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Lokales Politischer Widerstand in der DDR: Zeitzeuge Werner Gumpel berichtet Schülern
Dresden Lokales Politischer Widerstand in der DDR: Zeitzeuge Werner Gumpel berichtet Schülern
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08:15 08.03.2018
Werner Gumpel war von 1950 bis 1955 politischer Gefangener in einem russischen Arbeitslager.  Heute kämpft der 87-Jährige um Aufklärung, berichtet als Zeitzeuge an Schulen und setzt sich für demokratische Werte ein.
Werner Gumpel war von 1950 bis 1955 politischer Gefangener in einem russischen Arbeitslager. Heute kämpft der 87-Jährige um Aufklärung, berichtet als Zeitzeuge an Schulen und setzt sich für demokratische Werte ein. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Seit 63 Jahren lebt Werner Gumpel wieder auf freiem Fuß, aber wenn er erzählt, klingt es so, als wäre alles erst gestern geschehen. Der Anfang ähnelt der Geschichte der Weißen Rose: Als Journalistik-Student verteilte der damals 19-jährige DDR-Bürger aus Annaberg-Buchholz Flugblätter, die sich an politisch Andersdenkende richteten.

Zuvor hatte man ihn vergebens überzeugen wollen, der SED beizutreten und bei Stalin-Filmen mitzuklatschen. „Ein Fischer erkennt den anderen schon aus der Ferne“, zitierte Gumpel ein altes Sprichwort. „Man hat an der Sprache gemerkt, wes Geistes Kind jemand ist“ – und so versuchte er 1950 mit den verteilten Schriften, Gleichgesinnte zu erreichen.

Das Urteil: Zwei mal 25 Jahre Zwangsarbeit

Nach kurzer Zeit wurde er in Leipzig verhaftet. Was danach geschah, berichtete er am Montag ausführlich in der Aula des Hans-Erlwein-Gymnasiums. „Wir durften weder einen Anwalt noch den Haftbefehl sehen und waren den ganzen Tag alleine“, erzählte der mittlerweile 87-Jährige, der auch einige Monate in Untersuchungshaft auf der Bautzner Straße einsaß. Beim Prozess wurde er wegen antisozialistischer Propaganda, terroristischer Unterstützung und Spionage zu zweimal 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

Sein Kommilitone Herbert Belter, Initiator der Verteilungsaktion, wurde zum Tode verurteilt und erschossen. „Herbert war ein tapferer Bursche“, erklärte Gumpel und betrauerte den Tod seines Freundes. Auch 39 Studenten der TU Dresden, 94 aus Leipzig und 109 der Uni Jena wurden verurteilt und einige von ihnen exekutiert. „Heutzutage würde niemand mehr an diese Menschen denken, wenn sich nicht Einrichtungen wie die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) für die Aufklärung der Vergangenheit einsetzen würden“, ist Gumpel überzeugt. Die KAS sorgte auch dafür, dass er am Gymnasium über seine Erfahrungen sprechen konnte.

Fünf quälende Jahre im russischen Arbeitslage

Nach seinem Urteil wurde er in das russische Arbeitslager Workuta überführt. Dort mussten die politisch Gefangenen neun Tage durcharbeiten, durften sich nur alle 10 Tage waschen und erhielten nur etwas Brot, Brei und Kohlsuppe zu Essen. Die Leute hätten ständig nach Wasser geschrien und mit Wanzen zu kämpfen gehabt. „Es hat unglaublich gestunken in den Schlafkabinen, aber man nahm das irgendwann nicht mehr wahr.“

Gerade im Sommer breiteten sich durch die unhygienischen Zustände gefährliche Krankheiten aus, allen voran Hepatitis, an der auch der Zeitzeuge erkrankte. „Bis heute ist meine Leber deshalb geschädigt, denn in Gefangenschaft haben wir nur Kalziumspritzen zur Behandlung erhalten.“ Auch Tuberkulose (TBC) war im russischen Arbeitslager auf dem Vormarsch. Nach der Diagnose einer offenen TBC-Erkrankung dachte Werner Gumpel: „Das ist mein Todesurteil.“

Ein anderer Arzt klärte jedoch die Fehldiagnose und gab ihm Verhaltensanweisungen, um einer Ansteckung zu entgehen. „Es waren die kleinen Dinge, mit denen man überleben konnte, wenn man sich mit den richtigen Leuten verstanden hat.“

Fünf quälend lange Jahre musste er in Workuta durchhalten, ehe der damalige BRD-Bundeskanzler Konrad Adenauer mit der Sowjetunion verhandelte und dadurch 7000 deutsche Kriegsgefangene befreien konnte.

Pädagogisches Lernziel erreicht

Während seiner Zwangsarbeit gab Werner Gumpel die Natur in der Tundra-Zone viel Kraft: „Die Nordlichter sind unvergesslich – Es ist, als ob der Himmel in bunten Farben brennt“, erzählte er. Oft beobachtete er die Lemminge, Rentiere oder Polareulen. „Das hat mich bei all der Tristesse positiv gestimmt.“ Aber auch der Gedanke an seine Familie hielt ihn am Leben: „Es war entsetzlich sich auszumalen, dass niemand wüsste, was aus dir geworden ist, wenn du verreckst.“ Im Oktober 1955 wurde er zurück in die DDR überführt und floh kurz nach seiner Ankunft in den Westen.

Das Schicksal von Werner Gumpel berührte die etwa 100 Schüler im Hans-Erlwein-Gymnasium sichtlich. Nachdem die Elftklässler der Geschichte- und Deutsch-Leistungskurse gespannt zugehört hatten, stellten sie interessierte und anteilnehmende Fragen. Wie er sich wieder in die deutsche Gesellschaft eingegliedert habe, ob er seitdem noch einmal nach Russland zurückgekehrt sei oder was ihm in dieser schweren Zeit Hoffnung vermittelt habe, wollten die Jugendlichen etwa wissen.

Das pädagogische Lernziel scheint zu fruchten. „Wir wollen unseren Schülern den Unterrichtsstoff einfach lebhaft nahe bringen. Und wer könnte das besser, als jemand, der es selber durchgemacht hat“, erklärte die Rektorin der Schule, Renate Kühnel.

Von Katharina Jakob