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Lokales Die geheime Toilette: Neue Publikation offenbart Erstaunliches über das Dresdner Residenzschloss
Dresden Lokales Die geheime Toilette: Neue Publikation offenbart Erstaunliches über das Dresdner Residenzschloss
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23:50 02.03.2020
Ansicht des Riesensaals bei der Einführung Johann Georgs IV. in den Hosenbandorden 1693, Blick nach Süden, Gouache, womöglich von Johann Mock. Quelle: aus „Das Residenzschloss zu Dresden“
Dresden

„Gehe nie zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst“, lautet eine alte geflügelte Maxime des „gemeinen“ Volkes. Aber auch eine blaublütige Hoheit versuchte – das verlangte das Standesbewusstsein einfach – gewisse Regeln aufzustellen. Die sollten verhindern, dass Hinz und Kunz mal eben so bei ihr aufkreuzen. In Dresden wurde etwa 1554 eine Hofordnung erlassen, in der genau geregelt wurde, wem wann und ob überhaupt Zugang „in unser Fürsten gemach“, sprich die kurfürstlichen Appartements, gestattet wurde.

Es gibt viel zu entdecken rund um den Prachtbau an der Elbe.

Lakaien, Knechte, Boten, Trabanten und „ander gemein hofgesinde“ war der Zutritt „Inn unser fürstlich Eß gemach“ verwehrt. Auch nach der Hofordnung von 1560 wurden die „Hofleute“ ausdrücklich aufgefordert, „ihren Knechten und Knaben“ zu verbieten, „In unser Gemach unnd Es stubenn“ zu gehen. Sie mussten ihre Bediensteten vor den Türen warten lassen, „bei vermeidung unnserer ungnade“.

Etwa 30 bis 40 Toiletten im Schloss

Das sind nur einige von etlichen aparten Informationen, mit denen eine vom Landesamt für Denkmalpflege herausgegebene neue Publikation zum Dresdner Schloss aufwartet. So wird etwa ins Gedächtnis gerückt, welch „großartige technische Leistung“ die an vielen Stellen sogar immer noch vorhandene Entsorgungsanlage des Schlosses einst darstellte. Sie bildete ein System von größtenteils an den Außenfundamenten entlang geführten Kanälen, die mit ihren Ableitungs- und Abtrittschächten in den Wänden in funktionalem Zusammenhang standen.

Das Residenzschloss besaß zu Renaissance-Zeiten vom Erdgeschoss bis zum ersten Dachgeschoss etwa 30 bis 40 Abtritte. So manches stille Örtchen wurde erst spät entdeckt. Für das an der Ratskammer, das man 1986 ausfindig machte, bürgerte sich beim Wiederaufbau des Westflügels unter den Bauleuten die Bezeichnung „Secret-Raum“ ein.

Italienische Künstler werkelten am Prestigeobjekt mit

Es ist Band 2 einer geplanten Trilogie zum Dresdner Schloss, der mit dieser Publikation vorliegt. Denkmalpfleger, Bauhistoriker, Restauratoren und Archäologen präsentieren darin die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zur Entwicklung des Monumentes, dessen Wiederaufbau ja nicht zuletzt auf der Erforschung des erhaltenen Baubestandes, der Analyse der Schrift- und Bildquellen sowie der Erschließung architekturgeschichtlicher und historischer Zusammenhänge beruht. Und ja – wer es noch nicht wusste: Erste Vorbereitungen zum Wiederaufbau des Schlosses, diesem wichtigen Mosaikstein sächsischer Identität, erfolgten bereits 1985, also zu Zeiten der sonst so adelsfeindlichen DDR.

Erhellt wird – und zwar umfassend – wie ab 1547 mit dem Umbau, der Erweiterung und künstlerischen Ausstattung des spätgotischen Kernschlosses eines der „großartigsten Residenzschlösser der Renaissance nördlich der Alpen“ entstand. Das hatte Folgen: sowohl bezüglich der politischen Stellung des Dresdner Hofes im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation als auch auf dessen europäische Ausstrahlung hinsichtlich der in Dresden praktizierten und entsprechend alimentierten Kunst- und Musikpflege.

