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Lokales Nichts zu verbergen: So arbeitet die Pressestelle der Polizeidirektion Dresden
Dresden Lokales Nichts zu verbergen: So arbeitet die Pressestelle der Polizeidirektion Dresden
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16:19 03.10.2019
Thomas Geithner in der Pressestelle der Polizeidirektion Dresden: Dort sind derzeit drei Männer beschäftigt. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Wer in Dresden lebt, der kennt wahrscheinlich auch das Gesicht von Thomas Geithner. Geziert von einer Polizeimütze ist es immer dann zu sehen, wenn der Fund einer Weltkriegsbombe große Teile der Stadt lahmlegt, der Verlauf einer Demonstration mitsamt am Rande geschehener Straftaten einzuordnen ist oder Polizeiarbeit wie im Fall des Hutbürgers mal so richtig daneben gegangen ist. Geithner ist Sprecher der Polizeidirektion Dresden. Seit mehr als 14 Jahren macht er das schon, weshalb der 45-Jährige zu den dienstältesten Polizeisprechern Sachsens zählt ist. Wobei der Erste Polizeihauptkommissar nach mehreren Karrieresprüngen inzwischen das Direktionsbüro leitet und nur noch bei größeren Vorkommnissen vor Kameras und Mikrofone tritt.

Ein Pressespiegel in Handarbeit

Die tägliche Pressearbeit in einem Einraumbüro im Direktionsgebäude an der Schießgasse erledigt eine dreiköpfige Mannschaft um Marko Laske – mit 21 Jahren der dienstälteste sächsische Polizeisprecher. Um 6 Uhr beginnt das Tagwerk, mit einem Stapel Zeitungen und einer großen Schere. In Handarbeit wird ein Pressespiegel mit Polizeimeldungen zusammengestellt, thematisch nach Fällen sortiert. Das Ergebnis bekommt der Dresdner Polizeipräsident Jörg Kubiessa per E-Mail zugesandt, damit er es im Zug auf seiner Fahrt von Limbach-Oberfrohna nach Dresden lesen kann. Der Rest der Direktionsmannschaft bekommt das Papier in der Morgenrunde 8.30 Uhr auf den Tisch gelegt.

Dort sitzt dann auch Marko Laske und spitzt die Ohren. In der Runde kommen Leiter und Diensthabende aus den verschiedenen Abteilungen der Polizeidirektion zusammen und berichten, welche größeren Fälle sie beschäftigen. Gibt es eine Einbruchserie? Treiben Trickbetrüger ihr Unwesen? Gab es eine Körperverletzung, zu der Zeugen gesucht werden? Und was wird heute noch wichtig? – All das erfährt er hier. Entsprechend werden in dieser Runde die ersten Pflöcke für das eingeschlagen, was Laske und seine Mannschaft den Tag über beschäftigen wird.

Pressestelle der Polizeidirektion Dresden

Leiter Marko Laske und zwei Mitarbeiter, Stefan Grohme und Lukas Reumund, arbeiten derzeit in der Pressestelle. Sie werden häufig um Praktikanten verstärkt. Thomas Geith­ner vertritt die Pressestelle bei größeren Einsätzen nach außen.

In der Regel zwei Medieninformationen werden täglich versandt, am Wochenende übernimmt das der Polizeiführer vom Dienst aus dem Einsatz- und Lagezentrum. Im vergangnen Jahr sind so 729 Presseinfos zusammengekommen. Sie sind im Internet unter der Adresse www.polizei.sachsen.de/de/medieninformationen_pdd.htm für jedermann einzusehen.

Zwei Social Media Teams sind bei größeren Einsätzen ebenfalls unterwegs. Sie sind in Dresden und Leipzig stationiert und müssen ganz Sachsen abdecken. Insofern ergänzen sie gelegentlich die Arbeit der Dresdner Pressestelle.

Zum Beispiel auch beim 100-Jährigen Geburtstag der Pressestelle der Dresdner Polizeidirektion. Der wurde im Mai 2019 mit einem Twittermarathon gefeiert. Zur Gründung der Dresdner Polizeipressestelle gibt das Buch „Die Geschichte der Dresdner Staatspolizei“ von Richard Kötzschke und Walter Thiele (1928) Auskunft (Repro: Anja Schneider).

