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Lokales „Pegida funktioniert wie eine Polit-Sekte“
Dresden Lokales „Pegida funktioniert wie eine Polit-Sekte“
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20:53 18.10.2018
Anfang 2016 erlebte Pegida bei den Teilnehmerzahlen seinen Zenit. Heute kommen deutlich weniger Menschen – aber immer noch Montag für Montag.
Anfang 2016 erlebte Pegida bei den Teilnehmerzahlen seinen Zenit. Heute kommen deutlich weniger Menschen – aber immer noch Montag für Montag. Quelle: Archiv/Sebastian Willnow/dpa
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Dresden

Im Oktober 2014 lief Pegida das erste Mal durch Dresden – damals fast ohne jede Beachtung. Drei Monate später versammelte die islamfeindliche Be­we­gung 25 000 Menschen, Medien aus aller Welt berichteten über Pegida und Dresden. Vier Jahre später ist das Bündnis im­mer noch da, die Teilnehmerzahlen ha­ben­ sich im unteren vierstelligen Bereich eingependelt. Mi­chael Nattke vom Kulturbüro Sachsen und seine Kollegen be­obachten die Bewegung seit ihrer Entstehung. Im Interview mit den DNN erklärt er, was hinter dem Phänomen Pegida steckt.

Seit vier Jahren zieht Pegida Montag für Montag durch Dresden. Herr Nattke, was glauben Sie, steckt hinter dieser Ausdauer, dieser Verbissenheit?

Ich denke daran wird vor allem sichtbar, dass sich die Positionen der Pegida-Teilnehmer sehr verhärtet haben. Inzwischen funktioniert Pegida ähnlich einer großen Polit-Sekte. Diejenigen, die dort jetzt noch auf der Straße sind, sind argumentativ nur noch schwer oder gar nicht mehr zu erreichen. Das hat sich festgefahren.

Sie reden von einem harten Kern. Doch ist es nicht auch so, dass zumindest ein Teil der Menschen in Sachsen dem heimlich zustimmt, was Pegida proklamiert?

Ich bin der festen Überzeugung, dass die große Mehrheit der Menschen in Sachsen die Positionen von Pegida nicht teilt. Über 80 Prozent der Sachsen sind De­mokraten. Auch in Dresden. Wir dürfen nie vergessen, dass Pegida eine laute politische Minderheit ist. Das ihre Positionen mehrheitsfähig sind, ist eine Legende, der wir nicht aufsitzen sollten.

Tatsächlich sehen viele Dresdner Pegida als Problem, mehr sogar noch als die allgemeine Kriminalität. Der Gegenprotest fällt jedoch anders als in Leipzig oder München stets sehr verhalten aus ...

Ich habe Hochachtung vor denen, die jede Woche für Menschlichkeit und ge­gen den Rassismus von Pegida auf der Straße sind. Warum das so wenige sind, kann ich nicht beantworten. Tatsächlich gab es ja auch in Dresden 2014 und 2015 über Wochen hinweg eine vierstellige Zahl von Leuten, die gegen Pegida de­monstrierten. Es gibt allerdings in keiner Stadt ein so massives rechtes Demonstrationsaufkommen wie in Dresden. Schwer vorstellbar, dass München oder Leipzig einen jahrelangen Gegenprotest aufrecht erhalten könnten. Und natürlich wäre es wünschenswert, wenn gerade an solchen Tagen, wie dem kommenden Sonntag viel mehr Dresdner zeigen, was sie von Pe­gida halten.

Pegida hat sich zunehmend radikalisiert. Wie sehr hat das Einfluss auf die Gesellschaft und auf den politischen Diskurs?

Pegida ist Stichwortgeber für zahlreiche rechte Parteien, Gruppen und Vereine in Sachsen. Die Radikalisierung hat da­mit für ein ganz bestimmtes Milieu einen wichtigen Einfluss. Leidtragende dieser Entwicklung sind vor allem diejenigen, die von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind. Für Menschen die nicht weiß oder nicht deutsch sind, hat sich das Klima in Sachsen mehr und mehr verschärft.

Sachsens Verfassungsschutz lehnt es ab, Pegida zu beobachten. Kommen Sie zu einem anderem Schluss?

Fakt ist: sowohl die rechtsterroristische Gruppe Freital, wie auch die gewalttätige Freie Kameradschaft Dresden oder der Bombenleger Nico K. wurden durch Pegida politisch sozialisiert. Ich sehe hier den Nährboden für eine aggressiv-kämpferische Ablehnung der demokratischen Verfasstheit unserer Gesellschaft. Ich weiß nicht, was der Verfassungsschutz sieht.

Nach anfänglicher Zurückhaltung haben Pegida und die AfD längst den Schulterschluss vollzogen. Wie wichtig ist Pegida für die AfD – und umgekehrt?

Natürlich gibt es große inhaltliche Schnitt­mengen zwischen Pegida und der AfD. Sie sind beide Teil einer neuen rechten Bewegung. Die einen sind für Dynamik auf der Straße und die anderen für den Marsch durch die Parlamente verantwortlich.

Nächstes Jahr wird in Sachsen gewählt. Die AfD könnte die stärkste Kraft werden. Werden wir noch einen fünften Geburtstag erleben oder ist die Mission von Pegida dann erfüllt?

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die AfD ein Ergebnis deutlich unter den derzeitigen Umfragewerten einfährt. Diese Partei gefährdet massiv das friedliche Zusammenleben in un­serer Demokratie. Zu Pegida mag ich kei­ne Zukunftsprognose mehr abgeben. Es gibt Pegida schon deutlich länger, als ich es je vorausgesagt hätte.

Von Sebastian Kositz