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Lokales Landesbeauftragter Rathenow äußert sich kritisch zu Geyers Umgang mit Stasi-Debatte
Dresden Lokales Landesbeauftragter Rathenow äußert sich kritisch zu Geyers Umgang mit Stasi-Debatte
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10:33 15.06.2018
Zwischen den Ehrenspielführern, die mit großen Fotos auf der Haupttribüne im Stadion präsentiert werden, ist ein Streit um die Stasi-Belastung von Eduard Geyer ausgebrochen. Quelle: dehli-news
Dresden

Die aktuelle Diskussion um Dynamo Dresden und Eduard Geyer ist für Lutz Rathenow ein außergewöhnlicher Vorgang. „Das ist die spannendste Stasi-Debatte, die ich in den letzten Jahren erlebt habe“, sagte der sächsische Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur gegenüber den Dresdner Neuesten Nachrichten. Gleichzeitig äußerte sich Rathenow kritisch zum Umgang des früheren Trainers und Spielers mit der Diskussion um seine Person.

Seit Anfang Juni wird in Dresden über Geyers Würdigung im Verein als Ehrenspielführer gestritten. Die Sportgemeinschaft hat neun ehemaligen Spielern diesen Status verliehen und zeigt großformatige Bilder von ihnen im Stadion. Gegenüber den DNN hatten Ende Mai die drei Ehrenspielführer Klaus Sammer, Dieter Riedel und Hans-Jürgen Kreische erstmals öffentlich erklärt, sie würden nicht mehr auf eine Stufe mit Geyer gestellt werden wollen. Hintergrund dafür sei dessen Stasi-Mitarbeit in der DDR.

In seiner Zeit als aktiver Spieler hatte sich Geyer 1971 schriftlich zur inoffiziellen Mitarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit verpflichtet. Jahrelang lieferte er unter dem Decknamen „Jahn“ Berichte über das Innenleben der Mannschaft. Unter anderem äußerte er sich 1986 abfällig über Riedel und Sammer, die damals auch auf Druck der Stasi gerade als Dynamo-Trainer abgesetzt worden waren. Riedel, Sammer und Kreische forderten daher bereits im Frühjahr den Verein auf, Geyer den Status als Ehrenspielführer abzuerkennen. Da dies nicht geschehen ist, haben sie inzwischen selbst erklärt, als Ehrenspielführer zurückzutreten.

Geyer zeigte sich zwar gesprächsbereit, erklärte aber, es gebe keine neuen Erkenntnisse. Es sei vor Jahren bereits darüber diskutiert worden. Die Debatte schade dem Verein. Die Diskussion stößt weit über Sachsen hinaus auf Interesse. Am Freitag sind die drei Spieler zu einem Treffen mit Ehrenrat und Präsidium des Vereins eingeladen.

Für Rathenow ist es „hochspannend“, dass viele Jahre nach der Wende eine so „breite, differenzierte und völlig legitime Diskussion“ entstanden sei. Dabei gehe es nicht nur um den Austausch von Pressemitteilungen, sondern auch die große Zahl an Leserbriefen, denen die beiden Dresdner Tageszeitungen Raum geben würden.

Der Vorgang illustriere seine These, dass bestimmte Erkenntnisse aus den Stasi-Akten unabhängig vom Zeitpunkt ihres Bekanntwerdens weiterwirken, wenn sie auf neue Bedingungen stoßen. In diesem Fall sei das ein Spieler, der nach eigenen Angaben erst im vergangenen Jahr von Details aus Geyers Stasi-Mitarbeit erfahren habe. Oder er hat einen Bericht gesehen und konkrete Zitate gelesen, die er vorher nicht kannte. So können Fakten aus der Vergangenheit plötzlich in der Gegenwart eine neue Wirkung entfachen, das passiere immer wieder und immer im unerwarteten Moment.

Rathenow räumte ein, dass der Konflikt jetzt nicht mehr leicht zu lösen sei. Mit einer konkreten Bewertung zu Geyers Rolle bei der Stasi oder im Verein zu DDR-Zeiten wolle er sich zwar zurückhalten, zum Umgang des Ex-Spielers mit der Debatte äußerte er sich dennoch kritisch.

„Ein Satz, es spiele alles keine Rolle mehr, es liege alles auf dem Tisch, so ein Satz stimmt nie“, stellte Rathenow fest. Auch eine Aussage, er habe doch niemandem geschadet, „hält einer näheren Betrachtung nicht stand“. Nur völlige Tatenlosigkeit hätte nicht geschadet. Wenn sich heute jemand hintergangen fühlt, dann ist das schon ein Schaden. „Geyers Gleichgültigkeit stört mich, das ist schwach.“ Eine Ein-Satz-Entschuldigung allein sei auch nicht hilfreich, denn wenn sich jemand entschuldige, nur damit er seine Schuldigkeit getan hat, dann könnte das eher den Frust noch verstärken. „Es geht nicht um Entschuldigung für eine mögliche Schuld, die er gar nicht begriffen hat.“ Rathenow sieht auch keinen Grund für die Annahme, die Diskussion würde die nächste Saison belasten. Der Verein könnte offensiv damit umgehen und vielleicht in einem Fanprojekt so eine Diskussion aufgreifen. Die drei Spieler sind für Rathenow auch keine „Störenfriede“. Einer sagte sinngemäß, in Cottbus würde das vielleicht einfach durchgehen, in Dresden aber nicht. Die Diskussion müsse nicht als Ballast gesehen werden, sie bilde lediglich eine Stadt ab, in der viele Dinge gleichzeitig passieren und Haltungen aufeinanderprallen. Schließlich sei dies auch alles eingebettet in eine Tradition, die sportlich wichtig, erfolgreich und stadtverbunden war, aber auf der anderen Seite durch die Organisation „Dynamo“ auch strukturell im Staatssport verankert gewesen ist.

Zur Lösung des Problems seien verschiedene Wege denkbar. Der Verein könnte eine Analyse der Stasi-Akten in Auftrag geben, das wäre beim Landesbeauftragten oder einem Wissenschaftler möglich, würde aber einige Zeit in Anspruch nehmen. Es zeige sich, „wenn es kein Mittel zur Aufklärung gibt, bleiben die Mutmaßungen“, mahnte Rathenow. Denkbar sei möglicherweise eine Präsentation mit zusätzlichen Informationen oder die getrennte Darstellung von Spielern und Trainern. Ob eine solche Person, Ehrenspielführer sein könne, müsse letztlich der Verein bewerten. In einem früheren Stadium hätte Geyer den Konflikt vermeiden können. Klar ist: „Die Goldene Henne für Geyer ist kein Argument in diesem Streit.“

Von Ingolf Pleil

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