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Lokales Warum eine Dresdner Gastronomin so schwer Mitarbeiter findet
Dresden Lokales Warum eine Dresdner Gastronomin so schwer Mitarbeiter findet
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15:07 02.04.2019
Ina Guiffrida ist Restaurant-Inhaberin in Dresden. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

Ina Giuffrida hat der endlose Kampf zermürbt. „Wenn es so weiter geht, muss ich dicht machen“, sagt die Chefin des „Delizia“. Seit acht Jahren betreibt sie mit ihrem aus Sizilien stammenden Mann Vito das italienische Restaurant an der Bautzner Landstraße auf dem Weißen Hirsch. Doch jetzt wird die Lage immer ernster. Sie findet kaum noch Mitarbeiter.

Neun Beschäftigte hat sie im Geschäft, mehrere kommen aus Afghanistan, Pakistan, Ägypten oder Indien. Doch die Unsicherheit ist groß. In kurzen Abständen müssen ihre Leute bei der Ausländerbehörde vorsprechen und um ihren weiteren Aufenthalt in Deutschland bangen. Giuffrida kann das nicht verstehen: „Die arbeiten doch, sie integrieren sich, wir integrieren sie jeden Tag, was sollen sie denn sonst noch machen“, erzählt die 39-jährige Geschäftsfrau nach einem Fachgespräch der grünen Stadtratsfraktion mit Unternehmern sowie Vertretern der Kammern und von Flüchtlingsprojekten.

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Spielräume besser nutzen

„Die Ausländerbehörde sollte vorhandene Spielräume nutzen“, forderte die Fraktionschefin der Grünen, Christiane Filius-Jehne, im Anschluss an das Fachgespräch vor der Presse. Dresden sollten sich als attraktiver Standort für die Zuwanderung von Arbeitskräften präsentieren. „Die ständigen Meldungen bei der Ausländerbehörde sorgen für Unsicherheit bei den Arbeitgebern und Arbeitnehmern“, ergänzte Tina Siebeneicher (Grüne).

Das Thema ist vielschichtig. Geht es um Arbeitskräfte aus EU-Ländern, aus osteuropäischen Nicht-EU-Ländern oder Menschen aus der weiten Welt? Geht es um Fachkräfte oder Hilfsarbeiter? Was ist mit der Anerkennung von Abschlüssen?

Bei Flüchtlingen liegen die Hürden meist bei der beruflichen Vorbildung und bei den Sprachkenntnissen, stellt Manuela Salewski, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Handwerkskammer Dresden fest. Vom Fachkräftezuwanderungsgesetz, das die Bundesregierung demnächst vorlegen will, erwarte die Wirtschaft den Abbau von Bürokratie. Betroffen seien alle Branche.

Dehoga-Chef: Oft „Migration ins Geld“

Das meint auch Rolf-Dieter Sauer, Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga in Dresden. „Mit Flüchtlingen lösen wir unser Arbeitskräfteproblem nicht“, fügt er hinzu. Da gebe es oft eine „Migration ins Geld“.

„Ohne meine Flüchtlinge könnten wir nicht weitermachen“, bekräftigt Ina Giuffrida, die das Problem auch in Pflege und Handwerk auf das Land zukommen sieht. Deutsche Bewerber würde sie nicht mehr finden. Sie zahle mehr als Mindestlohn, dazu Weihnachtsgeld und Prämien. Sonntags und montags sei nun schon geschlossen, mit 8,5 Stunden pro Tag habe sie durchaus „familienfreundliche Arbeitszeiten“.

Die Arbeitsmoral habe sich aber deutlich verschlechtert in den letzten Jahren, jeder will nur noch studieren oder „Influenzer“ werden. Mit den Internet-Aufsteigern haben ihre Mitarbeiter nichts zu tun. „Sie sind fleißig, höflich und pünktlich.“ Sie bringe ihnen Sprache und Arbeitsweise bei. Erwachsene Menschen mit Familie könne man jedoch nicht über längere Zeit mit 600 oder 700 Euro Ausbildungsgeld abspeisen. „Warum sind hier keine Crashkurse möglich?“, fragt sich Giuffrida, die auch nicht verstehen kann, warum jemand trotz Ausbildungsverhältnis Deutschland verlassen soll. Als weiteres Standbein will sie ab 28. April den Tennisplatz an der Kurparkstraße betreiben. Das „Delizia Bistro Platz 11“ sei auch eine Reaktion auf die Unsicherheit im Restaurant-Bereich.

Hürden unternehmerfeindlich

„Die hohen Hürden stehen im Widerspruch zu den Unternehmensinteressen“, fasst es Torsten Schulze (Grüne) zusammen. Jürgen Bönninger, Geschäftsführer der FSD Fahrzeugsystemdaten GmbH pflichtet ihm bei. „Die Einwanderungsvorschriften sind arbeitgeber- und arbeitnehmerunfreundlich, der Arbeitsmarkt entscheide doch wer hier gebraucht wird.“ Das reiche vom Akademiker bis zum Hilfsarbeiter. „Wer ausbildet, will auch übernehmen“, meint Michael Kobel, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Ausbildung und Arbeit im ehrenamtlichen Verein „Willkommen in Löbtau“, der sich für ein tolerantes und respektvolles Miteinander zwischen „neuen und alteingesessenen Löbtauern“ einsetzt.

Die Grünen wollen die Erkenntnisse des Fachgesprächs in konkrete Anträge im Stadtrat umsetzen und diese auch nach der Wahl Ende Mai verfolgen. Dazu gehöre, dass die Behörden der Stadt ihre Ermessensspielräume weiter auslegen. Denkbar sei auch ein Mentoring-Programm für Frauen, um sie stärker in Arbeit zu bringen. Filius-Jehne: „Wenn wir Intergrationshauptstadt werden wollen, wie OB Dirk Hilbert das angekündigt hat, dann müssen wir mehr tun.“

Von Ingolf Pleil