Wenn Thomas Geithner so etwas wie das Gesicht und der oberste Erklärer der Polizeiarbeit in Dresden ist, dann ist Marko Laske das, was Journalisten einen Gatekeeper nennen. Er entscheidet, welche Straftaten ihren Weg in die Redaktionsstuben finden und welche nicht. Die Auswahl ist jeden Tag aufs Neue groß: Etwa 400 Einsätze werden in der Notrufzentrale disponiert und etwa 80 Unfälle im Stadtgebiet aufgenommen. Würden sie alle an die Presse kommuniziert, müssten dort wohl Heerscharen angestellt werden, um alles zu bearbeiten. Also wird ausgewählt. Aber nach welchen Kriterien?

Auch schwere Fälle, zu denen die Polizei schweigt

„Wir gehen etwa zu 90 Prozent nach der Schwere der Tat oder der Höhe des Schadens“, sagt Thomas Geithner knapp. Bedeutet: Raub, Körperverletzung und Vergewaltigungen werden mitgeteilt, Unfälle mit Verletzten und Einbrüche mit größerem Schaden auch. Parkplatzrempler und ertappte Schwarzfahrer behält die Polizei dagegen für sich. Auch in einer sicheren Großstadt wie Dresden würde darüber niemand berichten, meint Geithner. Das Prinzip wird für die Landkreise Meißen und Sächsische-Schweiz-Osterzgebirge aufgeweicht. Dort sind schwerere Verbrechen seltener als in der Landeshauptstadt, weshalb Blechschäden und Einbruchsversuche Thema sein können. „Deswegen teilen wir sie dort auch mit.“

Es gibt aber auch schwere Fälle, zu denen die Polizei schweigt. Vor allem bei häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch, der innerhalb von vier Wänden geschieht, ist das so. „Die Öffentlichkeit hat davon ja nichts mitbekommen – es gibt keine unbeteiligten Zeugen“, begründet Geithner. In einem solchen Fall überwiege das Interesse der Opfer, nichts davon in der Zeitung lesen zu müssen.

Wie werde ich Polizist?

Polizist werden kann jeder, der die formalen Einstellungsvoraussetzungen erfüllt. Dazu zählen unter anderem die gesundheitliche Eignung und ein sauberes Vorstrafenregister. Außerdem müssen Interessenten ein Auswahlverfahren bestehen. Am Tag seiner Einstellung darf der angehende Beamte nicht älter als 35 Jahre sein.

Die Karriere startet mit einer Ausbildung oder einem Studium.

Die Ausbildung dauert 30 Monate und ist an einer der Polizeifachschulen in Leipzig, Chemnitz oder Schneeberg möglich. Mit bestandener Laufbahnprüfung erfolgt die Ernennung zum Polizeimeister.

Das Studium dauert drei Jahre und beinhaltet ein einjähriges Grundstudium in Bautzen und zwei weitere Jahre an der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg. Im Anschluss winkt die Ernennung zum Polizeikommissar.

Geld verdient wird bereits in der Ausbildung. Der Polizeimeisteranwärter bringt es anfangs monatlich auf 1182,02 Euro, ein Po­lizeimeister dann zum Einstieg auf 2078,38 Euro. Wer studiert, erhält anfangs 1227,19 Euro, der Polizeikommissar steigt mit 2 319,66 Euro ein (alle Angaben für ledige Personen, Stand 1. Januar 2018).

Weitere Infos zur Karriere bei der sächsischen Polizei, zu Einstiegsmöglichkeiten und den späteren Verwendungsmöglichkeiten gibt es unter verdaechtig-gute-jobs.de.

Anders gelagert sind Tötungsdelikte. Dort hält sich die Polizei in Absprache mit der Staatsanwaltschaft zu allem bedeckt, was Täterwissen sein kann – in aller Regel sind das die Begehungsweise der Tat oder die Situation am Tatort. Dass etwas passiert ist, wird aber mitgeteilt.

Das liest sich relativ klar, ist aber täglich ein Abwägungsprozess. Welches Interesse verfolgt dabei eigentlich die Polizei? „Wir wollen, dass ein realistisches Bild von Kriminalität in Dresden gezeichnet wird“, sagt Geithner. Wer klar sage, was wirklich war, könne wilde Spekulationen oder Übertreibungen vermeiden, so die Überlegung. „Wir berichten neutral, wollen zeigen, was ist – das kann außer uns schließlich keiner.“

NPD-Demo und Hutbürger: Immer wieder mal Konflikte

Wenn dann in der Öffentlichkeit über die Probleme diskutiert werde, die es tatsächlich gebe, sei das gewünscht. Geithner ist der Meinung, dass das in Dresden gut funktioniert. „Hier sind nicht nur Herr Laske und ich lange dabei, auch viele von den Polizeireportern in den Redaktionen sind erfahren – das hilft uns allen“, sagt Geithner. Jede Seite wisse, wie der andere tickt.

