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Lokales Dresdner Forscherin: „Wer Gift träufeln will, setzt auf Hasskommentare“
Dresden Lokales Dresdner Forscherin: „Wer Gift träufeln will, setzt auf Hasskommentare“
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14:01 18.02.2020
Pegida-Demonstranten laufen vorbei am Fürstenzug und schwenken Flaggen. Das islam- und ausländerfeindliche Bündnis hatte am 17. Februar zum „200. Dresdner Abendspaziergang“ aufgerufen. Quelle: dpa-Zentralbild
Dresden

Hetze und Hass sind ein fester Bestandteil sozialer Medien, die Enthemmung nimmt zu. Befunde dieser Art sind nicht neu. Wissenschaftler der Technischen Universität gehen diesen Phänomenen seit 2017 in einem Sonderforschungsprojekt nach, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 7,5 Millionen Euro für vier Jahre gefördert wird. Ergebnisse werden auf Tagungen und in Publikationen erscheinen, aber auch die breite Öffentlichkeit soll Zugang zu Erkenntnissen haben. Am Mittwoch öffnet in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek die Ausstellung „Schmähung – Provokation – Stigma“. Im Kern geht es um Formen der Herabsetzung.

Ein Fazit der Wissenschaftler lautet: Hetze, Schmähungen und Beleidigungen im Internet hängen nicht vom Bildungsniveau der Absender ab. „Was offenbar nicht hilft, ist Bildung“, sagte die stellvertretende Sprecherin des Projektes, Marina Münkler, am Dienstag bei der Präsentation der Schau. Pöbeln gehöre im Zeitalter sozialer Medien zu den am meisten verbreiteten Ausdrucksweisen. Pöbeln sei dabei nicht an Pöbel gebunden. Die Wahrnehmung von Hasskommentaren sei besonders hoch: „Wer Gift träufeln will, setzt auf Hasskommentare.“ Das Eskalationspotenzial sei durch die modernen Medien gesteigert, es gebe immer mehr Enthemmungen.

Schmähungen keine Erfindung der Neuzeit

Als Beispiel bringt die Ausstellung den Shitstorm, der Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) im vergangenen Herbst nach einem Sturz traf. Solche Schmähungen sind keine Erfindung der Neuzeit. Die Schau geht auch in die Geschichte zurück, zeigt Beispiele für Herabwürdigungen aus allen Zeiten. Allerdings hatten Schmähreden zu Zeiten der alten Römer nur ein kleines Publikum, fanden gewissermaßen in einem geschlossenen Raum und nicht im World Wide Web statt. Die Kuratorin der Ausstellung, Lea Hagedorn, verweist darauf, dass es bereits im 16. Jahrhundert Bemühungen gab, Beleidigungen durch Zensur wieder einzufangen.

In der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) ist ab Mittwoch die Ausstellung Quelle: dpa-Zentralbild

Die Ausstellung umfasst vier Abteilungen. Bei „Stereotype & Stigmata“ gehört beispielsweise das erstmals 1938 aufgelegte antisemitische Kinderbuch „Der Giftpilz“ zu den Exponaten. Es will Ekel und Angst vor Juden und Hass auf sie schüren. Bei „Kunst und Provokation“ wird neben Jan Böhmermanns Schmähgedicht auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan auch eine Karikatur des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ ausgestellt, die den Propheten Mohammed mit dem Schild „Ich bin Charlie“ zeigt. Vor allem in der Kunst diente und dient der Tabubruch und Skandal dazu, Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Ewiges Sprechchor-Mantra: „Volksverräter, „Lügenpresse“ und „Widerstand“

Der Ausstellungsbereich „Schmähgemeinschaften & Feindbilder“ liest sich wie eine Definition der islam- und ausländerfeindlichen Pegida- Bewegung. „Die Herabsetzung von politischen, religiösen und sozialen Gruppen kann Gemeinschaften begründen, die sich überhaupt erst durch die Beteiligung an Schmähungen bilden“, schreiben die Forscher. Solche Gemeinschaften würden dann ihre eigene Dynamik entwickeln, „weil sie auf Wiederholung und Überbietung angelegt sind“. So war am Montagabend bei der 200. Pegida-Kundgebung in Dresden immer wieder das ewige Sprechchor-Mantra aus „Volksverräter, „Lügenpresse“ und „Widerstand“ zu hören.

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Im letzten Teil der Schau widmen sich die Forscher dem Thema „Resonanz und Deutungskraft“ – welche Folgen Schmähungen haben und wie sie gedeutet werde können, vom geflissentlichen „Überhören“ bis zum gezielten Gegenangriff. „Folgt auf eine empörte Reaktion eine Erwiderung, kann sich daraus ein längerer Schlagabtausch mit wechselseitigen Schmähungen und Beleidigungen entwickeln“, heißt es da. Auch hierfür gibt es in Geschichte und Gegenwart viele Belege. US-Präsident Donald Trump gilt als Beispiel dafür, wie man per Twitter Resonanz erzeugt, um damit eine Deutungshoheit zu erlangen. Die Ausstellung ist bis 23. April geöffnet.

Von Jörg Schurig, dpa

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