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Lokales Wie eine Dresdner Ärztin beinahe in Verdacht geriet, einen Patienten getötet zu haben
Dresden Lokales Wie eine Dresdner Ärztin beinahe in Verdacht geriet, einen Patienten getötet zu haben
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07:49 02.11.2018
Annett Göhler praktiziert seit vielen Jahren erfolgreich in der Dresdner Neustadt. Doch manche Fälle treiben auch der erfahrenen Ärztin den Schweiß auf die Stirn. Quelle: Anja Schneider
Dresden

„Tod in der Praxis“ – so könnte einer von unzähligen Fließbandkrimis im deutschen Fernsehen übertitelt sein. Die Erwartung: Ein Arzt liegt gemeuchelt an seinem Arbeitsplatz, die Ermittler fahnden nach Patienten oder deren Angehörigen, die Grund für einen Mord hatten. So einen Plot hinterfragt heute niemand mehr. Warum?

Der Fall, wie ihn Dr. Annett Göhler schildert, passt gut zu dieser Frage. „Im Jahr 2011 war ein Mann mit Beschwerden an der Halswirbelsäule zu mir in die Praxis gekommen. Sein Hausarzt hatte ihn an einen Schmerztherapeuten überwiesen, und ich war offenbar empfohlen worden“ erinnert sich die Medizinerin aus der Dresdner Neustadt. Sie ist nicht nur Fachärztin für Allgemeinmedizin und Physikalische Therapie, sondern sie hat sich auf Schmerzpatienten spezialisiert und sich in Asien tief in die Kunst der Akupunktur eingearbeitet.

Der Zusammenbruch

Der 70-Jährige nahm im Wartezimmer Platz, das an diesem Tag durch unvorhergesehene Fälle ungewöhnlich voll war. „Ich hatte wahnsinnig viel zu tun“, entsinnt sich Dr. Göhler. „Der Patient war als nächster dran, und wir wollten ihn schon mal etwas vom Warten erlösen. Also bat ich ihn, in einen freien Raum genau gegenüber zu gehen. Dort standen eigentlich Sportgeräte, aber eben auch eine Liege“.

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Dann passierte es: Der Mann erhob sich, ging die drei Schritte über den Flur und brach auf der Schwelle zu dem Raum zusammen. 15 Menschen im Wartezimmer rissen erschrocken die Augen auf, Praxispersonal und Ärzte eilten herbei. „Wir haben sofort mit der Wiederbelebung begonnen – Herzdruckmassage, Sauerstoff. Und wir konnten ihn tatsächlich zurückholen“, erzählt Annett Göhler. „Wir trugen ihn auf eine Liege, der Notarzt war alarmiert, und als die Rettungssanitäter eintrafen, scherzte der Mann schon wieder.“

Als das Notfallteam sich schon zu fragen begann, warum es überhaupt angerückt war und den Mann bat, sich aufzusetzen, sackte der wieder bewusstlos zusammen. „Dann ging es mit Tatü-Tata ins Krankenhaus, und am Ende stellte sich heraus, dass er am Hals einen Gefäßverschluss hatte“, berichtet die Ärztin. Der 70-Jährige wurde gerettet. Und kam später zur Behandlung seiner Halswirbelsäule wieder.

Was wäre gewesen, wenn...

Doch dass sich die niedergelassene Ärztin so sehr an ausgerechnet diesen Fall erinnert, hat nicht nur mit der fachkundigen und sicher auch glücklichen Rettung des Patienten zu tun. Was ihn so besonders macht, ist der Ablauf, ist das Was-wäre-Wenn.

„Einen Augenblick später hätte ich die Tür zugemacht und weitere Augenblicke später auch Hand angelegt. Oft habe ich mir vorgestellt, was gewesen wäre, wenn der Mann nicht vor aller Augen umgesunken wäre, sondern erst später, wenn ich mit ihm allein gewesen wäre. Hätte nicht jeder zumindest in Erwägung gezogen, dass das mit meiner Untersuchung oder meiner Behandlung zu tun hatte? Auch ich hätte ja einen Fehler nicht ausgeschlossen“, sagt die Ärztin noch heute bewegt. „Nach der Rettung habe ich wirklich innig meinem Schutzengel gedankt, dass mir so eine Selbsterschütterung erspart geblieben ist!“ Vom beschädigten Image nicht zu reden.

Freispruch vor der Anklage

15 Augenzeugen im Wartezimmer haben sie, folgt man der Logik von Fernsehkrimis, entlastet. Freispruch vor der Anklage. Doch was, um auf die Eingangssequenz zurückzukommen, hätten die 15 Zeugen wohl zu Protokoll gegeben, wenn die Tür schon zu gewesen wäre?

Sicher, wer zu Dr. Göhler geht, hat in der Regel gute Erfahrungen oder ist einer Empfehlung gefolgt. Doch wie weit trägt solches Vertrauen in Zeiten, in denen zwischen Ärzten und Kranken ein Gesundheitssystem wuchert, das Misstrauen sät, Quantität vor Qualität setzt und durch immer undurchsichtigere Regeln Verdrossenheit zementiert? Erscheint Heilung heute nicht eher als triviales Ineinandergreifen von Geld und Funktion, bei dem Empathie lästiges Beiwerk und das Risiko gefälligst winzig zu sein hat? Nähe, Vertrauen, Zuwendung – das sind im ökonomiegetriebenen Gesundheitsräderwerk trotz aller Sonntagsreden nur Fälle fürs Kleingedruckte.

Aber in der gelebten Praxis brauchen und wollen die Menschen Vertrauen. Wie Dr. Göhler bringen die meisten Ärzte zu Erfahrung und Fachwissen ein imponierendes Maß an Empathie in die Behandlung ein, auch wenn die Kassen die Apparatemedizin klar favorisieren.

Und nicht vom Tisch zu wischen ist: Die Mediziner sind sich bewusst, dass sie bei jeder therapeutischen Entscheidung auch ein hohes Risiko eingehen. Für den Kranken, der vor ihnen sitzt, und für ihre eigene Existenz, sagt Annett Göhler.

Tod in der Praxis? Kann passieren. Billige Klischees helfen niemandem.

Von Barbara Stock

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