Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Mäuseplage, Dachs-Menü und Bio-Experimente: Das ist Dresdens Ekelbilanz
Dresden Lokales Mäuseplage, Dachs-Menü und Bio-Experimente: Das ist Dresdens Ekelbilanz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:51 27.03.2019
Dieser Wasserhahn gehört nicht in eine Küche, sondern allenfalls noch in den Chemie- oder Biologie-Unterricht – als Lehrobjekt. Quelle: Landeshauptstadt Dresden
Anzeige
Dresden

Eine Mäuseplage im Supermarkt, ein Dachs auf dem Teller und Dresdens kurioseste Geschirrspülmaschine – die 35 Mitarbeiter der Dresdner Lebensmittelüberwachung haben im vergangenen Jahr wieder allerhand Unappetitliches zutage gefördert, über das man sich besser nicht beim Frühstück unterhält. Zwar seien die „größeren Katastrophen“ ausgeblieben, wie Kerstin Normann, Leiterin des Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamts sagt.

Dresdens Ekelbilanz ist dennoch beachtlich. So wurden im vergangenen Jahr bei 8364 Kontrollen (2017:8227) 2337 Proben entnommen (2017: 2230). Die meisten Kontrollen fanden in Restaurants (60 Prozent), im Einzelhandel (32 Prozent) sowie bei Bäckern und Fleischern statt (4 Prozent). Auf diese drei Sparten verteilen sich auch die meisten Betriebe, die in Dresden mit Lebensmitteln zu tun haben. Von den entnommenen Proben wurde ein Fünftel beanstandet, ein merklich höherer Wert als noch 2017 (16,8 Prozent). Fünf Strafverfahren wurden nach Ermittlungen der Lebensmittelüberwacher eingeleitet, vier Betriebe vorübergehend geschlossen. Dabei handelte es sich um zwei Restaurants, eine Fleischerfiliale und eine Betriebskantine.

Anzeige
An dieser Chipstüte haben Mäusezähne ihre Spuren hinterlassen. 2018 gab es eine regelrechte Mäuseplage in einer Supermarktkette in Dresden. Quelle: Landeshauptstadt Dresden

Amtsleiterin Normann betont, dass die meisten Beanstandungen, 76 Prozent, mit Kennzeichnungsmängeln zu tun haben. „Es gibt da fortlaufend neue Vorschriften, mit teils sehr detaillierten Angaben“, sagt sie. Auch für ihre Mitarbeiter sei es da schwierig, Schritt zu halten. Manches bleibt dennoch unerklärlich. So hatte ein Lebensmittelhändler bei Zuckerstangen die Warnung vor „Glutaren“ angebracht, obwohl er dort eigentlich die verwendeten Farbstoffe hätte notieren müssen. Außerdem hält mehr und mehr eine Irreführung der Gäste Einzug. So wird bei Festen mitunter Prosecco verkauft, der sich bei genauerem Hinsehen als billiger Vino Frizzante entpuppt.

Aus Sicherheitsgründen zu Kontrollen im Zweierpack

Viel lässt sich aus den Zahlen herauslesen. So wurde bei einem Dachs eine Trichinenschau vorgenommen, die sonst bei Haus- und Wildschweinen üblich ist. Ein Jäger habe das Tier essen wollen, begründet Amtstierarzt David Kaiser. Auch interessant: 40 Prozent der Betriebe wurden im Vieraugenprinzip geprüft. Zum einen, um bei größeren Anlagen den Überblick zu behalten und zum anderen bei Unternehmen, bei denen erfahrungsgemäß während einer Kontrolle weniger koschere Sachen zu verschwinden drohen. „Das hat man zu zweit besser im Blick“, sagt Amtstierarzt Kaiser. Das Auftreten im Zweierpack hat aber noch einen anderen Grund: Selbstschutz. „Es gibt viele Betriebe, wo keiner so recht deutsch kann und man es auf einmal bei Beanstandungen mit sehr vielen Menschen zu tun hat“, sagt Amtsleiterin Normann. Dort gehe man lieber zu zweit hin. Deutlich ausgesprochene Bedrohungen seien jedoch äußerst selten.