Kulturelle Ansprüche auf europäischem Niveau

Spiritus Rector war Kurfürst Moritz, der bei seinem ambitionierten Schlossprojekt ganz neue Wege ging. Im Unterschied zur Generation seines Vaters und Onkels, „deren kultureller Horizont nicht über Augsburg, Nürnberg und Prag hinausging“, erreichten die kulturellen Ansprüche unter Moritz „ein völlig neues, wahrhaft europäisches Niveau“, wie Heinrich Magirius schreibt.

Hatte man sich beim Georgenbau noch über oberdeutsche Vorbilder an Italien orientiert, „so holte sich der junge, aufstrebende Kurfürst für sein Prestigeobjekt nun direkt italienische Künstler und Bauleute nach Dresden“, wie Sachsens langjährige Landeskonservatorin Rosemarie Pohlack festhält. Es entstand die erste nahezu regelmäßige „und in jeder Hinsicht prachtvoll ausgestattete vierflügelige Schlossanlage der Renaissance im mitteleuropäischen Raum nördlich der Alpen“.

Im Fokus: der Große Schlosshof

Der bis dato vorhandene mittelalterliche Baukomplex wurde auf etwa die doppelte Größe erweitert, die neue großzügige Vierflügelanlage hatte eine Länge von etwa 105 Metern und eine Breite von rund 70 Metern. Die wohl konsequenteste Umsetzung des regelmäßigen Vierflügelsystems in der deutschen Schlossbaukunst der Renaissance gelang dann wenige Jahrzehnte später ebenfalls in Sachsen mit Schloss Augustusburg, noch so einem Eigenheim der Albertiner.

Im Fokus steht nicht zuletzt der Große Schlosshof, dessen Neuinszenierung in der Gestalt des 16./17. Jahrhunderts „auf wissenschaftlicher Grundlage und mit viel Herzblut erfolgt“, wie Pohlack beteuert. Seine besondere Prägung und architektonische Wirkung erhält der Schlosshof außer durch die Sgraffito-Malereien und die Loggia nicht zuletzt durch die monumentalen Treppentürme.

Italienische Handwerker wurden beim Lohn bevorzugt

Noch nicht wieder eingebaut ist der Sandsteinplattenbelag des Hofes, der erstmals auf einer Ansicht vom Großen Schlosshof dargestellt ist, die anlässlich des Einzugs der Kurprinzessin Maria Josepha bei den Vermählungsfeierlichkeiten 1719 angefertigt wurde. Ein Gemälde Daniel Bretschneiders von 1613 zeigt noch eine Pflasterung aus Flusskiesel. Der Hof wies nachweislich ein Gefälle von Nord nach Süd auf. Zur Ableitung des Niederschlagswassers diente das „Gerinne“, das entsprechend vor dem Nordflügel verlief.

Auf der Grundlage des neuesten Forschungsstandes sowie einer dichten Quellenlage kann die bauliche Entwicklung über knapp 150 Jahre nun den jeweiligen Kurfürsten klarer zugeordnet werden, ebenso vielen der am Bau Wirkenden. Darunter waren auch italienische Handwerker und Künstler – die offensichtlich besser entlohnt wurden, wie ein Vergleich von Zahlungen von 1553 ausweist.

Auch die Nebenbauten werden vorgestellt

Die einzelnen Kapitel des Buches sind nach den jeweiligen Bauherren bis hin zu Kurfürst Johann Georg IV. geordnet, die zu Beginn jeweils in Kurzbiografien vorstellt werden. Auch die zur Residenz gehörenden höfischen Fest- und Nebenbauten, Militärgebäude sowie Gartenanlagen werden knapp in den Blick genommen und damit die Entwicklung des Schlosses in den Zusammenhang der Residenzbildung gestellt.

Da wäre etwa das Kanzleihaus, das das erste selbstständige kurfürstliche Verwaltungsgebäude in Dresden war. Wie man erfährt, hatte Kurfürst August den Ehrgeiz, die Fassade des neuen Kanzleihauses gleich dem Residenzschloss mit einer Sgraffitodekoration verzieren zu lassen. Dabei kam ihm ein Bittgesuch des „Instrumentisten“ und Malers Benedict Tola recht, der seine Schulden von 200 Gulden mit „mahlen“ tilgen lassen wollte.

