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Lokales Pfarrer Paul Richter aus Wilsdruff starb 1942 in Dachau
Dresden Lokales Pfarrer Paul Richter aus Wilsdruff starb 1942 in Dachau
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07:05 20.07.2019
Historische Aufnahme von Pfarrer Paul Richter. Quelle: Repro: Geschichtsverein Kaitz
Dresden

Einem Menschen in seinem Leid beizustehen – ausgerechnet das sollte Paul Richter zum Verhängnis werden. Es ist der 28. August 1941, als der 47-jährige Vater von vier Kindern, seit 1928 evangelischer Pfarrer in Wilsdruff, an der Wohnungstür einer Frau klingelt. Sie hat kurz zuvor erfahren, ihr Mann, Lehrer von Beruf, sei als Hauptmann an der Front in Frankreich ums Leben gekommen. Doch „gefallen“ im Kampf ist er nicht. Er hat sich selbst erschossen, weil er sich schuldig fühlte am Tod eines seiner Soldaten.

Den Nazis ein Dorn im Auge

Diese unheldischen Umstände machen das seelsorgerliche Gespräch zur heiklen Mission. Was der Theologe im Einzelnen äußert, ist nicht überliefert. Nur so viel, dass die verzweifelte Witwe ihn missverstanden haben muss. Jedenfalls soll sie sofort zum Bürgermeister gelaufen sein, ihm voller Empörung alles erzählt haben und unverzüglich aus der Kirche ausgetreten sein.

Den überzeugten Nationalsozialisten in der Kleinstadt ist Pfarrer Richter seit langem ein Dorn im Auge. Als Anhänger der Bekennenden Kirche und Mitglied im Pfarrernotbund hat er sich seit 1933 den Versuchen der Deutschen Christen widersetzt, den lutherischen Glauben der nationalsozialistischen Ideologie anzupassen. Er sprach sich offen gegen Rassenhass, blinden Gehorsam und unfehlbares „Führertum“ aus. Dafür bestrafte ihn die sächsische Landeskirche, damals von dem deutschchristlichen Landesbischof Friedrich Coch geleitet, mit Predigtverbot und Zwangsbeurlaubung.

Im November 1941 wird er verhaftet. Die Ermittler in Dresden werfen ihm „Beleidigung einer Offizierswitwe“ vor; er sei „der Front in den Rücken gefallen“ und habe „den Abwehrwillen der Heimat geschwächt“.

Sein Schicksal ist Marita Prenzel seit ihrer Jugend bekannt. Sie ist die Tochter von Schmiedemeister Manfred Däberitz, der seine Werkstatt an der Possendorfer Straße in Dresden-Kaitz hat, in dem Gebäude, das ihr Großvater Paul Däberitz 1926 gekauft hat.

Nebenan, Franzweg 12, steht das Haus, in dem Paul Richter als ältestes von drei Kindern des Stellmachermeisters Johann Nathanael Richter geboren wurde. 1894 ist das gewesen.

Marita Prenzel vom Geschichtsverein vor dem Haus Franzweg 12 in Dresden-Kaitz. Hier wurde Pfarrer Paul Richter 1894 geboren. Quelle: Tomas Gärtner

Zweieinhalb Jahre lang hat Marita Prenzel das Leben des Pfarrers erforscht. Zu seinem 125. Geburtstag am 21. Juli werden wesentliche Einzelheiten in einer Ausstellung im Paul-Richter-Haus, Kaitzer Weinberg 16, präsentiert.

Gestaltet hat die Schau Peter Wagner. Wie Marita Prenzel gehört er zum aktiven Kern des 2004 gegründeten Geschichtsvereins Kaitz, der an mehreren Stellen in dem 1921 eingemeindeten Stadtteil Erinnerungstafeln und Gedenksteine für historische Ereignisse angebracht hat. Zusammen mit der Kirchgemeinde Leubnitz-Neuostra und der am Postplatz entstehenden Gedenkstätte Busmannkapelle erinnern sie an einen Pfarrer, der als evangelischer Märtyrer gilt.

Von Klage keine Spur

Nach mehreren Monaten Haft in Dresden wird Paul Richter am 2. März 1942 ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Dort bekommt er die Häftlingsnummer 29614. Untergebracht ist er im sogenannten Pfarrerblock, gemeinsam mit 20 evangelischen und etwa 100 katholischen Geistlichen. Unter denen befindet sich auch Hermann Scheipers (1913-2016), von 1952 bis 1960 katholischer Kaplan und Pfarrer in Wilsdruff.

Paul Richter stirbt 1942, geschwächt Quelle: Repro: Geschichtsverein Kaitz

Paul Richters Augen, so erinnert sich Scheipers, hätten „geistige Lebendigkeit und ungebrochenen Mut“ verraten. Geschwächt durch harte Zwangsarbeit, Unterernährung und Kälte, erkrankt Paul Richter an Hungertyphus. Am 13. August 1942 stirbt er.

In der Ausstellung zu sehen sind neben seinem ersten Grabstein, einer Bibel mit Widmung für seine Schwester, dem einzigen Tondokument mit seiner Stimme und zahlreichen Fotos auch zwei Briefe. In einem davon, geschrieben reichlich drei Wochen vor seinem Tod, berichtet er davon, wie er Französisch lernt und gibt jedem seiner vier Kinder ermunternde Worte für ihr Leben mit. Von Klage keine Spur.

Grabstätte auf den Friedhof Leubnitz-Neuostra

„Er war ein Familienmensch“, sagt Marita Prenzel. „Außerdem handwerklich geschickt, nie einseitig vergeistigt.“ Davon zeuge jenes etwa fünf Meter großes Eichenholzkreuz, das er 1937 eigenhändig zimmerte und an der Wand der Kreuzkapelle auf dem Wilsdruffer Hauptfriedhof anbringen ließ.

Im letzten Gespräch mit seiner Frau Johanna (1895-1967), Tochter eines Kantors aus Bad Elster, kurz vor seiner Deportation nach Dachau, bat er darum, bei seiner Beerdigung möge der Choral „Nun bitten wir den heiligen Geist“ gesungen und über einen Satz aus dem 12. Kapitel des Hebräerbriefes gepredigt werden. Von Jesus spricht dieser, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete. Diese Worte stehen auf der Sandsteinstele seines Grabes auf dem Friedhof neben der Kirche in Leubnitz-Neuostra.

Wie sein Vater muss Paul Richter ein sehr frommer Mensch gewesen sein, vermutet Marita Prenzel. „Er ist seinem christlichen Glauben treu geblieben, hat ihn offen vertreten, nie sein Mäntelchen nach dem politischen Wind gehängt.“ Sie bewundert, wie gradlinig dieser Mann seinen Weg gegangen ist. „Das hat er mit seinem Leben bezahlt.“

Von Tomas Gärtner

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