Bauarbeiten und Küchenbetrieb passen selten zusammen. Wenn die Abdeckung dann noch so schludrig ist, tritt die Lebensmittelüberwachung auf den Plan. Quelle: Landeshauptstadt Dresden

Dennoch kann der Alltag als Lebensmittelüberwacher einem auf den Magen schlagen – etwa wenn im Lager an einem Sack mit Lebensmitteln Mottenlarven kleben. „Das ist nicht so selten, es kann auch passieren, dass das vom Hersteller eingeschleppt wird“, gibt Abteilungsleiterin Lillian Raffelt zu verstehen, dass Lebensmittelüberwacher nicht zimperlich sein dürfen. Unnachgiebig jedoch schon. So traten im vergangenen Jahr Fraßschäden durch Mäuse in mehreren Supermarkt-Filialen auf. Daraufhin haben die Fachleute sie alle teils mehrfach kontrolliert. Mal war dort nichts zu bemerken, mal fanden sie Mäuseköttel, durchgenagte Chipstüten oder sahen sich gar Auge in Auge mit einer Maus, die sich durch eine Lebensmittelpackung gefressen hatte.

Geschirrspüler in der Werkstatt, Frittenfett vom Vorjahr

Nur einige Beispiele von vielen. Sonst werden von Speiseresten verkrustete Herde beanstandet oder fehlende Kühlung – wenn zum Beispiel der alte Suppentopf auf einer Packung Hackfleisch landet. Hinzu kommt defektes Material, etwa eine völlig zerkratzte Pfanne, deren Teflonbeschichtung offenbar mit den Speisen verschwunden ist. Viele Probleme basieren auf mangelnder Hygiene, wenn etwa Geschirrspüler nicht richtig eingestellt sind und so Stärkereste auf den Tellern zurückbleiben. Das weisen die Lebensmittelüberwacher mit einer Jod-Lösung nach, die die eigentlich weißen Teller lila färbt.

Bei manchen Unternehmen scheint Hygiene jedoch ein Fremdwort zu sein. So hat ein Imbissbetreiber seinen Geschirrspüler einfach in der benachbarten Autowerkstatt untergebracht. Dort wurde er als Ablage für dreckige Handschuhe, Aschenbecher und Feuerzeuge benutzt und hatte eine dicke Dreckkruste angesetzt. Mehr und mehr gibt es Probleme mit altem Frittenfett. Schlimmste Beispiele bestehen nur noch aus einer dunklen, zähflüssigen Masse, in der alte Panade treibt.

„Topf Secret“ sorgt für Anfrageexplosion

Die meisten Kontrollen, die allerdings turnusmäßig und angekündigt stattfinden, verlaufen jedoch ohne Beanstandungen, betont Abteilungsleiterin Raffelt. Nur 91 Betriebe, 2,3 Prozent, seien 2018 mit Verstößen aufgefallen. Dennoch denkt man im Amt derzeit über Neuanstellungen nach. Grund ist eine Initiative privater Lebensmittelüberwacher, die sich unter dem Titel „Topf Secret“ im Internet organisieren. Die wollen bei der Behörde zumeist das letzte Ergebnis der Hygieneüberprüfung bei einem bestimmten Betrieb in Erfahrung bringen und es dann veröffentlichen. Auch melden sie sich mit konkreten Hinweisen. 196 derartige Anträge, die alle einen mehrmonatigen Prüfprozess zur Folge haben, bei dem die jeweiligen Betriebe involviert sind, sind bisher bei den Lebensmittelüberwachern eingegangen. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2018 gab es 183 Bürgerbeschwerden.

Von Uwe Hofmann