Im Juni 1566 befahl der Kurfürst die Schulden zu erlassen, wenn Tola die „eussersten mawern und giebell an dem Newen, Cantzlejgebeude Inwendig und außwendig allenthalbenn Dem Schloßbaw gleich schraffiren unnd geburliche historien die sich zu einer Cantzlej rathstuben Rentherey und Liberj reimeten reissen wollte“. Tola verrichtete wohl sein Werk, aber nach Anton Weck, dessen Name ob seiner vom ihm 1679 verfassten Dresden-Chronik zumindest einigen noch was sagt, waren 1680 nur wenige bildliche Darstellungen und „Sententien“ (denkwürdige Sprüche) sichtbar.

Aufstellung der Pferde erfolgte nach Farbschattierungen

Zum Dresdner Hauptzeughaus wiederum erfährt man, dass es das größte seiner Art in Kursachsen war und dass in ihm laut Inventar von 1581 unter anderem 359 schwere Geschütze eingelagert waren. Das zweitgrößte Zeughaus war in Wittenberg, wo gerade mal 75 vergleichbare Geschütze zum Bestand gehörten.

Zum prächtigen Stallhof wäre wiederum zu sagen, dass die Dresdner Stallung wohl für maximal 128 Pferde konzipiert war. Die Aufstellung der Pferde erfolgte offenbar nach Farbschattierungen, überliefert ist auch eine Liste von 1617, die eine Aufstellung nach Landschlägen bezeugt: „Beysamen stehen die Spanischen, Neapolitanischen, Ungarischen, Pommerischen, Vriesischen...“ Der Stallbetrieb funktionierte mit enormen finanziellen und personellen Aufwand – allein 198 Bedienstete sorgten für einen reibungslosen und präsentablen Tagesablauf im Pferdestall.

16 Stadtansichten nach Stellung und Rangfolge

Um „Nationes“ ging es – wenn auch ein bisschen anders – zudem im Riesensaal. Ein wichtiges Element der Ausmalung des verschwundenen Prunksaals waren eben diese „Nationes“, überlebensgroße männliche Figurendarstellungen, die die Völkerschaften aus den vier damals bekannten Erdteilen symbolisierten. Das fing bei Ungarn und Moskowitern an und hörte bei Persern und Peruanern auf.

Von entscheidender Bedeutung für die Wirkung des Riesensaals waren zudem Ansichten sächsischer Städte, von denen sich 16 in Segmentfeldern der Decke unmittelbar über dem reich vergoldeten Gesims zu beiden Seiten des Saales befanden. Die Anordnung der Stadtansichten entsprach genau der Stellung und Rangfolge der Städte in der Ständeversammlung, dem Landtag. Die Größe der Stadtansichten war unterschiedlich. Am größten war das Wandgemälde zu Freiberg. Dessen Abmessungen betrugen etwa 7,5 mal vier Meter.

Band 3 soll mit barocker Prachtentfaltung am Residenzschloss einsetzen

Es sind nicht zuletzt die das Leben im Schloss vor Augen führenden Informationen, die das Salz in der Suppe dieses 656 Seiten umfassenden Kompendiums sind. An der wissenschaftlichen Güte der Ausführungen zu Baustrukturen oder auch einzelnen räumlichen Ausstattungen ist nichts zu deuteln, aber sie sind auf Dauer trocken zu lesen.

Band 3 soll dann mit der barocken Prachtentfaltung am Residenzschloss um 1700 einsetzen und dessen weitere Entwicklung bis zum großen Schlossumbau Ende des 19. Jahrhunderts vorstellen.

Landesamt für Denkmalpflege Sachsen (Hrsg.): Das Residenzschloss zu Dresden Band 2. Die Schlossanlage und ihre frühbarocke Um- und Ausgestaltung. Forschungen und Schriften zur Denkmalpflege, Band IV, Michael Imhof Verlag, 656 Seiten, 455 Farb- und 73 S/W-Abb., 69 Euro

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