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Lokales Pyrolyse-Reaktoren aus Dresden verflüssigen Plastikmüll aus dem Meer zu Diesel
Dresden Lokales Pyrolyse-Reaktoren aus Dresden verflüssigen Plastikmüll aus dem Meer zu Diesel
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15:12 12.06.2019
Plastikmüll liegt am Strand von Ko Sih Chang, einer Insel im Golf von Thailand. Quelle: dpa/Christoph Sator
Dresden

Wer in Vietnam, Malaysia oder Indonesien Badeurlaub gemacht hat, wird sie gesehen haben: Schier unendliche Strände, weißer Sand, tiefblaue Wogen und all dies drapiert mit – Plastemüll. Lange Bandwürmer aus abgeschwemmten Büchsendeckeln, Folienbeuteln, PET-Flaschen und anderen Zivilisationsresten, die die Natur kaum abzubauen vermag.

Unterbrochen sind diese Mülldünen meist nur in Höhe von Hotels, die eigene Abfallsammler anheuern, um die werten Badegäste nicht zu beunruhigen. Schuld am Plastedesaster an Ufern und auf Halden im Hinterland sind aber nicht allein achtlose Einheimische, sondern auch Industrieländer wie Deutschland, die ihre Abfallberge exportieren – vorzugsweise schön weit weg, nach Asien oder Afrika.

Auch der deutsche Internetunternehmer Oliver Riedel war bei einem Asienabstecher schockiert über diesen Anblick. „Das muss doch technologisch lösbar sein“, dachte er sich – und erinnerte sich an die Pyrolyse: Ein eigentlich altbekanntes Verfahren, mit dem die Menschen schon vor Jahrtausenden zum Beispiel Pech gewannen.

Bei 400 Grad verflüssigen sich die langen Moleküle

Dabei werden Abfälle mit organischen Resten nicht verbrannt, sondern bei hohen Temperaturen aufgespalten, verflüssigt oder vergast und getrennt. Drei Jahre später entstand aus dieser Idee die „Biofabrik“. Diese 20 Köpfe umfassende Firmen-Gruppe beschäftigt sich seither in Dresden-Rossendorf und Hoyerswerda damit, vermeintlich unverwertbare Abfälle in Wertstoffe zu verwandeln – und dies sogar gewinnbringend. So erzählt man sich zumindest in der Firma die Gründungsgeschichte der Fabrik.

Quelle: Dietrich Flechtner

Die Ingenieure aus Dresden-Rossendorf haben nun ihre selbstentwickelten Pyrolyse-Reaktoren mit modernen Sensoren und Steuerelektronik so aufgepeppt, dass sie ganze Berge aus Plastikmüll abtragen und in Kraftstoffe verwandeln kann. Verwertbar werden damit auch sehr durchnässte, vermischte und verdreckte Abfälle, an denen klassische Sortieranlagen scheitern. Die Anlage zerhäckselt zunächst die Kunststoff-Gemische, erhitzt sie dann in Pyrolyse-Reaktoren auf etwa 400 Grad. Dabei zerfallen die langen Plaste-Molekülketten in kurze organische Moleküle. Sie verflüssigen sich dann zu Schiffsdiesel, Wachs und weiteren organischen Stoffen.

Acht lange Jahre hat die Entwicklung gedauert, bis diese Pyrolyse-Container funktionierten. Finanziert hat sich das Unternehmen derweil aus den Kapitalspritzen des Gründers und der Anteilseigner sowie über die Einnahmen anderer Tochterfirmen. Die bieten bereits heute ähnliche, aber einfacher beherrschbare Umwelt-Technologien an. Die Anlagen dieser Biofabrik-Töchter bereiten zum Beispiel Grasabfälle aus der Landwirtschaft auf oder reinigen verschmutzten Altdiesel aus Heiztanks. Damit verdiene das Unternehmen sein Geld, erklärt Feige. Aber im Zentrum des Geschäftsmodells habe immer die Idee gestanden, eine Verwertungstechnologie für die Plastemüllhalden dieser Welt zu finden – und zwar eine, die profitabel und ökologisch gleichermaßen ist.

Erste 300-Kilo-Fuhre Müll zu Diesel gemacht

Die ersten 300 Kilogramm von schwimmendem Plastemüll hat die Biofabrik-Tochter „WASTX Plastic“ nun in ihrer Rossendorfer Prototypen-Anlage in Kraftstoff verwandelt. Den Müll dafür hatte die Umweltorganisation „One Earth One Ocean“ zuvor aus den Weltmeeren und Flussmündungen gefischt.