Trotzdem gibt es immer wieder mal Konflikte. In Dresden zuletzt am 15. Februar, als mehrere Journalisten – auch von den DNN – von übereifrigen Bereitschaftspolizisten am Rande einer NPD-Demo bei ihrer Ar­beit gehindert wurden. Das wurde auch handgreiflich. Geithner und Polizeipräsident Kubiessa konnten die Sache mit persönlichen Gesprächen ausräumen. „Das hätte auch ganz andere Wellen schlagen können, wenn wir nicht so offen miteinander reden könnten“, ist Geithner überzeugt.

Der Hutbürger will vom ZDF inzwischen eine Entschädigung. Quelle: Screenshot

So wie dieSache mit dem Hutbürger, die im August 2018 immer größere Wellen der Entrüstung auf Dresden warf. In dieser Zeit habe er viel einstecken müssen, sagt Geith­ner. Das ist auch ein Grund, weshalb die Pressearbeit bei der Polizei nicht die beliebteste Aufgabe ist. „Man ist dann das Gesicht der Polizei und gerät dabei auch mal in die Schusslinie“, sagt der 45-Jährige.

>> Lesen Sie auch: Polizeipräsident Kretzschmar: Polizei muss im Umgang mit Medien "noch einiges lernen"

Gleichzeitig habe die Aufgabe aber viele schöne Seiten. Gern denkt Geithner etwa an den Besuch von US-Präsident Barack Obama in Dresden zurück. Für ihn ein Highlight.

US-Präsident Barack Obama mit Kanzlerin Angela Merkel, dem damaligen Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) und Landesbischof Jochen Bohl (2.v.l.) in der Frauenkirche. Quelle: dpa/Matthias Hiekel

Der Höhepunkt: Obama in Dresden

Sicher nicht nur für Thomas Geithner war der Besuch des damaligen US-Präsidenten Barack Obama im Sommer 2009 in Dresden ein Höhepunkt. „Wir hatten nur sechs Wochen vorher davon erfahren – eine sehr kurze Zeit, wenn man die aufwendigen Vorbereitungen bedenkt“, sagt Geithner. Üblich sei bei einem Staatsbesuch dieser Kategorie ein Jahr Vorlauf. Aber es herrschte Obama-Euphorie – auch bei der Polizei. Die Dresdner registrierten erstaunt Taucher am Terrassenufer. Die Presse berichtete mit Begeisterung von Vorkehrungen und dem letzten Training der Motorradstaffel. Es habe eine gute Grundstimmung, ein Wir-Gefühl vorgeherrscht, erinnert sich Geithner heute. Damals sei vieles möglich geworden, was vorher und später nur mit Schwierigkeiten zu bewerkstelligen war. Vor, während und nach dem Besuch habe es viel positive Berichterstattung gegeben – über Dresden und auch über die Polizei, die damals trotz höchster Sicherheitsstufe ihr offenes und freundliches Gesicht zeigte.

In der Pressestelle herrscht freilich meist Alltag. Dort rufen in den Morgenstunden schon die ersten Journalisten an, wollen wissen, was in den letzten Stunden passiert ist. Vormittags wird dann die erste Pressemitteilung versandt, aus der sich vor allem Online-Redaktionen bedienen. Sie wollen so aktuell wie möglich sein, haben aber das Problem, dass gerade bei Unfällen kurz nach dem Ereignis wenig bekannt ist.

Pressestelle bis in den Abend besetzt

In der Pressestelle können die Beamten zwar auf dasselbe System zurückgreifen wie die Disponenten in der Notrufzentrale – haben also den neusten Stand. Dort steht aber nur das nötigste, weder Unfallhergang noch eine Beschreibung der Beteiligten lassen sich den knappen Einträgen entnehmen. Da die Polizei nicht spekuliere, könne meist nur bestätigt werden, dass ein Unfall passiert sei, mehr nicht, sagt Geithner. Im Alltag sorgt das immer wieder mal für Missstimmungen auf beiden Seiten, ändern lässt sich daran jedoch wenig.

Bis in den Abend ist die Pressestelle besetzt – beantwortet Anfragen, versendet Suchmeldungen, klärt über Ermittlungserfolge auf. Stehen abends größere Demonstrationen oder Polizeiaktionen an, bleibt die Pressestelle besetzt. Dann muss sicher auch Thomas Geithner wieder raus, ganz nah an den Schauplatz, um der dort versammelten Pressemeute Rede und Antwort zu stehen.

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110: Der Polizist am anderen Ende der Leitung des Notrufs

Die Brandursachenermittlerin

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