Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Wie wird Dresden schöner, als es jemals war?
Dresden Lokales Wie wird Dresden schöner, als es jemals war?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:46 22.03.2019
Der Siegerentwurf des Wettbewerbsverfahrens sieht Neubauten am Neustädter Markt und eine schmale Große Meißner Straße vor.t Quelle: © BERND ALBERS Gesellschaft von Architekten GmbH, Berlin mit Prof. Günther Vogt, Landschaftsarchitekt in Berlin/Zürich
Anzeige
Dresden

Die Sitzgelegenheiten sind brutal unbequem. Doch wer eine dieser Holzkisten ergattert hat, kann sich noch glücklich schätzen. Viele Besucher müssen stehen. Das tun sie auch artig und lauschen bis zum Ende vier gelehrten Herren, die sich auf dem Podium über Städtebau unterhalten. Willkommen in Dresden! Hier wird eine mit „Städtebauliches Quartett“ überschriebene Podiumsdiskussion zum Publikumsrenner. Das Zentrum für Baukultur Sachsen im Kulturpalast platzte aus allen Nähten in dieser Woche bei der Veranstaltung des Geschäftsbereichs Stadtentwicklung und Bau der Stadtverwaltung und der Sächsischen Akademie der Künste.

„Kontext versus Collage“ lautete das Thema der Debatte, die sich schnell auf eine Frage zuspitzte: Wie sollen das Königsufer und der Neustädter Markt einmal aussehen? „Schöner, als sie jemals waren“, wie der Darmstädter Architekt und Professor Wolfgang Lorch in die Runde warf. Lorch hat die Entwürfe für die Neue Synagoge geliefert und bedauert den Verlust von Zeitschichten in Dresden. Am Neumarkt etwa sei nur noch wenig von dem sichtbar, was am 13. und 14. Februar 1945 gewesen ist, findet er.

Anzeige

Keine Spielwiese wie am Neumarkt

Für Thomas Will, Professor für Denkmalpflege und Entwerfen an der TU Dresden, bieten Königsufer und Neustädter Markt nicht das städtebauliche Potenzial wie der Neustädter Markt. „Dort gab es ein freies Spielfeld für die kritische Rekonstruktion des Stadtgrundrisses. Das gibt es auf der Neustädter Seite nicht. Da ist eine städtebauliche Setzung vorhanden.“

Gegenüber der Brühlschen Terrasse wünsche er sich nicht den großen Wurf, so Will. „Den hat es dort nie gegeben. Jedes einzelne Gebäude dort war im Grunde ein ganz banales Stadthaus.“ Wo nichts an großartiger Architektur gewesen sei, bedürfe es einer robusten Kante zum Grünraum am Königsufer, findet der Wahl-Dresdner, der aus München stammt und der Kurzbesucher nicht zum Neumarkt führt, wenn er ihnen Dresden zeigt.

Dresden ist Stadt in der Landschaft

„Ich unternehme mit meinen Gästen einen Spaziergang von Blasewitz bis Übigau, damit sie ein Gefühl für die Stadt bekommen“, bekannte Will. Denn das sei es, was Dresden ausmache – die Stadt in der Landschaft. „München ist Schotterebene. Aber Dresden lebt von der Einbettung in die Landschaft.“ Das sollte sich am Königsufer widerspiegeln mit einer Architektur, die nicht in Konkurrenz trete zu den Prachtbauten der Altstadt. Wobei die Nutzung durchaus über Art der Architektur mitbestimme, so Will. Auf Wohnen solle die Stadt an dieser Stelle nicht verzichten.

Wohnen wird schwierig wegen dem Lärm

Wohnen sei schwierig in einem Umfeld, das von Konzerten zu den Filmnächten am Elbufer oder dem Ski-Weltcup geprägt sei, erklärte Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Bündnis 90/Die Grünen). „An den Lärmschutzbestimmungen kommen wir nicht vorbei.“ Moderator Jörn Walter, als langjähriger Leiter des Dresdner Stadtplanungsamtes ein Glücksfall für die Debatte, erklärte trocken: „Auf der Reeperbahn ist jeden Tag Party und trotzdem bauen wir dort Wohnungen.“ Walter gestaltet jetzt die Freie Hansestadt Hamburg, bewegt sich aber leichtfüßig durch die oft mit Konflikten behafteten Dresdner Problematiken.

Man warne schon die Bauträger, nicht jeden Preis für Grundstücke am Königsufer zu zahlen, erklärte Schmidt-Lamontain – die Architektur werde hier auch noch eine Stange Geld kosten, weil zwar nicht Extravagantes, aber Hochwertiges gefragt sei.

Warten auf vernünftige Verkehrsachse

Und der Neustädter Markt, den Lorch als ziemliche Durststrecke mit geringer Aufenthaltsqualität empfindet? Warten, bis die Zeit reif ist, empfahl Will unter großem Applaus der Zuhörer. Das Raumkonzept sei zu DDR-Zeiten mit hohem Aufwand entwickelt und gestaltet worden. „Die Straße der Befreiung ist eine große Leistung der DDR“, bestätigte Walter.

Jetzt Gebäude in den Neustädter Markt zu stellen und Zeitschichten aufzulösen, sei kein Städtebau, mahnte Will. Erst müsse der Verkehr auf ein vernünftiges Maß gedrosselt werden, ehe man über die städtebauliche Figur des Neustädter Marktes diskutieren sollte. „Bis dahin sollten wir entspannt sagen: Das kommt jetzt sowieso erst mal nicht“, empfahl er unter dem Applaus des Publikums.

Schmidt-Lamontain sagte, dass das Problem Dresdens in der Tat die vielen Autos in der Stadt seien. „Die Menschen wollen durch Stadträume mit Grün und Schaufenstern bummeln und keine überdimensionierten Straßen haben.“ Werde der Verkehr auf der Großen Meißner Straße reduziert, dann verlagere er sich auf andere Straßen. „Wir müssen die Debatte über vernünftige Verkehrswege führen. Aber Dresden ist nicht gut darin, Straßen auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren.“ Es gebe politische Mehrheiten, die er zur Kenntnis zu nehmen habe, so Schmidt-Lamontain.

„Die Europäische Stadt in Neuen Quartieren“ ist der Titel der zweiten Runde am 28. März um 18 Uhr im Zentrum für Baukultur. Dabei geht es um das Leitbild für die neuen Stadtteile von Kaditz-Mickten bis zur Pirnaischen Vorstadt. Auf dem Podium diskutieren der Leipziger Architekturkritiker Arnold Bartetzky, der Münchner Architekt Thomas Knerer und Stefan Szuggat, Leiter des Stadtplanungsamtes Dresden. Es moderiert wieder Stadtgestalter Walter.

Von Thomas Baumann-Hartwig