßenbahn- und Busfahrern einen krachenden Ruf erworben. Als einer, der die Katastrophen anzieht, wie böse Zungen meinen. Und als einer, der sie mit klaren Entscheidungen und deutlichen Ansagen meistert, wie es sich wohlmeinender formulieren lässt. Am Freitag hat er nach 35 Jahren Dienst in der Leitstelle seinen letzten Arbeitstag.

„So lange hat es hier keiner ausgehalten“, sagt der 63-Jährige. „Da braucht man schon ein sonniges Gemüt und muss ab und zu mal Kopfschmerzen aushalten.“ Wobei es ab und an auch Mal was zu lachen gab. Pohl fällt darauf angesprochen gleich ein Stichwort ein: „Heckmotor.“ Ein Straßenbahnfahrer hatte sich in den Mangelwirtschaftszeiten der DDR der 1980er Jahre einen Skoda MB 1000 besorgt. Mit Heckmotor – und das war für diesen Kollegen offenbar das entscheidende Detail. „Heckmotor, ich habe jetzt einen Heckmotor“, singsangte der Tramfahrer fröhlich während der Fahrt vor sich hin. Was er nicht wusste: Weil die Sprechtaste am Funkgerät im Führerstand klemmte, hörten Pohl und seine Kollegen in der damaligen Dispatcherzentrale im DVB-Hochhaus am Albertplatz mit. „Heckmotor“, „Heckmotor“, „Heckmotor“ tönte es dort aus dem Funkgerät, das durch den unablässigen Singsang des Straßenbahnfahrers blockiert war. „Wenn das so weiter gegangen wäre, wären wir den ganzen Tag nicht arbeitsfähig gewesen“, sagt Pohl.

Wenn es hart auf hart kommt, muss der Disponent in der Leitstelle auch einmal stereo-telefonieren. Quelle: Dietrich Flechtner

Der spitzte damals die Ohren. Heute können die Disponenten jederzeit auf einer Bildschirmanzeige ablesen, wo ein bestimmtes Linienfahrzeug unterwegs ist, damals gab es solche ausgeklügelte Überwachungstechnik nicht. „Ich habe versucht, anhand markanter Stellen und von Haltestellenabständen herauszubekommen, wo die betreffende Straßenbahn unterwegs war“, sagt Pohl. Als die Tatra über die Kreuzung an der Schauburg schepperte, war er sich sicher: Es ist eine 7 in Richtung Albertplatz. „Also bin ich schnell heruntergerannt und habe den Fahrer an der dortigen Haltestelle gefragt: Was ist denn nun mit Deinem Heckmotor? Dem war das peinlich. Darüber haben wir noch tagelang gefeixt.“

Eine andere Geschichte, die im Kollegenkreis gerne mal wieder herausgekramt wird, handelt von einer jungen und tierlieben Straßenbahnfahrerin. Am damaligen Endhaltepunkt der Linie 4 in Übigau brachte sie es nicht über das Herz, das jämmerliche Klagen eines Kätzchens zu überhören, das aus einem Gebüsch herübertönte. Sie holte das Tierchen in den Fahrerstand. Dort verschwand der durch die Fahrgeräusche eingeschüchterte Stubentiger alsbald durch eine Öffnung unter den Pedalen und versteckte sich in der Verkleidung. Durch kein Wort ließ sich das Kätzchen wieder hervorlocken. Weil die Straßenbahnfahrerin, die heute noch für die DVB unterwegs ist, sich anschließend nicht mehr getraute, das Gaspedal durchzutreten, häuften sich die Verspätungsminuten an. Mit 17 Minuten Verspätung wurde im Straßenbahnhof Tolkewitz die Tram getauscht. Nach Schichtende konnte die junge Frau das inzwischen befreite Felltier in Empfang nehmen.

An viele andere Noteinsätze denkt Pohl im Gegensatz dazu nicht so gern zurück. Vor allem solche, bei denen Menschen zu Schaden gekommen sind. „Bei Personenschaden ist es immer das wichtigste, den Fahrer in der Bahn zu halten, während sich die Kollegen im Hintergrund um Notarzt und Umleitung kümmern. Nicht das der aussteigt und unter die Bahn blickt. Diese Bilder verfolgen ihn sonst ein Leben lang“, sagt Pohl. Die Lehren bitterer Erfahrungen, die auch mit einem langem Arbeitsleben bei den DVB einhergehen.

Das hat am 1. September 1971 begonnen. Pohl lernte Elektrofahrzeugschlosser und ließ sich anschließend zur Verkehrspolizei abkommandieren, um der ungeliebten Wehrpflichtzeit bei der Nationalen Volksarmee zu entgehen. Ein Schlupfloch. „Es hieß damals, wer zehn Jahre bei den bewaffneten Diensten macht, wird verschont. Ich sagte unter der Bedingung zu, dass ich zur Verkehrspolizei komme.“ Pohl verteilte Stempelchen und lotste als graue Maus den Verkehr über den Schillerplatz. Nach acht Jahren war es mit der „schönen Zeit“ bei der Truppe vorbei, wie er sagt. Die Eltern seiner damaligen Frau waren nach Westdeutschland geflohen, wovon nach einiger Zeit auch die Behörden Wind bekamen. „Ich sollte mich von meiner Frau trennen und das tat ich nicht“, sagt Pohl. Er kehrte zu den DVB zurück und kam ohne die damals übliche Dienstzeit im Außeneinsatz als Dispatcher in die Zentrale. Da habe es schon neidische Blicke gegeben, die sich nach den ersten bestandenen Bewährungsproben aber so langsam legten. Damals erarbeitete sich Pohl seinen Ruf.

Was war der schwierigste Einsatz? „Das Hochwasser 2002“, sagt Pohl. Die Verkehrsbetriebe hatte die Flut vor 15 Jahren genauso wie den Rest der Stadt völlig unvorbereitet getroffen. „Da gab es ständig Änderungen im Liniennetz. Alle hatten viel zu tun und keiner hat so genau auf die Arbeitszeit gesehen“, erinnert sich Pohl. Die damals gemachten Erfahrungen waren dann beim Junihochwasser 2013 eine Hilfe.

„Ich hatte ein bewegtes Leben“, sagt Pohl. Dazu gehören auch drei Ehefrauen und fünf Kinder, alles Mädchen. Leider bleiben auch Schicksalsschläge nicht aus. Die dritte Frau, eine beliebte Betriebsrätin bei den DVB, verstarb viel zu jung an einem Krebsleiden. Seit August 2016 hat Pohl eine neue Partnerin. Auch sie arbeitet bei den Verkehrsbetrieben, im Betriebshof Gorbitz. Eine noch erfreulichere Gemeinsamkeit ist jedoch, dass auch sie in den Ruhestand geht. „Wir gehen gemeinsam“, sagt Pohl über seine Aussichten. Den Notruf gibt es dann maximal noch im Fernsehen.

Von Uwe Hofmann

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