„Unsere Vision ist, diese Technologie in die Entwicklungs- und Schwellenländer zu bringen, in denen der meiste Plastemüll landet“, sagt Fabrik-Sprecher Tim Feige. „Bisher durchwühlen dort sogenannte Handpicker die Halden händisch, liefern ihre Fundstücke ab und verdienen so etwa 60 Cent am Tag. Wir wollen dagegen gemeinsam mit Nicht-Regierungs-Organisationen die Container an solche Orte stellen. Sie machen dann aus der Plaste Kraftstoff, der am besten gleich noch dezentral die Stromversorgung im Dorf sichert. Und für die Handpicker soll dies einen deutlich höheren Verdienst sichern.“

„Wollen auf eine Tonne pro Tag kommen“

Bis sie ihre „Aus Plastemüll mach Diesel“-Container weltweit aufstellen können, müssen die Sachsen allerdings noch einige technologische und logistische Probleme lösen: Gerade erst haben sie einen ersten Prototypen-Container in Manufaktur-Bauweise zum Laufen gebracht, der beweist: Ihr Pyrolyse-Ansatz funktioniert und produziert zu konkurrenzfähigen Preisen verwertbaren Diesel, Wachs und Heizgase. Nur zwei bis drei Prozent der eingesetzten Plasteabfälle bleiben als nutzloser Müll übrig. „Die Anlage schafft im Moment 250 Kilo Plastemüll am Tag“, berichtet Sprecher Feige. „Wir wollen auf eine Tonne pro Tag kommen, damit sich das richtig lohnt.“

Zudem möchten die Ingenieure die Container mit Zusatzmodulen ergänzen. So bringen sie die Pyrolyse-Reaktoren im Moment noch mit von außen zugeführtem Strom auf die richtige Betriebstemperatur. In Zukunft soll ein integrierter Gasmotor das – bisher noch abgefackelte – Heizgas aus dem Prozess nutzen, um den Eigenenergiebedarf der Anlage zu decken. Auch wollen die Ingenieure die Container mit Mini-Raffinerien ausstatten, die aus dem Kraftstoffgemisch gleich vor Ort den Diesel aufbereiten. Der muss so sauer sein, dass sich damit Stromgeneratoren und Schiffsantriebe antreiben lassen. Dann könnten solche Container zum Beispiel auch für ei­ne autarke Kraftstoff-Eigenversorgung auf jenen Schiffen sorgen, die Umweltorganisationen über die Meere schicken, um Plastemüll einzusammeln.

Plastemüll-Strand in Südvietnam. Quelle: Heiko Weckbrodt

Wahlweise soll es die Container auch mit eingebauten Generatoren für Dörfer geben, die keinen Anschluss ans Stromnetz haben. Zudem müssen die Dresdner zunächst eine richtige Serienproduktion ankurbeln, damit die Produktionskosten sinken. Diese Aufgabe hat die Biofabrik an einen Auftragsfertiger aus Straßgräbchen bei Hoyerswerda weiterdelegiert.

„Und wir suchen noch nach Organisationen, mit denen wir diese Technologie dorthin bringen können, wo sie gebraucht wird: Zu den Müllhalden in den Entwicklungs- und Schwellenländern“, sagt Tim Feige. Am liebsten wäre dem Team ein Partner, der sich auch mit Aufforstung beschäftigt. „Denn damit die Umweltbilanz stimmt, wollen wir für all den Diesel, den wir aus Plastemüll erzeugen, auch Bäume pflanzen.“

Stichwort Plastemüll

400 000 bis 13 Millionen Tonnen Plastemüll gelangen laut unterschiedlichen Schätzungen jedes Jahr in die Weltmeere.

100 bis 150 Millionen Tonnen befinden sich offenbar bereits in den Ozeanen.

Im Jahr 2050 könnte sich bereits mehr Plastemüll als Fische in den Meeren befinden, gemessen an der Masse, prognostiziert die „Ellen MacArthur“-Stiftung.

Probleme sehen Umweltaktivisten und Meeresforscher mehrere aus dem Plastemüll erwachsen: Verschmutzung, Zerfall zu Mikroplaste-Partikeln mit Durchmessern unter einem Mikrometer, Verwechselung mit Futter durch Fische, Methan-Freisetzung durch Strahlungseinflüsse.

Hauptherkunftsländer für die Müllhalden im Binnenland sind die westlichen Industrieländer, während für den schwimmenden Müll wahrscheinlich vor allem China, Indonesien, Vietnam, die Philippinen, Indien und einige afrikanische Staaten verantwortlich sind.

Quellen: Alfred-Wegener-Institut, Umweltbundesamt, Ellen MacArthur“-Stiftung, UNEP

Von Heiko Weckbrodt

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